Stopp für Integrationskurs Ehemaliger Firmenchef würde auch als Putzmann arbeiten, um Deutsch zu lernen

Der Weg auf den Arbeitsmarkt beschleunigt sich für Migranten, wenn sie die deutsche Sprache beherrschen. Foto: IMAGO/Panama Pictures

Ahmet ist einer von denen, die keine Chance mehr auf einen Integrationskurs in Stuttgart haben. Dabei ist er hoch qualifiziert. Jetzt lernt er mit Youtube-Videos Deutsch.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Ahmet, dunkler Pulli, schwarze Steppweste, schwarze Brille, akkurater Haarschnitt, könnte gerade auch aus dem Flugzeug gestiegen sein, um bei einer der Firmen in Stuttgart Station zu machen, mit denen sein ehemaliger Arbeitgeber zusammenarbeitet. Aber Ahmet, dessen Name wir zu seinem Schutz geändert haben, macht keinen Businessbesuch in der Landeshauptstadt. Vielmehr wartet der 33-jährige Türke in einer Unterkunft der Caritas auf die Bearbeitung seines Asylantrags. Die Hoffnung, in der Zeit der Aufenthaltsgestattung, bereits einen Integrationskurs beginnen zu können, ist jedoch seit dem Stopp für einen Teil der Bewerber durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) äußerst gering.

 

In diesem Kurs würde er die deutsche Sprache lernen – und damit seine Vermittlungschancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen. Experten betonen, dass Arbeit der Integration diene. Ahmet gehört zu den geschätzt 25 000 Menschen in Baden-Württemberg, die von dem abrupten Aus des BAMF betroffen sind. Entsprechend groß sind der Protest und das Unverständnis, warum dieser Weg, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, für diese Menschen nun versperrt wird. Ahmet gehört zur Gruppe der Asylsuchenden mit Aufenthaltsgestattung. Flüchtlinge aus der Ukraine sind ebenfalls neben anderen von der Entscheidung betroffen. Die Stuttgarter Sozialbürgermeisterin Alexandra Sussmann hatte nach Bekanntwerden von der Gefährdung des sozialen Friedens und der sozialen Stabilität gesprochen. Unverständnis war auch von der IHK-Geschäftsführerin Susanne Herre gekommen. Von den Trägern der Integrationskurse sowieso.

Ahmet, der hier stellvertretend für andere seine Geschichte erzählt, will arbeiten. Am besten jetzt gleich. Vielleicht würde er hier sogar dringend gebraucht. In der Türkei war der studierte Maschinenbauer in leitenden Funktionen tätig. Die Zeugnisbewertung seines ausländischen Hochschulabschlusses liegt bereits vor. Berufserfahrung hat er auch. Der 33-Jährige war unter anderem Qualitätsmanager, Produktionsleiter und Fabrikleiter in Konya, einer Stadt mit einer wachsenden Industrie. In der Firma, die einer der Zulieferer für die Region Stuttgart war, arbeiteten mehrere Tausend Menschen. Es ist ihm wichtig zu sagen: „Mir ging es dort wirtschaftlich gut“. Das sei nicht der Grund, weswegen er aus der Türkei geflohen ist. „Es ist die Menschenrechtslage dort“, übersetzt eine Dolmetscherin seine Worte.

Flucht vor Verfolgung in der Türkei

Ein bisschen Deutsch kann er schon. Aber nicht genug, um dieses Gespräch in der fremden Sprache führen zu können. Mit Deutschland verbindet ihn eine lange und schicksalhafte Geschichte. Sein Bruder lebt seit 25 Jahren in der Region. Der Vater ist mit ihm als Kind damals nach Deutschland gekommen. Der Familiennachzug blieb Ahmet und einem weiteren Bruder dann damals aber versagt. Er berichtet in ruhiger Tonlage. Aus der Türkei herausgekommen sei er jetzt nur, weil ihm geholfen wurde. Er habe sich dort politisch betätigt. Näher ins Detail will er nicht gehen.

