Stopschild in der Tübinger Straße Bremsmanöver, bis die Gummiklötzchen glühen

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Bei einer Stoppschild-Party protestieren Radler gegen den Zwangs-Halt auf der Tübinger Straße. Immer wieder versuchten die etwa 50 an der Aktion beteiligten Fahrradfreunde, ihre Drahtesel an der Kreuzung mit der Feinstraße punktgenau zum Stehen zu bringen. Auf der wichtigsten Radroute durch die Stuttgarter Innenstadt lösten die unter den Augen einer Polizeistreife durchgeführten Stoppversuche durchaus Gedränge aus.

Auslöser des Protests: das Stoppschild für Radler auf der Tübinger Straße Foto: S. Schmierer
Auslöser des Protests: das Stoppschild für Radler auf der Tübinger Straße Foto: S. Schmierer

S-Süd - Bremsen als Protestaktion: An einer nur wenige Zentimeter breiten, weißen Fahrbahnmarkierung auf der Tübinger Straße haben Stuttgarter Radler am Freitagabend zwei Stunden lang gestoppt, was die Gummiklötze an den Felgen hergaben – und bei der bundesweit wohl ersten Stoppschild-Party einen phasenweise beachtlichen Rückstau erzeugt. Immer wieder versuchten die etwa 50 an der Aktion beteiligten Fahrradfreunde, ihre Drahtesel an der Kreuzung mit der Feinstraße punktgenau zum Stehen zu bringen. Auf der wichtigsten Radroute durch die Stuttgarter Innenstadt lösten die unter den Augen einer Polizeistreife durchgeführten Stoppversuche durchaus Gedränge aus.

Ein Stoppschild an dieser Stelle sei fehl am Plkatz

„Wir haben es geschafft, den Verkehr ins Stocken zu bringen – und auf ironische Art zu zeigen, dass ein Stoppschild für Radler an dieser Stelle einfach fehl am Platz ist“, erklärt Christine Lehmann den Sinn der hundertfach wiederholten Bremsmanöver. Die im Bezirksbeirat sitzende Fahrrad-bloggerin und Buchautorin will mit ihren Mitstreitern deutlich machen, dass der Zwang zum Halt nicht etwa das Unfallrisiko senkt, sondern eine Gefahr darstellt. An dem Protest hat sich „Radfahren in Stuttgart“ und „Critical Mass“ beteiligt, auch der Fahrradclub ADFC zieht gegen das kurz vor Pfingsten aufgestellte Stoppschild zu Feld. Gefordert wird, den Zwangshalt wenigstens durch ein „Vorfahrt achten“-Signal zu ersetzen. „Beim Wieder-anfahren kommen Radler in einen sehr instabilen Zustand“, kommentiert Lehmann. Gravierend sei die Verzögerung, wenn der Schwung fehlt: „Beim Antritt sind die Autos, vor denen man noch rüber zu kommen glaubte, bereits da“, sagt sie. Ein rollender Stopp, bei dem sich Radler in moderatem Tempo auf die Kreuzung zubewegen, sei in der Praxis weitaus ungefährlicher.

Die Beobachtungen bei der Stoppschild-Party hat Lehmann auf einem ins Internet gestellten Video dokumentiert. Zu sehen sind auf den bewegten Bildern auch die zahlreichen Verstöße gegen die Stopp-Vorschrift. Nicht an der Aktion beteiligte Radler ignorieren das Verkehrszeichen komplett, brettern mit Karacho über die Stoppstelle oder nutzen gar den nahen Zebrastreifen für die Überquerung der Straße. Hätte die bei der Kundgebung eingesetzte Polizei den Bußgeld-Block gezückt, wäre am Freitag ein beträchtlicher Strafzettel-Berg zusammengekommen – allein das Überfahren der Stoppstelle schlägt offiziell mit zehn Euro zu Buche.

Autofahrer statt Radler sollen halten

Frank Zühlke vom Stuttgarter ADFC geht noch einen Schritt weiter – und fordert, dass statt den Radlern die Autofahrer halten müssten. „In Stuttgart redet man zwar viel, aber es ändert sich nichts. Den Radverkehr ausgerechnet auf der wichtigsten Radroute durch die Innenstadt auszubremsen ist das falsche Signal“, beklagt der stellvertretende Vorsitzende.

Mit einem Brief an Oberbürgermeister Fritz Kuhn hat der Fahrradclub versucht, sich für eine Entfernung des Stoppschilds einzusetzen. Gehofft wird, dass der Rathauschef eingreift und haftungsrechtliche Bedenken im Ordnungsamt ausräumt. Laut einer 2014 erstellten Verwaltungsvorschrift sollen Stoppschilder nur an Stellen stehen, wo es die Sichtverhältnisse zwingend erfordern oder die Geschwindigkeit anderer Fahrzeuge nur schwer einzuschätzen ist. Aus Sicht der Fahrrad-Aktivisten ist das in der Tübinger Straße nicht der Fall.

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