Der Unmut ist groß. „Viele meiner Kundinnen sagen, dass sie sich in der Bahnhofstraße bei der Dunkelheit nicht wohl fühlen“, sagt Panja Belser vom Fellbacher Blumenfachgeschäft. „Die reduzierte Straßenbeleuchtung hat eine negative Wirkung für unsere Einkaufsstraße, sie wirkt in der Dunkelheit fast wie eine Seitenstraße.“ Besonders spürbar sei das seit der Zeitumstellung. „Jetzt wird es schon gegen 17 Uhr dunkel“, ergänzt eine Kundin. Im dämmrigen Licht seien Stolperfallen schwer zu erkennen. Panja Belser zeigt auf eine Stelle mit loser Gehwegplatte. Inzwischen ist der Schaden zum Glück behoben.
Kerstin Barth vom Hygge-Laden sieht durch weniger Licht die Aufenthaltsqualität gemindert. Nur eine Lampe in jeder der Doppelleuchten bringt Helligkeit. Erste Teile der Weihnachtsbeleuchtung hängen zwar. Die Sterne seien dekorativ, machten die Straße aber nicht entscheidend heller. „Es ist ein Gesamtpaket, das die Attraktivität ausmacht“, sagt die Händlerin. „Und zu viel Müll landet auf der Straße, da es zu wenig Mülleimer gibt“, klagt sie. Hilfreich wäre auch eine nahe Laubsammelbox.
In Fellbach werden „keine Straßenzüge im Dunkeln gelassen“
Um Energie zu sparen, wurde im vergangenen Winter nur jede zweite Leuchte in der zentralen Nord-Süd-Achse in Fellbach angeschaltet. Bleibt das so? „Die Folgen des Klimawandels führen uns vor Augen, wie wichtig die Reduktion des Kohlendioxids ist, auch wenn die Energiereserven derzeit gut gefüllt sind“, teilt das städtische Presseamt mit, „prinzipiell gelten die Reduktionen daher aus dem vorherigen Jahr weiterhin.“
Die Ein- und Ausschaltzeiten der Straßenbeleuchtung orientierten sich an den tatsächlichen Lichtverhältnissen. Werde ein spezieller „Lichtwert“ am zentralen Sensorstandort unterschritten, würden Befehle an die Schaltstellen zur Ein- beziehungsweise Abschaltung gesendet.
Fellbachs Straßen werden von knapp 6100 Leuchten erhellt. Ungefähr zwei Drittel davon seien auf LED umgestellt. Die Reduktion bringe etwa 14 000 Kilowattstunden an Stromeinsparung pro Monat. Gibt es ganz dunkle Straßen? „Grundsätzlich nicht. Wir haben uns bereits im vergangenen Jahr aus Sicherheitsgründen deutlich dagegen ausgesprochen, ganze Straßen oder Straßenzüge im Dunkeln zu lassen“, erklärt Sabine Laartz vom städtischen Presseamt.
