Kein leichter Start ins Leben
Er war lange in der Klinik, hatte im Alter von acht Monaten nach einer Impfung Lungenentzündung bekommen und wurde ins künstliche Koma versetzt. Zuhause habe er zwei Jahre lang Sauerstoff gebraucht und sei durch eine Sonde ernährt worden. Seine Mutter Katharina pflegte ihn.
Der heute 20-jährige Severin hat sich ins Leben gekämpft. Bei Waldenbuch ging er in den Kindergarten, dann auf eine Förderschule in Degerloch und danach auf die Fröbel-Sonderschule in Schorndorf, wo er ein Praktikum gemacht hat und wo die Familie wohnt. Heute arbeitet er während der Woche in den Remstal-Werkstätten, einer Einrichtung der Diakonie Stetten.
Kreativ und lustig
Während Severin am Samstag in der Göppinger Fußgängerzone spielt, erzählt Opa Konrad Oberle von seinem Enkel. Severin könne nicht allein leben, da er Einschränkungen habe. Er sei kurzsichtig und müsse deswegen beim Gehen vorsichtig sein. Er sei sprachbegabt und musikbesessen, könne lesen und schreiben, sei jedoch autistisch und brauche deswegen Hilfe. Alles müsse genau besprochen werden und auch genau so ausgeführt werden, sonst könne Severin schon mal total ausrasten. Er sei sehr kreativ und oft auch lustig.
Die Passanten bleiben stehen und vor allem Kinder sind neugierig. An der Drehorgel sind zwei Boxen angebracht, die Severin im Internet gesehen hat und unbedingt an seiner Drehorgel angebracht haben wollte. Ein Hund, der die hingelegten Münzen in eine Box schiebt, und eine Katze, die aus der Box herauskommt und mit ihrer Pfote die draufgelegte Münze einsammelt und „thank you“ spricht. An der Seite ist eine Art Klingelbeutel befestigt, in den man etwas einwerfen kann. Severin sagt jedes Mal laut und deutlich „Danke“ und beantwortet auch Fragen.
Im September spielt er beim Drehorgelfest in Stuttgart-Gablenberg
Bevor Severin zu kurbeln anfing, legte er je nach Lust und Bedarf verschiedene Papierrollen mit den Songs ein, die nach dem Prinzip von Flöten funktionieren. Im Alter von sechs Jahren hatte er zum ersten Mal eine Drehorgel gesehen und solange seinen Vater bearbeitet, bis dieser ihm eine Drehorgel von einer Firma in Dinkelsbühl kaufte. Diese richtet die gewünschten Songs ein, mit denen Severin seit etwa fünf Jahren zu allen möglichen Anlässen spielt, in Altersheimen, in Schulen, in Fußgängerzonen oder auf Geburtstagen. Auf den nächsten Termin beim Drehorgelfest im September in Stuttgart-Gablenberg freut er sich schon. Da trifft man sich in der Szene und Severin darf seine Songs spielen, zu denen er richtig gut singt. Er hat schließlich seit vier Jahren in Waiblingen an der dortigen Jugendmusikschule Gesangsunterricht.
Von „Griechischer Wein“ bis Reinhard Mey
Severin hat alle Stücke auswendig drauf, Lieder wie „Der griechische Wein“, „Junge, komm bald wieder“, „Take me home“, „Der wilde, wilde Westen“ oder „Über den Wolken“ von Reinhard Mey. Zudem wird kräftig Rhythmus dazu gemacht, indem Severin mit dem Kochlöffel auf eine Cymbel schlägt.
Auf die Frage, was er als Nächstes vorhabe, sagte er: „Jetzt mache ich erst mal Urlaub. In Kärnten. Mit meinen Eltern. Mit meiner Schwester. Und mit meinem Hund Pepper. Und ich feiere meinen Geburtstag.“
Dann fordert der Drehorgelspieler Severin ganz unvermittelt seinen Opa auf einzupacken, denn man müsse schließlich pünktlich zum Essen erscheinen. Und er will unbedingt wissen, wann er denn endlich in der Zeitung käme.
So kommen Töne aus der Drehorgel
Historie
Die Drehorgel hat eine lange Geschichte als Instrument auf Jahrmärkten und in der Straßenmusik. Oft benutzen die Drehorgelspieler einen Plüschaffen, wie auch Serverin Oberle einen an seiner Drehorgel angebracht hat.
Technik
Die Drehorgel gehört zu der Familie der Orgeln. Durch das Drehen der Kurbel wird ein auf einer Walze, auf einem Papierstreifen oder einer Datei abgespeichertes Musikstück gespielt.