Strafvollzug Eine kleine Knastmusik

  Foto: Martin Stollberg
  Foto: Martin Stollberg

Der ehemalige Gefängnisdirektor Joachim Walter wünscht sich Gefängnisse, in denen die Häftlinge in Wohngruppen leben. Noch wird die Resozialisierung hinter Gittern mit bescheideneren Mitteln betrieben – zum Beispiel mit einem Rockkonzert.

Region: Verena Mayer (ena)
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Stuttgart - Die Scheinwerfer erfassen nicht nur die Bühne, sondern auch das sakrale Gemälde an der Wand. Das Jesuskind auf Marias Arm leuchtet im Takt von „Highway to Hell“ mal blau, mal rot, mal grün und mal gelb. Aus den Boxen daneben quillt ein Krachbrei, die Akustik in dem Mehrzweckraum ist bescheiden. Der Sänger grölt mit dem Bass: „Livin’ easy, lovin’ free.“ Er schreit mit der Gitarre: „No Stop Signs, Speed limit“ und brüllt mit dem Schlagzeug: „I’m on my Way to the promised Land.“ AC/DC eben. In den Stühlen auf dem Parkett lehnen Männer und wippen mit dem Fuß. An Sonntagen steht vorne der Pfarrer. Heute ist dort die Coverband Thunder/Bells in musikalischer Mission unterwegs.

Mindestens einmal im Monat spielt im Wirtschaftsgebäude der JVA Stammheim eine kleine Knastmusik. Jedes Konzert kommt gut an. Egal, ob Los Banditos auftreten, die Singvögel, die Thunder/Bells oder Musiker der Yehudi-Menuhin-Stiftung. Die Konzerte sind schon allein deshalb gut, weil es sie gibt. „Das bringt Abwechslung in den tristen Alltag“, sagt Klaus Boshart.

Boshart, 53, ist für die Betreuung der Stammheimer Gefangenen verantwortlich und hat den Rock im Knast inzwischen so etabliert, dass er keine Bands mehr suchen muss. Sie kommen von selbst. Allerdings hat er auch mal mit einem Bandmanager zu tun gehabt, der sagte: „Für Verbrecher rühre ich keinen Finger.“ Boshart nennt den Namen der Band nicht. Aber er sagt, dass es „keine ganz unbekannte“ war.

In Osterburken, achtzig Kilometer nördlich von Stammheim, sitzt der einstige Gefängnisdirektor Joachim Walter in seinem Büro und sagt: „Dass auch Straftäter Staatsbürger sind, ist noch nicht überall angekommen.“ 35 Jahre ist es her, dass das Strafvollzugsgesetz der Bundesrepublik in Kraft trat – und damit der Gedanke der Resozialisierung. Seither dürfen Häftlinge nicht mehr nur eingesperrt werden und froh sein, wenn sie hinter Gittern körperlich unversehrt bleiben. Außer der Freiheit solle hinter Gittern nichts fehlen, sagt Walter, einer der Ersten, der das Außen nach innen brachte. Anno 1974 war er das Wagnis eingegangen und engagierte das Heilbronner Stadttheater für einen Krimi im Knast. Heute gilt Walter als eine der renommiertesten Persönlichkeiten des baden-württembergischen Justizvollzugs.

Nach 20 Jahren kein Rentenanspruch

Der pensionierte Leitende Regierungsdirektor arbeitet mittlerweile als Anwalt. Für den Staatsdiener a. D. gibt es noch immer viel zu tun für die Staatsbürger hinter Gittern. Aktuell kämpft er mit einem seiner Mandanten darum, dass für Gefangene Rentenbeiträge gezahlt werden. Weil während der Haftzeit keine Sozialabgaben abgeführt werden, hat sein Mandant keinen Rentenanspruch, wenn er rauskommt. Obwohl er dann 20 Jahre lang im Knast gearbeitet und Geld verdient haben wird. „Das ist diskriminierend“, sagt Walter.

Im Mehrzweckraum in Stammheim breitet sich der Krachbrei aus. „I’m a wanted Man“, jault der Sänger. Die Männer auf den Stühlen wiegen ihre Oberkörper im Takt, die mit engen Shirts bedeckt sind oder zu großen Hemden. „Public Enemy Number one“, kracht es aus den Boxen. Die Männer trommeln auf ihre Schenkel, die in Trainingshosen oder Jeans stecken. „Cause I’m T.N.T. I’m Dyna­mite“, grölt der Saal. Draußen zieht ein Traktor Furchen in Felder. Die Schrebergärtner neben dem Knast hegen ihr Gemüse. Auf einem Laternenmast im Hof lässt sich eine Taube nieder und schaut durch ein vergittertes Fenster. Hinten im Saal sitzen Wärter und behalten die Konzertbesucher im Blick. Die Inhaftierten verhielten sich stets positiv, sagt Klaus Boshart. Einen Zwischenfall habe es bei Rock im Knast noch nie gegeben.

Boshart organisiert für seine Häftlinge auch Fußball- und Kartenspiele, Schach- und Kochrunden. Seine Männer können basteln und Kraftsport treiben, Tischtennis spielen und die Bibelstunde besuchen. Die Aufsicht übernehmen entweder die Beamten außerhalb ihrer Dienstzeit oder Ehrenamtliche in ihrer Freizeit. Boshart ist dankbar für jeden Einzelnen. Die externen Helfer tun viel mehr, als ihre Zeit zu verschenken: Sie bauen Brücken – „zwischen dem verschlossenen Teil der Gesellschaft und dem freien“, wie Klaus Boshart sagt. Denn häufig, das hat der Justizvollzugsbeamte gelernt, realisierten die Leute draußen gar nicht, dass die Leute drinnen auch ein Teil der Gesellschaft seien.




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