Straßenhunde in Rumänien „Nehmt ihr die Hunde nicht, schläfern wir sie ein“

Im Tierheim Smeura in Rumänien leben über 6000 Hunde. Alle davon hoffen auf ein liebevolles Zuhause. Foto: Steve Przybilla

In Rumänien betreibt ein Verein aus Baden-Württemberg das größte Tierheim der Welt. Die Tierschützer wollen das Elend der Straßenhunde stoppen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

Endlich raus! Das ist eigentlich alles, was sie wollen. Sie bellen, jaulen, winseln. Stecken ihre Nasen durchs Gitter. 6000 Hunde, die gleichzeitig um Aufmerksamkeit buhlen. Der Lärm ist so stark, dass manche Tierpflegerinnen Ohrstöpsel tragen.

 

Der Ort ist Rettung und Gefängnis zugleich. Keine Hundepension, aber immer noch besser als eine staatliche Tötungsstation. Als Spielzeug dienen alte Autoreifen, als Schlafplatz zusammengenagelte Holzhütten. Futter gibt es genug, es wird per Lkw angeliefert und in Schubkarren verteilt, 2700 Kilo am Tag. Es riecht wie im Zoo.

Ein Refugium für Straßenhunde

Dieser Ort ist nicht irgendein Tierheim. Es ist die Smeura, das größte Tierheim der Welt. Das 6,5 Hektar große Areal liegt im Herzen Rumäniens, rund 120 Kilometer von der Hauptstadt Bukarest entfernt. Der deutsche Verein „Tierhilfe Hoffnung“ hat die ehemalige Fuchsfarm in ein Refugium für Straßenhunde umgebaut.

Die meisten von ihnen haben nicht mal Namen. Da ist der kleine Rüde, der mit eingewachsener Halskette ankam. Der Mischling, der orientierungslos über den Marktplatz lief. Der Schäferhund, den der Bürgermeister nicht mehr wollte, weil er blind geworden war.

Allein im Landkreis Argeș, in dem die Smeura liegt, leben zwischen 80 000 und 100 000 herrenlose Hunde. Wie viele es genau sind, weiß niemand; das Veterinäramt zählt einzelne Straßen und rechnet die Zahlen hoch. Fest steht nur: Die Tiere sollen weg.

Die Absichten sind gut

Das Problem ist so groß, dass sogar die Fußballprofis von Dinamo Bukarest mit Straßenhunden ins Stadion einliefen, um auf das Elend aufmerksam zu machen. Parallel dazu hat sich in Westeuropa eine Art Adoptionsindustrie gebildet. Jedes Jahr werden Tausende von Hunden vermittelt, manche über Tierheime und seriöse Vereine, andere über private Annoncen. Die Absichten sind meist gut, die Erfolge aber überschaubar. Oft landen die Hunde am Ende doch wieder im Tierheim, nur eben in einem anderen Land.

Seit 2013 fährt die Regierung eine rigorose Ausrottungskampagne. Gesetz 258/2013 ermöglicht es den Behörden, Straßenhunde einzufangen und zu verwahren. Wenn sich nach 14 Tagen kein Besitzer meldet, werden die Tiere eingeschläfert.

Harte Gangart

Die harte Gangart geht auf einen Vorfall im Jahr 2013 zurück. Damals attackierten mehrere Hunde den vierjährigen Ionut Anghel in Bukarest. Der Junge wurde so stark verletzt, dass er starb. Zwar stellte sich später heraus, dass es sich um Wachhunde einer Firma handelte. Das Tötungsgesetz blieb trotzdem in Kraft.

Matthias Schmidt will das nicht akzeptieren. Der 41-Jährige ist Vorsitzender der „Tierhilfe Hoffnung“, und damit auch Chef des größten Tierheims der Welt. Trotz aller Widrigkeiten lacht er häufig, auch bei diesem morgendlichen Rundgang. Er inspiziert Zwinger, checkt Datenblätter, nimmt Welpen auf den Arm.

„Für mich ist das eine Lebensaufgabe“, sagt Schmidt, als er den Tierheim-eigenen Welpen-Spielplatz betritt. Ein Mini-Planschbecken gibt es hier, daneben einen Picknicktisch und Holzbänke zum Klettern. 950 Hundewelpen leben in der Smeura, sie finden meist schneller ein Zuhause als ältere Hunde.

Der Verein arbeitet mit über hundert Tierheimen in Deutschland zusammen. Ein Mitarbeiter telefoniert sie ab, wieder und wieder. „Seit Corona ist es noch schwieriger geworden, weil alles überfüllt ist“, sagt Schmidt. Trotzdem gelingt es, jede Woche 30 bis 60 Hunde zu vermitteln. Dann geht es im Transporter nach Deutschland, 17 Stunden lang, 1600 Kilometer.

Tierheimleiter Schmidt kommt aus Dettenhausen, einem Dorf bei Tübingen. Als Kind führt er die Hunde seiner Nachbarin aus, der Vereinsgründerin Ute Langenkamp. „Da ich selbst keinen Hund haben durfte, war es für mich das Größte, mit ihnen raus zu dürfen“, erinnert sich Schmidt. Als junger Mann demonstriert er gegen Tierversuche, später arbeitet er als Krankenpfleger und Rettungssanitäter, an freien Tagen fährt er mit in die Smeura.

