Straßenmusiker Rudolf Diebetsberger aus Stuttgart Ein Horn und ganz viel Herz für Indien

Er pflegt den vornehmen Auftritt: Rudolf Diebetsberger Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Er pflegt den vornehmen Auftritt: Rudolf Diebetsberger Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Er gehört zum Stuttgarter Stadtbild. Mit Frack, Zylinder und Horn sticht Rudolf Diebetsberger deutlich aus der Masse der Straßenmusiker heraus. Doch trotz Staufermedaille machen es ihm die Stadtnachbarn und Kommunen nicht immer leicht.

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Stuttgart - Das Herz ist voll, die Augen laufen über: Wenn Rudolf Diebetsberger die Fotos aus den indischen Slums zeigt, kämpft er mit den Tränen. „Sie können sich nicht vorstellen, wie es da stinkt“, sagt er. Dann erzählt er von den Rattenkindern, die so genannt werden, weil sie sich von den ausgegrabenen Nagetieren und ihren gesammelten Vorräten ernähren. Es gebe dort so viel Leid. Wenn er dagegen an die Borniertheit mancher Menschen in Deutschland denke, dann packe ihn schon mal die Wut, sagt der 73-Jährige.

Der Frust erstaunt, wo er doch grade erst mit der Staufermedaille ausgezeichnet wurde. Ministerpräsident Winfried Kretschmann würdigt damit Rudolf Diebetsbergers herausragendes soziales Engagement – die Tatsache, dass der frühere Hornist der Stuttgarter Philharmoniker mit seiner Musik schon 173 000 Euro für die Andheri-Hilfe eingespielt hat. Diebetsberger sagt: „Über die Auszeichnung von Ministerpräsident Kretschmann freue ich mich sehr. Aber noch mehr Bedeutung hätte es für mich, in größeren Innenstädten Baden-Württembergs wenigsten fünfmal im Jahr auftreten zu dürfen.“

Genehmigungen gibt es nicht von allen Städten

Immer wieder werde ihm die Arbeit schwer gemacht. Auf dem Ulmer Münsterplatz dürfe er nicht mehr spielen, weil sich ein benachbartes Geschäft und ein Arzt beschwert hätten. Auch Mannheim, Freiburg und die Münchner Innenstadt sind für ihn tabu. In Stuttgart dürfe er zweimal im Monat an einem Samstag am Kleinen Schlossplatz mit Genehmigung des Ordnungsamts spielen. Neulich habe er aber sehr schnell einpacken müssen, als im Pavillon eine Band aufspielte, neben ihm rund 100 Kurden mit Lautsprecher demonstrierten und noch eine Breakdance-Gruppe mit Lautsprechermusik seine Musik übertönte. Für das Weindorf und den Weihnachtsmarkt bekomme er keine Erlaubnis. Selbst vor dem Stuttgarter Amtsgericht habe er sich wegen seiner Auftritte schon zweimal verantworten müssen – und die nächste Vorladung ist bereits terminiert.

Auf die Frage, was die Menschen denn an seinem Spiel stört, zuckt Diebetsberger mit den Schultern. Ihm sei das nicht erklärlich. Das eine Ulmer Geschäft, welches sich beschwert hat, habe manchmal selbst laute Musik laufen. „Ich mache doch keine Rambazamba-Musik“, sagt der 73-Jährige bedrückt. Als ehemaliger Solohornist bei den Stuttgarter Philharmoniker beherrsche er sein Instrument und habe ein breites Repertoire. Er spiele Oldies, Klassik, Volkslieder – auch „viel deutsches Kulturgut“.

Manchem ist das Horn zu laut

Die Begründung sei oft, dass das Horn zu laut sei. Auch werde ihm vorgeworfen, einen Verstärker zu benutzen. „Doch das stimmt gar nicht, ich spiele nicht mit Verstärker.“ Er habe nur einen kleinen Bluetooth Hintergrund-Lautsprecher, um seine Musik etwa mit drei Bläserstimmen eines Hornquartetts zu untermalen. Auf vielleicht einen, der sich mal beklage, kämen etliche, die seine Musik schätzen und loben. Doch die Städte würden bei einer Beschwerde ganz schnell abwinken.

Jörg Klopfer, Sprecher der für den Weihnachtsmarkt zuständigen Veranstaltergesellschaft In-Stuttgart, sagt dazu: „Wir können für ihn keine Causa Diebetsberger machen.“ Für Auftritte beim Weihnachtsmarkt gebe es klare Regeln, um das besondere Flair zu sichern – und an diese wolle Diebetsberger sich nicht halten. Dazu gehört, dass nur Weihnachtslieder zulässig sind und man keine elektrischen Geräte laufen gelassen darf. Doch vor allem auf sein Abspielgerät habe Diebetsberger nicht verzichten wollen. „Wenn er sich an die Regeln hält, kann er gern schon 2016 wieder auftreten“, sagt Klopfer.

Jeder Euro für Hilfsbedürftig in Indien und Bangladesh

Der Musiker dagegen sagt: „Ich verstehe nicht, warum man sich nicht den Einzelfall anschauen und durchaus Unterschiede machen kann.“ Er wolle das Geld ja nicht für sich. Es gehe hier um Menschen, die dringend Hilfe bräuchten. Und um weitere Spenden zu bekommen, müsse er auftreten. „Wenn mich die Menschen nicht sehen und spielen hören, werden sie mich auch nicht für private Feiern buchen.“

Der 73-jährige stellt sich nun bereits seit acht Jahren voll in den Dienst der Andheri-Hilfe. Zuvor hatte der gebürtige Österreicher eine richtige Musikkarriere gemacht. Als Hornist ist er unter anderem in Kiel, Basel, Wien und bei den Stuttgarter Philharmonikern aufgetreten. Seit 1977 lebt er in der Landeshauptstadt. Mit näher rückender Pensionierung hat er nach einer sinnvollen Aufgabe gesucht. Der Andheri-Film von der Millionsten Augenoperation der erst 14-jährigen Hasna war sein Start. „40 Euro können entscheiden über ein glückliches Sehen oder lebenslange Blindheit“, sagt er. Die Situation in Bangladesch und Indien erschütterte ihn. „Mir war klar, dass ich hier helfen wollte.“

Begegnungen während seiner Indienreise 2014 rührten sein Herz dermaßen an, dass Diebetsberger die Menschen und Schicksale nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Deshalb hofft er nun umso mehr, dass der Glanz der Staufermedaille auf Kommunen und Ämter ausstrahlt und ihm die verschlossenen Türen doch noch öffnet. „Wenn man die Knüppel sieht, die einem hier zum Teil aus Willkür zwischen die Beine geworfen werden, und dann an die hilflosen Menschen in Indien und Bangladesch denkt, dann ist das manchmal kaum zu ertragen.“




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