Strategie des VfB Stuttgart Mit offenen Karten

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Die gleiche Taktik, die gleiche Startelf: Beim VfB Stuttgart macht die sportliche Leitung vor dem Auswärtsspiel in Hamburg keine Geheimnisse mehr.

Stuttgart - Der schwarze Audi aus dem Fuhrpark des Hamburger SV stand in einem Parkhaus neben dem VfB-Trainingsgelände und blieb nicht lange unentdeckt. Eine hinterlistige „Betriebsspionage im Abstiegskampf“, witterte die „Bild“-Zeitung und enttarnte schonungslos den Abgesandten aus dem Norden, als vor dem vorletzten Spieltag der vergangenen Saison ein HSV-Scout nach Stuttgart gekommen war, um letzte Erkenntnisse über den Gegner zu sammeln. Genützt hat es wenig – der VfB gewann mit 2:1.

Unklar ist, ob die Hamburger auch vor dem erneuten Duell mit Stuttgart einen Spion zur Trainingsbeobachtung auf den Wasen geschickt haben. Falls ja: die Reisekosten hätte sich der klamme Bundesliga-Dino sparen können, denn Geheimnisse gibt es beim VfB nicht mehr, weder bei der taktischen Ausrichtung noch beim Personal. Stattdessen legt die sportliche Leitung ihre Karten neuerdings schon weit vor dem Anpfiff auf den Tisch, und das gilt nicht nur für das erste Bundesliga-Auswärtsspiel an diesem Samstag (18.30 Uhr) in Hamburg.

„Wir können jetzt schon sagen: wir spielen immer gleich“

Den VfB müsse in Zukunft niemand mehr beobachten, erklärt der VfB-Manager Robin Dutt, „wir können jetzt schon sagen: wir spielen immer gleich“. Ob gegen Manchester City oder Holstein Kiel, ob gegen Köln, Hamburg oder irgendwann gegen die Bayern – die Qualität des Kontrahenten interessiert die sportliche Leitung nur noch am Rande. „Wir orientieren uns nicht am Gegner, sondern wollen unser Spiel durchbringen“, sagt Dutt. Pressing und Gegenpressing, Tempo, Aggressivität und Risikobereitschaft, das sind die zentralen Elemente der neuen Spielkonzeption, die als Vorbild für sämtliche VfB-Mannschaften bis hinunter in den Nachwuchs dienen soll. „Diese Schwerpunkte wollen wir in jedem Spiel auf den Platz bringen, ganz unabhängig davon, wie der Gegner heißt“, sagt auch der Trainer Alexander Zorniger – ohne jegliche Furcht, die Konkurrenz könne sich beizeiten auf die stets gleiche Stuttgarter Spielweise einstellen und den VfB in den Hinterhalt locken.

Es ist ein kühner Plan und ein völlig neues Vorgehen. Und so neu wie die taktische Marschroute des Vereins ist auch die Kommunikationspolitik des Cheftrainers. Mit grimmiger Miene und kaum verhohlener Lustlosigkeit saß Huub Stevens, Zornigers Vorgänger, auf den Pressekonferenzen und beantwortete die Fragen in den seltensten Fällen konkret, sehr oft aber entweder mit Sepp-Herberger-Weisheiten oder schlicht gar nicht. Stevens’ Strategie bestand darin, möglichst wenig zu sagen und möglichst viel offenzulassen.

Zorniger spricht ohne Umschweife

Zorniger hingegen unternimmt den ehrenwerten Versuch, das Publikum an seinen Überlegungen teilhaben zu lassen und ohne Umschweife seine Meinung zu sagen – auch auf die Gefahr hin, dass ihm irgendwann Sätze wie dieser auf die Füße fallen: „Wenn die Mannschaft in der Geschwindigkeit weiterlernt, werden wir in dieser Saison sicher nicht viele Spiele verlieren.“

Nicht auf dem Feld der Taktik und der Zukunftsprognosen lassen seine Ausführungen wenig Interpretationsspielraum. Gleiches gilt für die Personalauswahl. Auch hier verfolgt Zorniger einen recht kompromisslosen Ansatz. Es gebe im modernen Fußball keine Stammspieler mehr, heißt es immer wieder – beim VfB ist es anders. Er sei kein Freund davon, die Mannschaft durcheinanderzuwirbeln, zumal der Kader „die große Rotation“ ohnehin nicht hergebe, sagt Zorniger: „Ich bin ein Trainer, der gerne auf eine bestimmte Formation setzt.“ Der Konkurrenzkampf sei zwar „bei Weitem nicht ausgesetzt“ – doch hätten bei ihm die Startelfakteure der Vorwoche „einen Bonus“, sofern sie im Spiel nicht alles falsch gemacht und in den anschließenden Trainingseinheiten nicht Däumchen gedreht haben. „Wer seine Leistung bringt, hat gute Chancen drinzubleiben.“

Serey Dié droht erneut auszufallen

Weil Zorniger zum Ligaauftakt gegen den 1. FC Köln trotz der 1:3-Niederlage außer der Chancenverwertung nichts zu bemängeln hatte, sieht er folglich auch keine Veranlassung, die Mannschaft beim Spiel in Hamburg zu ändern. Never change a losing team, so heißt in diesem Fall seine Devise, da können die Hamburger auch ohne Betriebsspionage ganz sicher sein. Ein kleines Fragezeichen steht einzig hinter dem Mittelfeldspieler Lukas Rupp, der seinen Platz räumen müsste, wenn der Platzhirsch Serey Dié nach seiner Muskelverletzung rechtzeitig fit werden sollte. Es sehe aber eher schlecht aus, sagt Zorniger, er sei nur „vorsichtig optimistisch“.

Vielleicht pokert der Trainer ja zumindest in diesem Fall, auf dass der HSV nicht alles weiß. Wahrscheinlich ist dies nicht.




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