Impfen und kastrieren, statt zu töten

„Am Anfang sperrte die Stadt die gefangenen Hunde in die alten Fuchskäfige“, sagt Schmidt. „Dann wurden sie einfach in Massengräber geschüttet und teilweise lebendig begraben. Für mich war das der Schlüsselmoment.“ Die Tierschützer beschließen, das Gelände zu übernehmen und als Tierheim umzubauen. Ihr Ziel: Impfen und kastrieren statt töten.

Als Langenkamp 2016 stirbt, übernimmt Matthias Schmidt die Geschäfte. Heute ist die Smeura nicht nur ein Tierheim, sondern ein lokaler Arbeitgeber. 134 Personen beschäftigt der Verein, die meisten davon in Rumänien. Sie arbeiten als Pfleger, Tierärztinnen und Fahrer.

Um all das zu finanzieren, müssen enorme Summen an Spenden eingehen. „Pro Monat brauchen wir zwischen 220 000 und 250 000 Euro“, sagt Matthias Schmidt. Er selbst übernachtet im Tierheim, wenn er einmal pro Monat für zehn Tage nach Rumänien fährt. Die Zuschüsse des rumänischen Staates? „Null.“

Am nächsten Morgen ist der Chef schon früh auf den Beinen. Diesmal begleitet er eines der Kastrationsmobile, zu denen Einheimische ihre Vierbeiner bringen können. Der Eingriff ist kostenlos, so soll der Vermehrungskreislauf durchbrochen werden. Ein paar Kilometer weiter liegt das Dorf Mălureni.

Während in der nahe gelegenen Großstadt Pitesti die Menschen über Boulevards flanieren, kommen sie hier per Pferdefuhrwerk zum Kastrationsmobil. Ein ehrenamtlicher Helfer, der als Bürgermeister kandidiert, stellt seinen Hof zur Verfügung. „Um etwas Gutes für die Gemeinschaft zu tun“, wie er mehrfach betont. Die Mundpropaganda hat gewirkt, es kommen 25 Personen. Manche transportieren ihre Hunde in Käfigen, andere führen sie an rostigen Ketten.

„Die Tötungsstation läuft trotzdem weiter“

Im mobilen OP-Saal greift Stefan Savulescu zum Skalpell. Vier Spritzen setzt der Tierarzt pro Hund: eine Prämedikation, eine Narkose, ein Antibiotikum und ein Schmerzmittel. Ein kurzer Schnipp, ein selbstauflösender Faden – fertig. Keine 25 Minuten dauert der Eingriff, der nächste Patient liegt schon sediert auf dem Krankenwagenboden.

Mindestens 40 000 Hündinnen und Rüden müssen die Ehrenamtlichen pro Jahr kastrieren, damit die Straßenhund-Population dauerhaft zurückgeht. So hat es das Veterinäramt ausgerechnet. Sorin Sorescu, der Leiter der Behörde, lobt die Bemühungen: „Wir können dem Verein zwar kein Geld geben, aber wir teilen uns die Arbeit.“

Die Smeura kastriert und beherbergt Hunde, die Behörden chippen und impfen. „Wir gehen in den Dörfern von Tür zu Tür“, sagt Sorescu, „und wir sprechen vor Schulkindern über Tierschutz. In zehn Jahren könnten wir der erste Landkreis sein, der das Straßenhund-Problem gelöst hat.“ Auch Matthias Schmidt lobt das Modellprojekt. „Aber die Tötungsstation läuft trotzdem weiter“, schiebt er hinterher.

Er mag „den Doktor“ nicht

Eine liegt direkt gegenüber der Smeura, was dort als Provokation und moralische Erpressung aufgefasst wird: Nehmt ihr die Hunde nicht, schläfern wir sie ein. Hier gibt es keinen Freilauf. Die Zwinger bestehen aus blankem Beton, manche Gitter rosten. Als Wassernapf dienen Metalleimer. Die Anlage wirkt trostlos, aber sauber. Beweise für Misshandlungen sieht man nicht. In diesem Moment kommt der Wachmann um die Ecke, in der Hand den Halfter eines Ponys. „Das wohnt auch hier“, sagt er, „das gehört dem Herrn Doktor.“

Der Doktor – Matthias Schmidt mag ihn nicht, weil er die Hunde totspritzt. Auch die staatlichen Angestellten lassen durchblicken, dass er etwas zu viel Eifer an den Tag lege. „Wenn’s nach uns geht, lassen wir die 14-Tage-Frist verstreichen“, sagt der Mitarbeiter der Tötungsstation. Überhaupt seien die meisten Tiere, die man erlöse, von Autos angefahren worden – was auch Matthias Schmidt bestätigt.

So sehr er die Tötungsstationen verurteilt: Im Landkreis Arges habe sich in den vergangenen Jahren einiges verbessert. Schlimm sei der Anblick der wehrlosen Geschöpfe aber jedes Mal aufs Neue.

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