In Schorndorf wird Beleuchtung in Anliegerstraßen von 0 bis 4 Uhr abgeschaltet
Einen anderen Weg geht Schorndorf: „Auch im Norden der Kernstadt bleibt das Licht künftig von 0 bis 4 Uhr aus“, teilt das Presseamt der Stadt mit. Um Strom und Kosten zu sparen, habe der Gemeinderat beschlossen, die Straßenbeleuchtung in allen Anliegerstraßen der Gesamtstadt von 0 bis 4 Uhr abzuschalten. Ausgenommen seien Hauptstraßen und Bereiche mit Fußgängerüberwegen. „Die Idee, nur jede zweite Straßenbeleuchtung abzuschalten, wäre nicht zulässig, da eine gleichmäßige Mindestausleuchtung vorgeschrieben ist“, sagt Pressesprecher Dominique Wehrle. Nachdem die Beleuchtung in den Stadtteilen auf die halbnächtige Betriebsweise umgestellt worden sei, folge dies für den Norden der Kernstadt. In der Nacht auf Samstag wurde die Beleuchtung im Gebiet nördlich der Waiblinger Straße und der Welzheimer Straße erstmals abgeschaltet. Zudem soll die Beleuchtung südlich der alten B 29 Ende März 2024 auf halbnächtige Betriebsweise umgestellt werden. Die Stadtwerke haben ein Einsparpotenzial im ersten Jahr von 50 000 Euro, im zweiten von 75 000 Euro, im dritten von 100 000 Euro errechnet. Ausgenommen von der Abschaltung bleiben Areale um die Schulen. In Schorndorf hatten fast 200 Bürger in einer Petition „Licht an in Schorndorf“ gefordert. „Ich lebe in Miedelsbach und fühle mich sehr unsicher, wenn ich mit dem letzten Wiesel heimkomme und absolut nichts sehe, meine Töchter übrigens auch“, so ein Unterzeichner.
Der Sprecher der Waiblinger Stadtwerke, Michael Sigel, teilt mit, dass der Anteil von LED-Leuchten rund 64 Prozent betrage. Insgesamt gebe es rund 7300 Leuchten-Standorte in Waiblingen. Im Mittel leuchte eine Straßenlaterne rund 4000 Stunden im Jahr, im Durchschnitt elf Stunden pro Tag. Seit 2013 würden nur noch LED-Leuchten für Erweiterungen und Auswechslungen eingesetzt. „Der Jahresverbrauch der Straßenbeleuchtung konnte, trotz ständiger Erweiterungen der Standorte, in den letzten Jahren um 50 Prozent reduziert werden“, so Sigel. „Zwischen 21 bis 6 Uhr werden viele Leuchten gedimmt und verbrauchen weniger Energie“, sagt Sigel. Der Jahresverbrauch der Straßenbeleuchtung lag voriges Jahr bei rund 1,5 Millionen Kilowattstunden. „Im Vergleich zum gesamten Jahresverbrauch aller Kunden in Waiblingen beträgt der Anteil der Straßenbeleuchtung rund 0,6 Prozent.“
Zwischen 21 bis 6 Uhr werden viele Leuchten in Waiblingen gedimmt
Für Kerstin Barth in Fellbach ist klar: „Die Beleuchtung in meinem Geschäft bleibt an, weil es sonst so dunkel ist.“ Auch der Herrenausstatter Stefan Lutz lässt das Licht an, ebenso der Weltladen. „Davon profitieren auch die Menschen an der Stadtbahnhaltestelle“, sagt dessen Geschäftsführerin Annegret Frey-Kächler. Für die Fellbacherin Christa Kellner ist ausreichend Licht ein wichtiger Punkt. „Wenn ich nach einem Konzert in der Lutherkirche heimgehe, ist der Weg zu dunkel“, sagt die Kulturbegeisterte, die viel per ÖPNV unterwegs ist.
Städte wie Hamburg setzen auf mehr Beleuchtung
In Hamburg gibt es beim ÖPNV derweil eine Beleuchtungsoffensive: „Zusätzliche Beleuchtung wird ein wichtiger Beitrag für die Stärkung der Verkehrssicherheit und für die Mobilitätswende in Hamburg“, sagte Verkehrssenator Anjes Tjarks von den Grünen dem „Abendblatt“. „Wir wollen ja, dass die Menschen mehr Wege im Umweltverbund zurücklegen – also zu Fuß, mit dem Rad oder im öffentlichen Personennahverkehr. Dafür ist es wichtig, dass sich alle Radfahrenden, aber auch alle Fußgänger auf unseren Straßen und Wegen wohl und sicher fühlen.“ Eine Fellbacherin behilft sich in der Sebastian-Bach-Straße: „Ich nehme immer eine Taschenlampe mit, da ich dort im Dunkeln schon mal gestolpert und gestürzt bin.“