In der Autobranche tobt ein stiller Machtkampf um die Herrschaft über digitale Funktionen. Mercedes arbeitete sehr lang an einer Strategie – nun liegt sie vor.
Warum ist das Betriebssystem eines Autos so wichtig?
Das Betriebssystem kontrolliert Funktionen eines Autos, die für die Entscheidung über den Kauf immer wichtiger werden. Dazu gehören Assistenzsysteme, die sich zunehmend in Richtung des autonomen Fahrens bewegen, aber auch Infotainment, an das die Ansprüche steigen. Beim E-Auto sind digitale Funktionen entscheidend für das Batteriemanagement und die intelligente Planung von Routen und Ladestopps. Deshalb hat sich Mercedes dafür entschieden, diese Kontrolle nicht abzugeben.
Was wäre so schlimm daran, wenn andere die Hoheit besitzen?
Gerade für einen Premiumhersteller wie Mercedes sind digitale Anwendungen auf höchstem Niveau essenziell. Würde man diese etablierten US-Digitalkonzernen wie Google und Apple überlassen, könnte man zwar gewaltige Entwicklungskosten einsparen, würde aber auch zunehmend austauschbar, da sich zentrale Funktionen nicht mehr groß unterscheiden würden. Es besteht dann das Risiko, zum Blechbieger degradiert zu werden, der um die Software anderer Anbieter herum ein Fahrzeug bereitstellt, dessen Eigenschaften sich immer mehr über das Digitale definieren. Amerikanische Datenkonzerne wollen das Auto gern zum Smartphone auf Rädern machen. Beim Smartphone sind die Zulieferer ein extrem schwaches Glied in der Wertschöpfungskette; sie müssen zu niedrigsten Preisen Geräte nach genauen Vorgaben der Datenkonzerne liefern. In eine solche Rolle will Mercedes nicht gelangen.
Wie sieht die Strategie von Mercedes aus?
„Wir haben uns entschieden, die Architekten unseres eigenen Betriebssystems zu sein“, erklärte Konzernchef Ola Källenius. Allerdings kombiniere man die eigene Expertise mit einer „Auswahl von Weltklasse-Partnern“. Der Stuttgarter Konzern setzt nun bei seinem künftigen System MB.OS darauf, den Kunden ein System aus einem Guss zu bieten. Anders als bei einem Smartphone entscheiden allerdings nicht die Kunden, welche Apps installiert werden. Diese Entscheidung behält sich Mercedes vor.
Ist das nicht eine Bevormundung der Kunden von Mercedes?
Mercedes setzt darauf, dass ein integriertes System für die Kunden attraktiver ist als ein Nebeneinander von Anwendungen. Zudem lockt man mit einer besonders guten Nutzung des extrabreiten Bildschirms und mit einem strengen Datenschutz.
Welche Rolle sollen Google & Co. künftig spielen?
Mercedes öffnet das System auch für andere Anbieter – vor allem offenbar für solche, die auf ihrem Gebiet eine uneinholbare Marktstellung erobert haben. So wird das weltweit führende Navigationssystem Google Maps in das Betriebssystem eingebunden werden – obwohl man Google gerne fernhalten würde. Doch Google kommt nur in die Autos, weil Mercedes das zulässt.
Welche weiteren Funktionen wird das neue Betriebssystem haben?
Weitreichende Verbesserungen plant Mercedes beim automatisierten Fahren der Stufe drei, das vom Fahrer nur noch verlangt, bei Bedarf innerhalb von zehn Sekunden die Steuerung zu übernehmen. Bisher ist diese Funktion aber nur bis höchstens Tempo 60 verfügbar. Künftig soll sie bis zu einer Geschwindigkeit von 130 Stundenkilometern genutzt werden können. Dafür ist allerdings eine enorme Rechnerleistung notwendig.
Mercedes ist kein Software-Produzent, sondern ein Autohersteller. Kann das überhaupt gut gehen?
Auch beim Betriebssystem geht Mercedes weitreichende Partnerschaften ein. Eine zentrale Rolle spielt der kalifornische Anbieter Nvidia, der Chips und wichtige Teile der Rechnerarchitektur liefert.
Verschafft die Zusammenarbeit mit Nvidia Mercedes mehr Unabhängigkeit?
Geht die Strategie auf, kann man die Hoheit über digitale Kernfunktionen des Autos behalten. Dies hat aber einen Preis, denn die Chiphersteller wissen um ihren Wert für die Autoindustrie. Mercedes hat deshalb eine weitreichende Vereinbarung mit Nvidia getroffen und wird auf lange Jahre rund 40 Prozent der Einnahmen aus Softwarepaketen mit autonomen Fahrfunktionen an Nvidia abtreten. Im Gegenzug hat man einen global führenden Anbieter an der Seite.
Welches Geschäftsmodell steht hinter all diesen digitalen Anwendungen?
Sehr wichtig ist die Updatefähigkeit der Fahrzeuge, durch die die Software aktualisiert und um neue Anwendungen ergänzt werden kann. Damit können auch kostenpflichtige Funktionen nachgeladen werden – im Bereich des Entertainments ebenso wie bei Fahrfunktionen. So lässt sich zum Beispiel beim Mercedes EQS der Lenkradius gegen Bezahlung verkleinern. Mercedes erwartet jährliche Einnahmen im einstelligen Milliardenbereich. Wichtigstes Ziel ist aber, die Kunden bei der Marke zu halten.
Wann soll das neue Betriebssystem starten?
Die Käufer günstiger Kompaktautos haben Glück – ihr Segment wird das erste sein, in dem die neue Softwarearchitektur verfügbar sein soll. Dies soll ab 2025 der Fall sein, wenn die speziell für diese Fahrzeugklasse entwickelte Plattform MMA auf den Markt kommt. Das Betriebssystem soll später allerdings die gesamte Modellpalette erfassen.