Eigentlich sollte der Blick im Sozial- und Gesundheitsausschuss des Kreistags am Montag gleich zu Beginn auf die Zahlen der Polizei zu Kriminalität und Sicherheit im eigenen Landkreis gerichtet werden. Angesichts der gewaltsamen Ausschreitungen rivalisierender Gruppen aus Eritrea am Samstag in Stuttgart-Hallschlag fühlte sich Böblingens Landrat Roland Bernhard indes berufen, die Geschehnisse in der Landeshauptstadt zu kommentieren.
„Auch wenn sich das Geschehen in Stuttgart abspielte, muss auf das Wochenende eingegangen werden. Wir gehören immerhin zur Region Stuttgart. Es ist ein Beispiel dafür, wie die Polizei zum Prellbock zweier Gruppen wird“, sagt Bernhard. Neben dem Landrat hat Polizeipräsident Thomas Wild aus Ludwigsburg Platz genommen. Wild steht dem Präsidium vor, das seit 2014 die beiden Kreise Ludwigsburg und Böblingen gemeinschaftlich polizeilich überwacht.
Kriminalitätsrate insgesamt auf Niedrigniveau
Nachdem Bernhard die Gewaltausbrüche der zumeist jungen Männer auf das Schärfste verurteilt und harte Reaktionen einer „wehrhaften Demokratie“ gefordert hat („Gastrecht verwirkt“), schwenkte Thomas Wild den Blick auf die Kriminalitätsentwicklung im Kreis Böblingen für das Jahr 2022 und das erste Halbjahr 2023.
Die polizeiliche Kriminalitätsstatistik (PKS) verzeichnet 4032 Straftaten im vergangenen Jahr. Das stellt zwar im Vergleich zu 2021 (3770) einen Zuwachs von 6,9 Prozent dar, im Zehn-Jahres-Vergleich bewegen sich die Zahlen aber weiter auf unterstem Level. „Das ist der zweitniedrigste Wert in zehn Jahren. Wir leben in einem sicheren Landkreis“, sagt Wild. Als Grund für den Anstieg vermutet der Polizeipräsident das vollständige Auslaufen aller Anti-Corona-Maßnahmen. „Wir sehen in einigen Deliktsbereichen Zuwächse, die belegen, dass die Menschen wieder mehr draußen sind. Sie gehen in Gaststätten, nutzen öffentliche Verkehrsmittel und gehen wieder in Einkaufstempel.“
So sind laut PKS kreisweit die Diebstahl- (plus 34 Prozent) und Rohheitsdelikte wie Körperverletzung (plus 17,4 Prozent) stark angestiegen. Auch in die Höhe gegangen im Vergleich zu 2021 sind Delikte wie Gewalt gegen Polizeibeamte (plus 14 Prozent), Straftaten im öffentlichen Raum (plus 10,8 Prozent) und Cybercrime (plus 3,6 Prozent). 2022 weniger registriert hat die Polizei Delikte mit Rauschgift (minus 4,4 Prozent), Fälschungen (minus 10,2) und Betrügereien (minus 10,8). Mit besonderer Sorge, so Thomas Wild, beobachte er die Entwicklung bei der Gewalt gegen seine Kolleginnen und Kollegen: „Es mangelt an Respekt gegenüber Polizeibeamten“, stellt er fest.
Subjektives Sicherheitsgefühl ist nicht immer richtig
Orte, an denen viele Bürger vor allem abends und nachts nur ungern verweilen, sind die Bahnhöfe. Im Landkreis stehen hier vor allen Dingen Böblingen und Leonberg immer wieder im Fokus. Wie die PKS zeigt, hat es im gesamten Bahnhofsbereich in Böblingen eine deutliche Zunahme an Straftaten gegeben – und zwar um 38,6 Prozent. Dazu gehören neben den Bahngleisen und der Unterführung auch der Bahnhofsvorplatz und die Mercaden am Eingang der Böblinger Bahnhofstraße. Konkret gab es 2022 im Bahnhofsumfeld mehr als 62 Prozent mehr Ladendiebstähle, fast 60 Prozent mehr Körperverletzungen und über 260 Prozent mehr Hausfriedensbrüche – das heißt, dass Betretungsverbote, beispielsweise in den Mercaden, ignoriert wurden.
„Alles in allem würde ich sagen, dass der Böblinger Bahnhof kein besonderer Kriminalitätsschwerpunkt ist. Es ist normal, dass dort, wo viele Menschen verkehren, auch mehr Straftaten begangen werden“, erklärt Wild. In Bezug auf das subjektive Sicherheitsgefühl, das nicht selten besagt, dass Bahnhöfe unsicher und gefährlich seien, meint der Polizeipräsident: „An Bahnhöfen halten sich eben größere Personengruppen auf. Oft sind die Orte schmutzig. Mit Graffitis an Wänden und schlechterer Beleuchtung fühlt man sich dort unsicher. Es gibt aber durch Beleuchtung und bessere Pflege der Flächen vor Ort Verbesserungspotenzial.“
Jugendliche greifen öfter zum Messer
Wenn auch teilweise rückläufig, beschäftigen Wild und seine Kollegen im Präsidium weiterhin Gewaltakte, bei denen mit Messern vorgegangen wird, Betrugsfälle am Telefon, bei denen Senioren überrumpelt werden, oder auch Gewalttaten unter Lebenspartnern.
Weil gewaltsame Angriffe oder Bedrohungen mit Messern immer wieder vorkommen, hat sich auch der Polizeipräsident mit der Frage beschäftigt: Wer sind die Menschen, die Messer bei sich tragen und sie gegen Mitmenschen einsetzen? „Es fällt auf, dass es vor allem männliche Jugendliche sind, die vermehrt Messer mit sich führen. Es brauche daher „eine Kooperation zwischen Jugendamt, Jugendgerichtshilfe, Staatsanwaltschaften, Gerichten und der Polizei, um dieser Tendenz entgegenzuwirken“, sagt Wild. Eine Möglichkeit, dem Phänomen Jugendkriminalität besser Herr zu werden, wäre die Schaffung eines Haus des Jugendrechts – wie es auch in Stuttgart existiert.
Obwohl das Jahr noch nicht abgeschlossen ist, wagt der Polizeipräsident eine erste Einschätzung für das Jahr 2023: „Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass wir uns wohl in einem ähnlichen Bereich wie 2022 bewegen werden. Am Ende könnte es vielleicht ein leichter Zuwachs gegenüber 2022 werden.“
Kriminalitätsgeschehen im Kreis Böblingen
Tendenz
Bei den registrierten Straftaten ist zu 2021 ein Plus von knapp 7 Prozent zu verzeichnen. Dennoch bewegen sich die Zahlen auf einem niedrigen Niveau.
Anstieg
2022 gab es mehr körperliche Angriffe, Diebstähle von Fahrrädern und Waren in Geschäften, aber auch mehr Gewalt gegen Polizeibeamte wurde verzeichnet.
Rückgang
Rückläufig waren Rauschgift-, Vermögens- und Fälschungs- sowie Betrugsdelikte.
Tötungsdelikte
2022 gab es kreisweit sechs Tötungen. Die Zahl ging verglichen zu 2021 um 40 Prozent zurück.
Coronaeffekt
Nachdem ab 2022 keine Schutzmaßnahmen mehr in Kraft waren, stiegen vor allem Straftaten im öffentlichen Raum an – wenn auch auf moderatem Level.