Stolpersteinverlegung in Stuttgart-Nord Erinnerung an den langen Weg in den Tod

Von Susanne Müller-Baji 

Der Künstler Gunter Demnig hat in Stuttgart-Nord einen Stolperstein verlegt, mit dem an Carl Eisig erinnert werden soll. Der Getreidehändler wurde von den Nationalsozialisten 1941 nach Riga deportiert und kam 1942 im Lager Salaspils ums Leben.

Carl Eisig wurde 1941 deportiert. Der Künstler Gunter Demnig hat jüngst 16 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Foto: Susanne Müller-Baji
Carl Eisig wurde 1941 deportiert. Der Künstler Gunter Demnig hat jüngst 16 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Foto: Susanne Müller-Baji

S-Nord - Zunächst wurde er zum Umzug in ein jüdisches Altersheim an der Heidehofstraße gezwungen, dann folgte eine Reise ohne Wiederkehr nach Riga: Seit vergangener Woche erinnert ein Stolperstein in der Parlerstraße an das Schicksal von Carl Eisig (1877 - 1942).

Ortstermin mit Künstler: Gunter Demnig ist im Verlegen von Stolpersteinen längst routiniert. Seit er sein Projekt initiiert hat, hat er schon rund 60 000 Gedenksteine verlegt, wie er schätzt: „In 21 Ländern, als letztes ist jetzt Litauen dazugekommen – die haben es sich ziemlich lange überlegt.“ Circa 95 Prozent der Mahnmale habe er in den vergangenen 20 Jahren selbst verlegt, schätzt er und geht ans Werk. Er hat einen straffen Zeitplan: Allein an diesem Donnerstag, der Demnigs Geburtstag ist, werden es in Stuttgart 16 Stolpersteine sein. Und am nächsten Tag geht es in der Region weiter.

16 Stolpersteine bedeuten 16 Mal Leid und Unrecht, Menschenleben, die ausgelöscht, und Angehörige, die über den Verbleib ihrer Familienmitglieder im Unklaren gelassen wurden. Über Carl Eisig weiß man mehr als über manch anderes Opfer: Der Getreidehändler war ein erfolgreicher Geschäftsmann und dazu einer, mit einer durchaus sozialen Einstellung, wie Notizen seinen Mitarbeiter belegen. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde seine Firma 1936 liquidiert. Eisigs Neffen flohen in die USA; er selbst sollte nachkommen, was ihm aber nicht gelang. Schließlich wurde er gezwungen, in das jüdische Altersheim an der Heidehofstraße umzuziehen. Dort heiratet er Tage vor dem Abtransport nach Riga am 1. Dezember 1941 seine Cousine Johanna Metzger. Der mögliche Grund: Sie wollten während der Deportation nicht getrennt werden. Sowohl an die Ehefrau als auch an die beiden über achtzigjährigen Trauzeugen, Arthur Essinger und Heinrich Richheimer, erinnern bereits Stolpersteine in Stuttgart. In Riga wird das Ehepaar getrennt, Carl Eisig kommt ins Konzentrationslager Salaspils, wo sich seine Spur im Jahr 1942 verliert.

Die Stolpersteine sollen den Opfern ihre Namen zurückgeben

Carl Eisigs Schicksal lenkt das Augenmerk auch auf das Durchgangslager am Killesberg, in dem rund 1000 jüdische Mitbürger aus ganz Württemberg „konzentriert“ wurden und auf ihre Deportation warten mussten. Die war zunächst noch als „Umsiedlung“ getarnt und musste von den Betroffenen selbst bezahlt werden. Nur rund 50 Menschen der ersten Deportation nach Riga haben den Holocaust überlebt; sieben weitere Transporte folgten, unter anderem nach Theresienstadt und Auschwitz. Eine Gedenkstätte am Nordbahnhof und ein Gedenkstein im Höhenpark Killesberg erinnern heute daran.

Demnig hat den allerersten seiner Stolpersteine schon im Dezember 1992 vor dem Kölner Rathaus verlegt; seine Inschrift zitiert den „Auschwitz-Erlass“, mit dem Heinrich Himmler die Deportation von Sinti und Roma veranlasst hatte. Bald dehnte der Künstler sein Projekt aus; die ersten Stolpersteine in der heutigen Form verlegte er 1995. Sie sollen NS-Opfern, die in den Konzentrationslagern zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurückgeben. Gleichzeitig markieren sie Tatorte und stellen die Schutzbehauptung in Frage, man habe nichts von den Deportationen bemerkt.

Das Stolperstein-Projekt gilt heute als das größte dezentrale Mahnmal der Welt, wird aber vereinzelt auch kritisiert. Charlotte Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, bezeichnete es als „unerträglich“, dass auf den Namen ermordeter Juden herumgetreten werde. Allerdings verortet das Projekt ja tatsächlich die unvorstellbaren Gräuel des Dritten Reichs.

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