Straßenläufe fallen Coronavirus zum Opfer Laufbranche in Existenznot

Der Berlin Marathon ist zum ersten Mal in seiner 47-jährigen Geschichte ausgefallen. Foto: imago/Tilo Wiedensohler
Der Berlin Marathon ist zum ersten Mal in seiner 47-jährigen Geschichte ausgefallen. Foto: imago/Tilo Wiedensohler

Die strengen Bestimmungen der Politik infolge der Corona-Pandemie machen die Durchführung größerer Straßenläufe praktisch unmöglich. Etliche Veranstalter geraten in finanzielle Schwierigkeiten. Eine Petition soll nun auf ihre Situation aufmerksam machen.

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Berlin - Knapp 45 000 Athleten, etwa eine Million Zuschauer und absoluter Ausnahmezustand in der Stadt – das ist der Berlin-Marathon, eines der größten Sportereignisse Deutschlands. Doch in diesem Jahr fiel der Startschuss für tausende Läufer aus – und er ertönte auch bei kaum einem anderen Lauf in Deutschland. Das liegt an den Regeln und Bestimmungen anlässlich der Corona-Pandemie. Für die Läufer ist das schade, doch wirklich tragisch ist es für die Veranstalter der Straßenläufe. Etablierte Wettkämpfe stehen vor einer ungewissen Zukunft oder sogar vor dem Aus, etliche Arbeitsplätze sind in Gefahr.

Auch die SCC Events GmbH, der Veranstalter des Berlin-Marathons, hat mit der Situation zu kämpfen. Geschäftsführer Jürgen Lock äußerte gegenüber der Tageszeitung „B.Z.“ zwar Verständnis für die Absage des Laufs, sagte aber auch: „Für uns ist das ein mittelschweres Gewitter. Es ist ein harter Schlag, wenn unsere Geschäftsgrundlage auf einmal wegbricht.“ Die politischen Entscheidungsträger nahm er nach der Absage in die Pflicht: „Wir fühlen uns als mittelständisches Unternehmen von der Bundespolitik allein gelassen. Ich habe das Gefühl, dass die Politik keinen Plan B hat, was die Konsequenzen und die Problemlösung angeht.“

Auch andere Branchen leiden an der Situation

Offensichtlich ist, dass die Veranstalter in Schwierigkeiten stecken. Doch auch andere Unternehmen und Branchen leiden unter den abgesagten Volksläufen. Dazu gehören zum Beispiel Fachzeitschriften, Hotelbetreiber, Caterer, Medaillen- und Urkundendienstleister sowie Sicherheitsfirmen.

Von einer Zulassung der Straßenläufe würden also einige profitieren – doch ist das überhaupt realistisch? In Baden-Württemberg zum Beispiel dürfen Veranstaltungen im öffentlichen Raum zwar stattfinden, die Zahl von 500 Teilnehmern darf jedoch nicht überschritten werden. Zu den 500 Personen werden neben den Läufern auch das Organisations-Team sowie die Zuschauer gezählt.

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Gerhard Müller, Geschäftsführer des Württembergischen Leichtathletikverbandes (WLV), sagt dazu: „Irgendwelche Dorfläufe wären deshalb unter Umständen sogar umsetzbar, größere Cityläufe sind dagegen unrealistisch.“ Denn trotz ausgetüftelter Hygienekonzepte hält es Müller für unmöglich, den Zuschauerzufluss zu kontrollieren: „Es ist ein Unterschied, ob ein Event innerhalb eines umzäunten Bereichs oder Stadions stattfindet, oder ob es im öffentlichen Raum über die Bühne geht.“ Als Beispiel nennt er den Bietigheimer Silvesterlauf: „Da feiern jedes Jahr rund 10 000 Menschen eine große Party an der Strecke. Da kannst du ja nicht die ganze Altstadt absperren, das geht einfach nicht.“

Petition soll Politik zum Umdenken bewegen

Aus diesem Grund ist auch der traditionsreiche Stuttgart-Lauf in diesem Jahr lediglich virtuell über die Bühne gegangen. Den WLV, der die Veranstaltung seit 1994 organisiert, hat das schwer getroffen. „Durch den Ausfall haben wir große finanzielle Defizite. Wir hatten einige Vorleistungen, schlussendlich aber keine Einnahmen. Die Medaillen haben wir zum Beispiel schon im letzten Herbst bestellt und konnten damit jetzt nichts anfangen.“ Die acht Mitarbeiter der Verbands-Geschäftsstelle befinden sich in Kurzarbeit. Müller hofft zwar, dass die restlichen Geschäftsfelder des Verbandes – wie Meisterschaften oder Aus- und Fortbildungen – bald wieder anlaufen, sagt aber: „Sollte der Stuttgart-Lauf auch nächstes Jahr ausfallen, wäre das wesentlich schwerer zu verkraften als beim ersten Mal. Was dann die Konsequenzen wären – also erneute Kurzarbeit oder vielleicht sogar Personalabbau – kann man jetzt noch nicht abschätzen.“

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Ähnlich geht es auch vielen anderen Veranstaltern. Grund genug für die Läufervereinigung German Road Races (GRR), aktiv zu werden. Der Verein will mit einer Petition auf die prekäre Lage in der Laufbranche aufmerksam machen, die Verantwortlichen hoffen auf ein Einlenken der Politik. „Die Regeln der Ämter sind so streng, dass sich kein Veranstalter traut, etwas auf die Beine zu stellen“, sagt der GRR-Vorsitzende und Gründer des Berlin-Marathons, Horst Milde. Die Unterschriftensammlung zur Online-Petition mit dem Namen „Save the Events – Rettet unsere Läufe“ läuft jedoch nur schleppend an, nach über einem Monat hat GRR knapp 4800 Unterschriften zusammen. Auch prominente Unterstützer wie die deutschen Marathon-Rekordhalter Irina Mikitenko und Arne Gabius sowie Alina Reh haben bislang noch nicht dafür sorgen können, dass die Petition mehr Aufmerksamkeit erfährt. Reh, mehrfache deutsche Meisterin und Jugendeuropameisterin, hält die Aktion dennoch für enorm wichtig: „Wir alle wollen ja, dass die Veranstalter überleben.“ Genau das scheint derzeit jedoch nicht gesichert.

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