Strategien im Einzelhandel Mit dem Maultaschenkonfigurator gegen Amazon

Von Martin Haar 

Wie lockt man Kunden in den Laden und auf seine Internetseite? Der Möhringer Metzger Stefan Bless hat ein Rezept: den Maultaschenkonfigurator.

Der Erfinder des Maultaschenkonfigurators: Stefan Bless Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Der Erfinder des Maultaschenkonfigurators: Stefan Bless Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Ein bisschen war Stuttgarts Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht selbst überrascht, als sie am Dienstagabend in die Runde des Großen Sitzungssaal des Rathauses blickte. Mehr als 200 Gäste waren ihrem Ruf gefolgt, sich beim Themenabend „Stationär und Internet wachsen zusammen“ neue Impulse zu holen. „Ich glaube, wir haben einen Nerv der Zeit getroffen“, sagte sie und liegt damit richtig. Der Einzelhandel bewegt sich derzeit zwischen Aufbruch und Aufregung. Jeder sucht nach dem Patentrezept, um auch in Zukunft gegen die Übermacht von Amazon und Co. erfolgreich am Standort Stuttgart Geschäfte zu machen.

Freilich kannten die meisten Profis im Publikum die gängigen Zauberformeln für die Zukunft schon. Aber so komprimiert und einleuchtend, wie es beispielsweise Sven Köhler, Professor an der Dualen Hochschule, auf den Punkt brachte, hat es das Fachpublikum wohl selten gehört. Köhler hat in nur 15 Minuten griffige Thesen und einen Leitfaden für die Zukunft präsentiert.

Gute Tipps vom Professor in 15 Minuten

Nicht nur das: Der Professor des BWL-Studiengangs Handel zeigte auch auf, wie Konsum in 20 Jahren aussehen wird: „Dann wird Amazon nicht nur in unseren Wohnzimmern sein, sondern immer genau dort, wo wir uns gerade aufhalten.“ Die Schlüsseltechnologie dazu werde die autonome Mobilität sein, so Köhler: „Dann wird es kein Warten und kein Bargeld mehr geben. Es wird ein Einkaufserlebnis sein, von dem wir uns keine Vorstellungen machen.“

Damit sich nach diesen Szenarien der Saal nicht schlagartig aus Verdruss leert, lieferte Köhler auch Antworten zur Frage: Wie kann der stationäre Handel überleben? Kurz: „Die Händler müssen die emotionalen und sozialen Motive der Kunden ansprechen.“ Denn alleine mit dem Verkauf der Ware lasse sich in Zukunft kein Geld mehr verdienen.

Bless und Mußler sind Vorreiter

Was damit gemeint sein kann, zeigten die Gäste der Podiumsdiskussion, die von Christian Milankovic (Titelautor der Stuttgarter Zeitung) geleitet wurde. Neben der Bloggerin Madeleine Schön, dem Schuhhändler Sebastian Bär und dem Unternehmensberater Jürgen Niebuhr stellten Mathias Mußler (Parfümerie) und der Möhringer Metzger Stefan Bless ihre Zukunftskonzepte eindrucksvoll dar.

Mußler mache mit seinem Laden im Gerber und der Kooperation mit dem Online-Riesen Notino laut Köhler das, was wichtig sei: „Wir brauchen kein Lager mehr auf der Fläche“, sagte der Professor, „wir müssen inszenieren. Und: Suchen Sie sich Kooperationspartner!“

Auf einen weiteren Tipp von Köhler („Sie müssen anders sein, nicht besser“) passte das Geschäftsmodell von Metzger Bless. Er hat mit seiner Erfindung, dem Maultaschenkonfigurator, bundesweit Erfolg. Auf der Internetseite von Bless können sich die Kunden den Inhalt ihrer Maultaschen selbst zusammenstellen. Allerdings, so räumte der Erfinder ein, sei dies nur eine Spielerei: „Geld verdiene ich mit den standardisierten und billigeren Produkten auf der Internetseite.“ Doch auf die Spielwiese käme es an, glaubt Bless: „Die Leute wollen spielen und keine Produkte von der Stange.“ Nicht zuletzt locke das Angebot im Internet auch Kunden in seinen Laden – und umgekehrt.

Für den Stuttgarter Uhrenhändler Ralf Häffner klang alles, was er beim Themenabend hörte, plausibel: „Ich war 1994, als ich mit dem Online-Handel begonnen hatte, ein Pionier.“ Auch wenn sich im Laufe der Zeit zeigte, dass seine hochwertigen und teuren Produkte im Internet kaum Absatz fanden, sei der Schritt ins Netz richtig und notwendig gewesen. Die Verschmelzung beider Vertriebswege, das Zusammenwachsen von stationär und Internet, mache seinen heutigen Erfolg aus: „Insofern war dieser Abend für mich eine Bestätigung.“

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