Straßenbahn nach Frankreich Ein kurzes Schienenstück für mehr Europa

Gelungener Brückenschlag zwischen Straßburg und Kehl. Foto: Milankovic 6 Bilder
Gelungener Brückenschlag zwischen Straßburg und Kehl. Foto: Milankovic

Seit dem Wochenende fährt die Straßenbahn aus Straßburg über den Rhein ins badische Kehl. Eine Woche vor der entscheidenden Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich wird der europäische Gedanke betont.

Titelteam Stuttgarter Nachrichten: Christian Milankovic (mil)

Straßburg/Kehl -

Die Symbolik ist schon fast aufdringlich. Der Grenzposten in Kehl (Ortenaukreis), längst seiner Bedeutung beraubt, fristet ein Schattendasein. Die Musik spielt an diesem Samstag im Wortsinn auf der anderen Straßenseite. Dort, auf dem Vorplatz des Kehler Bahnhofs, wird bei Bier, Bratwurst und Blasmusik die Ankunft der Straßburger Tram auf deutscher Seite gefeiert. Statt wie früher ein Ausweisdokument vorzeigen zu müssen, reicht es heute, ein Straßenbahnbillet zu haben. Und schon kann die Fahrt über den Rhein nach Frankreich beginnen.

In den modernen Wagen der Straßburger Verkehrsbetriebe rückt Europa zusammen – oder zumindest die Bürgerschaft Europas. Am Eröffnungswochenende, an dem die Züge der Linie D kostenlos benutzt werden können, ist der Ansturm enorm.

Dem Land ist der Brückenschlag einiges wert

Tags zuvor hatte politische Prominenz symbolisch den Schlusspunkt hinter eine dreijährige Bauphase gesetzt. Solange hatte es gedauert, das Straßburger Tramnetz um gut 2,7 Kilometer gen Osten zu verlängern. Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hob die „hohe Symbolkraft für Europa“ hervor und erlaubte sich daran zu erinnern, dass mit 25 Millionen Euro der Bund und das Land gut ein Viertel des Gesamtvorhabens finanziert hätten.

Womöglich sind die Gedanken der Ehrengäste auch schon zum kommenden Sonntag gegangen. Dann entscheiden die Nachbarn im Westen, wer als Staatsoberhaupt in den Elysée-Palast einzieht. Der nahende Wahltermin habe auch die Teilnahme eines Vertreters des Staates an den Feierlichkeiten zum Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs in der Grenzregion verhindert, notieren die „Dernières Nouvelles d’Alsace“ (DNA), die in Straßburg erscheinende Tageszeitung. Dass mit Marine Le Pen eine – vorsichtig ausgedrückt – Europa-Skeptikerin ins höchste französische Staatsamt gewählt wird, mag sich auf dem Tram-Fest niemand so richtig vorstellen. Das Elsass hatte zwar im ersten Wahlgang mehrheitlich dem Front National von Madame Le Pen die Stimme gegeben. Aber in Straßburg, seit dem 26. Mai 1962 Partnerstadt von Stuttgart, votierten die Wählerinnen und Wähler für deren Konkurrenten Emmanuel Macron. Le Pen landete deutlich distanziert auf Rang vier. „Dass das Elsass für Le Pen gestimmt hat, liegt nicht an der Nähe zur Grenze sondern daran, wie die Verhältnisse in Frankreich in der Region wahrgenommen werden“, sagt DNA-Redakteur Xavier Thiery.

Auf den Bahnen wird fürs Arbeiten jenseits der Grenze geworben

Etwas trotzig wirkt da die Werbeaufschrift auf einer der eingesetzten Straßenbahnen, die die Besucher in einer Vielzahl von Sprachen in Straßburg als „der europäischen Hauptstadt“ willkommen heißt. Auf einem anderen Wagen wird derweil in einer kruden Mischung aus deutsch und französisch für die Ortenau als Arbeitsregion geworben. 10 000 Fahrgäste sollen laut einer von Winfried Hermann zitierten Prognose täglich die neue Verbindung nutzen. Der Brückenschlag am Rhein bedeutet die überhaupt erste dritte internationale Straßenbahnstrecke zwischen Deutschland und dem benachbarten Ausland. Zwischen Saarbrücken und dem lothringischen Saargemünd pendeln ebenso Nahverkehrszüge wie zwischen Basel und dem südbadischen Weil am Rhein.

Der Kehler Bahnhof soll nicht auf Dauer Endstation der Linie sein. Pläne für eine Verlängerung bis ans Rathaus der badischen Kleinstadt gibt es bereits. Auf französischer Seite will die Stadt Straßburg längs des neuen Schienenstrang brachliegende ehemalige Hafengelände entwickeln. Dort sollen Wohnungen und Büros entstehen. Zwei Haltestellen sind gebaut. Die Trams halten aber erst, wenn die Gebäude stehen.

Erinnerungen an weniger nachbarschaftliche Zeiten

Wer sich am Samstag statt mit den Bahnen zu Fuß über die nach dem elsässischen Humanisten Beatus Rhenanus benannte, spektakuläre neue Rheinbrücke nach Straßburg aufmacht, läuft einer Gruppe von jungen Erwachsenen in die Arme, die die Aufschrift auf ihren T-Shirts als „Jeunes Européens Strasbourg“, als junge Europäer Straßburgs ausweist. Sie haben eine Landkarte des Kontinents auf den Boden gelegt und verteilen Karten mit den Namen der EU-Staaten in der jeweiligen Landessprache, die die Teilnehmer auf der Karte an der richtigen Stelle platzieren sollen. Dass es nicht immer so spielerisch zugegangen ist, offenbart ein Blick in die Historie der nun wieder aufgenommenen Straßenbahnverbindung. Die ersten Trams fuhren 1897 vom damals deutschen Straßburg nach Kehl. 1918 wurde das Elsass wieder ein Teil Frankreichs und die Schienenverbindung ins deutsche Ausland gekappt. 1941 fuhren die Bahnen abermals über den Rhein. Doch die Episode währte nur kurz. 1944, mit der Befreiung Straßburgs, wurde der Verkehr eingestellt.

In Sichtweite der ersten Haltestelle auf französischer Seite mahnt ein Panzer auf einem Podest und erinnert an die Opfer, die der Kampf um Straßburg gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gekostet hat.

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