Streetfood ist bedroht Das Street-Food-Gen schlummert in jedem

Das unglaublich kleine Plastikstühlchen des Nachtmarkt-Restaurants mag unbequem sein, es bietet aber mehr Authentizität als jede Führung durch eine Metropole, sagt Politik-Redakteur Christian Gottschalk.

Die Kultur der Straßenstände mit Essen in Bangkok ist akut gefährdet. Foto: AFP
Die Kultur der Straßenstände mit Essen in Bangkok ist akut gefährdet. Foto: AFP

Stuttgart - Es ist ein augenöffnender Zufall gewesen, damals, vor vielen Jahren in Marrakesch. Den Koch des nicht ganz so günstigen Restaurants beobachten wir am Tag nach dem Abendessen auf dem Markt wieder. Dort, wo die Fleischhälften in der Sonne am Haken hängen und der Flügelschlag der in stattlicher Anzahl herumschwirrenden Fliegen die einzige Kühlung für die Blut tropfende Ware verspricht. Der Mann kauft ein. Dort. Wir gehen am Abend lieber in die Straßenküche um die Ecke. Wenn die Herkunft der Ingredienzien schon die gleiche ist, dann kosten die mit Fisch und Fleisch gestopften Bocadillos dort wenigstens nur einen Bruchteil. Diese Erkenntnis wird noch Jahre lang auf vielen Reisen nützlich sein.

Das Essen auf der Straße gehört in weiten Teilen der Welt zum Leben dazu wie hierzulande das Schimpfen über das Wetter. Anticuchos de Corazon in Peru sind Teil der nationalen Identität, Balut auf den Philippinen eine Art Grundnahrungsmittel. Man kann sich darüber streiten, ob über Holzkohle gegrilltes südamerikanisches Rinderherz der Gipfel des Genusses ist. Man kann sich fragen, welche angeborene Absonderlichkeit einen Filipino dazu veranlassen, bei angebrüteten Enteneier mit der Zunge zu schnalzen. Aber man kommt nicht dran vorbei, diese Dinge auszuprobieren, wenn es darum geht, Land und Leute kennen zu lernen. Es braucht dann gar nicht all zu viel Glück, und es kommt zu Begegnungen wie mit dem Geschäftsmann aus Hongkong, der bei einem Teller dampfender Schlangensuppe in Kowloon mit nie zuvor gehörten Schimpfkanonaden über die britischen Zollvorschriften lästert.

Im menschlichen Erbgut schlummert das Straßen-Ess-Gen

Wahrscheinlich schlummert das Straßen-Ess-Gen irgendwo tief in unserem Erbgut. Weswegen sonst werden hierzulande Kleintransporter für tausende von Euro zu Mini-Küchen umgebaut, um bei Festivals auf der grünen Wiese den Street-Food-Geist zu verbreiten. In Bangkok plant man Neubauwohnungen ohne Küche, weil aus Eisenrohren und Gaskartuschen zusammengebastelte Garküchen an jeder Ecke vor sich hin dampfen. Dass die Stadtverwaltung bis zum Jahresende den Verkäufern von Pad Thai und Hähnchenspießen nun das Handwerk still legen will, trifft also nicht in erster Linie die Rucksackreisenden. Die dürfen in der legendären Khaosan Road weiter glauben, das ursprüngliche Bangkok zu erleben – was schon seit Jahren ein ähnlicher Trugschluss ist wie die Behauptung, das Festival der Street-Food-Trucks erspare eine Reise durch die Küchen unserer Erde.

Wer niemals in ein heißes Baozi am Wegesrand gebissen hat, der kennt China nicht. Der wird auch kaum verstehen, wie Yu Hua in seinem literarischen Meisterwerk „Brüder“ den aus dem Dampfbrötchen tropfenden Fleischsaft beschreibt, oder den kleinen Jungen, dem nur beim Gedanken daran das Wasser im Mund zusammenläuft. Man kann in China viel Geld für sensationelles Essen ausgeben. Man findet die Sensation aber auch günstig an der Straßenecke. Noch. Wie in Bangkok geht es den Kleinküchen – zumindest in den Megametropolen – zunehmend an den Kragen. Schade für Touristen, eine Katastrophe für viele Einheimische, die sich die teure Restaurants nicht leisten können.

Auf dem Nachtmarkt herrscht Authentizität

Das winzige Plastikstühlchen des Nachtmarkt-Imbiss mag unbequem sein, es bietet aber mehr Authentizität als jede Führung durch die Metropole, egal ob die nun Guangzhou oder Rangun heißt. Was im Topf liegt, das ist auch hier meist dasselbe, wie in den wenige Schritte entfernten Restaurants mit Klimaanlage. Mit gerade einmal zwei Grundregeln ist ungetrübte Reisefreude auch nach der Verdauung meistens gewährleistet: dort niederlassen, wo es die Einheimischen tun – und eigenes Geschirr mitbringen. Wer jemals das Spülwasser der Garküchen gesehen hat, der weiß warum.

Ganz ohne Teller ist es freilich am allerbesten. Der Mann, der am Rande von Havannas Altstadt ein halbes gegrilltes Schwein auf dem billigen Holztisch liegen hat, greift in den Brötchensack, um die mit stumpfem Messer abgesäbelten Brocken darin unterzubringen. Immer dann, wenn gerade keine hungrigen Mäuler auf solch ein belegtes Brötchen warten, schimpft er hingebungsvoll über die kubanischen Bürokratie. Die scheint britische Zollvorschriften locker in den Schatten zu stellen. Und wir sind ganz sicher: in einem Restaurant wäre es zu solch einem Erlebnis nicht gekommen.




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