Um aus seiner misslichen Lage das Beste zu machen, versuche er nun, im Selbststudium mit Youtube-Videos Deutsch zu lernen. Eigentlich den ganzen Tag. Einen Sprachkurs, um auf B1-Niveau zu kommen, womit man dann für einfache Jobs ohne viel Sprachkenntnisse qualifiziert ist, ersetze das jedoch nicht, sagt sein Betreuer. Ahmet sagt höflich, man spreche doch immer vom Fachkräftemangel und hofft insgeheim, dass sich eine Lücke am Arbeitsmarkt für ihn auftut. Er wolle nicht von staatlicher Unterstützung leben.

Neuanfang in Deutschland

Er macht sich aber zugleich auch nichts vor: Er wird in Deutschland beruflich wieder ganz von vorne anfangen müssen. „Das Leben hat Höhen und Tiefen“, sagt er gefasst. Er würde sich gerne auf eine Ausbildungsstelle im IT-Bereich bewerben. Und hofft, dabei ebenfalls sein Deutsch verbessern zu können. Gleichzeitig hofft er auf die Anerkennung seines Asylantrags oder eine Duldung.

Trotz allem hat er sich schon mal um eine Arbeit beworben. Die Arbeitserlaubnis hat er zusammen mit seinen Betreuern in der Unterkunft vor zwei Monaten beantragt – und wartet auf Antwort von der Ausländerbehörde. Der ehemalige Projektleiter und Firmenmanager könnte bei der Bahn als Reinigungskraft anfangen. Er will das machen, wenn er darf und die Stelle bekommt. Er brauche das Geld für den Deutschkurs. Dass er mit einem kleinen Budget auskommen kann, wisse er noch aus der Zeit seines Studiums.

Die Fraktionsgemeinschaft Die Linke SÖS Plus im Stuttgarter Gemeinderat hat inzwischen einen Antrag eingebracht, die Integrationskurse in Stuttgart zu erhalten und aus der Stadtkasse zu finanzieren. Die Kostenübernahme für die Integrationskurse wollen die Antragsteller durch Umverteilung der für den Neubau der Schleyerhalle vorgesehenen 45 Millionen des Doppelhaushalts 26/27 möglich zu machen.

In einem Integrationskurs geht es um die deutsche Sprache und Gesellschaft. Foto: dpa

Mit dieser Idee stoßen sie auf wenig Widerhall bei den anderen Gemeinderatsfraktionen. Die sehen zwar in der Mehrzahl die Notwendigkeit von Integrationskursen, den vorgeschlagenen Weg dorthin geht keine der Fraktionen mit. Jasmin Meergans (SPD) spricht von einem Schaufensterantrag. Da es sich bei der Schleyer-Halle um eine Investition im Finanzhaushalt handelt, können die Mittel nicht einfach für laufende Ausgaben verwendet werden, gerade in der aktuellen finanziellen Situation der Stadt nicht.“ Auch für Rose von Stein (Freie Wähler) ist klar, dass es nicht sein könne, dass die Stadt eine Leistung an sich zieht und zahlt, „die bisher von Bund finanziert wurde.“

Mehrheit: Stadt kann nicht einspringen

Die Stadt könne nicht einfach jede Fehlentscheidung des Bundes ausgleichen, sagt auch Petra Rühle (Grüne). Es helfe nicht, „bei jedem Finanzbedarf ein anderes städtisches Projekt zur Gegenfinanzierung vorzuschlagen“. Von Populismus spricht die CDU. Es sei nicht konstruktiv, wenn Integration gegen Wirtschaftsförderung aufgewogen würden. Auf die handwerklichen Schwächen des Antrags verweist auch Thorsten Puttenat (Stadtisten/Puls). Die genannten 45 Millionen Euro seien explizit als Planungsmittel im Kontext der Schleyerhalle geführt, „sie laufen haushaltsrechtlich im Block der Investitionen, nicht im Ergebnishaushalt“. Michael Mayer (AfD) stuft den Antrag als PR-Gag ein.

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