Straßenschilder im Westjordanland Liebesgrüße aus Askar

Von Viktoria Kleber 

Nicht nur Heiratswillige lassen sich in den Gassen von Askar auf Straßenschildern für einen guten Zweck verewigen.

 Foto: Kleber
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Askar - Erik aus Amsterdam wollte seiner Freundin einen ausgefallenen Heiratsantrag machen, nicht einfach nur auf die Knie gehen. "Ich dachte, ich mache es ein bisschen respektvoller", sagt er. "Das macht man ja nur einmal im Leben." Auf einer Seite im Internet » kauft Erik ein Straßenschild in Askar.

Sobald es hängt, ist es auch online zu sehen. Er zeigt Nathalie die Homepage. Eigentlich schauen sie nach dem Straßennamen seiner Eltern, denn auch für die hat Erik ein Schild gekauft. Nathalie hat das Laptop auf den Knien. "Was ist denn das auf der linken Seite?", fragt Erik sie. Nathalie fängt an das Schild zu lesen und stutzt. Sie schaut Erik an und sagt "Ja!".

Noch in diesem Jahr treten Erik und Nathalie vor den Altar und eine schmale Gasse im Flüchtlingslager Askar im Westjordanland, östlich von Nablus, heißt jetzt "Nathalie-willst-du-mich-heiraten-Straße". Es gibt hier noch andere ungewöhnliche Straßennamen: Twitteraccounts, Firmennamen oder eben Heiratsanträge.

100 Euro kostet ein Straßennamen in Askar


100 Euro kostet ein Straßennamen im Flüchtlingslager Askar. Wie die Gasse heißen soll, das darf der Käufer selbst entscheiden. Alles ist erlaubt wie Twitteraccounts, Websites oder Grüße an den Nachbarn - nur extrem darf es nicht sein. Die Kunden sind verstreut auf der Welt, sie kommen aus Europa, den USA, Japan oder China. Bestellt wird im Internet, per Mausklick: eine Straße im Westjordanland, bitte schön. 127 Straßennamen gibt es in Askar bereits, 78 stehen noch zum Verkauf.

Die Idee kommt aus den Niederlanden, aus Amsterdam. Job van Oel und Basthios Vloeman besuchen auf einer Reise das Flüchtlingslager, sie wollen helfen, doch nicht nur Geld sammeln. "Uns geht es auch um Sympathie für die Leute und eine persönliche Verbindung ins Flüchtlingslager", meint Basthios Vloeman. Das Geld fließt nach Askar, zur palästinensischen Kinderhilfsgesellschaft PCCS. Dort ist Hilfe nötig. Die Hälfte der 16000 Menschen in Askar ist unter 18 Jahren alt. Askar ist von Armut gezeichnet. Dreck und Müll liegt auf den Straßen. Die Häuser sind einfach gebaut, manche haben eine Plane als Dach, der Putz bröckelt.

Alte Männer sitzen auf der Straße, auf den Treppen zum Hauseingang. Sie tragen Kafias, den palästinensischen Schal. Sie reden, sie rauchen und kauen Sonnenblumenkerne, spucken die Schalen aus. Jungs springen um sie herum, eine ganze Horde von Fußballfans, der FC Barcelona ist in Askar angesagt. Die Mädchen hüpfen auf den Straßen das Spiel Himmel und Hölle.

Flüchtlingen bleibt die Einreise nach Israel verwehrt


Rund 85 Prozent der Bevölkerung in Askar arbeitet nicht, früher war das anders. Viele aus dem Flüchtlingslager reisten tagein, tagaus nach Israel. Dort arbeiteten sie auf dem Bau, um die Familie zu ernähren. Seit dem Bau des Sperrwalls 2003 hat sich ihre Situation deutlich verschlechtert, die Einreise nach Israel bleibt ihnen verwehrt. Das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge, die UNRWA, hilft heute die Menschen in Askar zur ernähren, teilt Getreide und Reis aus.

Die Jugendlichen leiden sehr unter der Situation, sagt Amjad Asmar. Vor fünf Jahren hat er die palästinensische Kinderhilfsgesellschaft gegründet. "Die Jugendlichen haben viel Freizeit, aber nichts zu tun, keinen Rückzugsort, keine Rechte und keine Verantwortung." Das kann gefährlich werden: Terrororganisationen wie die Hamas sind auf der Suche nach Jugendlichen ohne Sinn und Aufgabe, sie wollen sie instrumentalisieren.

Dem will Amjad und die palästinensische Kinderhilfsgesellschaft in Askar entgegentreten. Sie bietet den Jugendlichen Räumlichkeiten, Unterricht und Lernmaterial, veranstaltet Workshops. Für Waisenkinder stellt sie Essen, Schulranzen und Kleider zur Verfügung. Die Großen passen auf die Kleinen auf, sie sollen Verantwortung übernehmen. Professionelles Personal wird gebraucht, doch zuerst soll mit dem Geld das Haus der palästinensischen Kindergesellschaft wetterresistent gemacht werden. Im Sommer ist es extrem heiß und im Winter extrem eisig - ein neues Dach muss also her.