Strawinski-CD mit dem SWR Symphonieorchester Als wäre das Orchester ein einziges Instrument

Ingo Metzmacher fühlt Strawinskis Spätwerk auf den Lebensnerv. Foto: SWR/Felix Broede

Ingo Metzmacher und das SWR Symphonieorchester haben mit virtuoser Präzision die Leidenschaft in der Coolness von Igor Strawinskis Musik entdeckt. Der Mitschnitt der Konzerte vom Juni 2023 in der Stuttgarter Liederhalle liegt jetzt als CD vor.

Dreimal auf den Nierentisch geklopft, und dann erscheint dieser Nachkriegs-Strawinski: der einst so wilde „Sacre“-Schocker – jetzt ein Geist blutleerer Sterilität, strenger Trockenübung, spröder Askese, die eher aus Erschöpfung als aus Witz manchmal die Zunge herausstreckt? Dann mal hergehört: Ingo Metzmacher entlarvt das Gespenst als Klischee. Mit dem SWR Symphonieorchester fühlt er äußerst sensitiv auf den Lebensnerv Strawinskischer Werke mit vermeintlich beschränkter Haftung in Publikumsohren. Der Mitschnitt der Konzerte vom Juni 2023 in der Stuttgarter Liederhalle liegt jetzt als CD vor.

 

Gegen Schmacht und Pathos

„Agon“ zum Beispiel, dieses 1957 entstandene Handlungsballett ohne Handlung: Auch wenn der Titel (Kampf, Wettkampf) die programmatische Abstraktheit relativiert, schwingt Strawinskis 20 Jahre vorher formulierte Anti-Ausdrucksästhetik nach. „Ich bin der Ansicht, dass die Musik ihrem Wesen nach unfähig ist, irgendetwas ,auszudrücken‘“: Das geht gegen schmachtendes Espressivo, gusseisernes Pathos, wagnernde Spät- und Verspätetromantik. In solchem Degout bekundet sich der Gout an neobarocker Coolness, Secco-Rhythmik und allem, was brut statt brütend klingt. Dieser Neoklassizismus mit seinen verfremdeten Klangmasken mündet bei Strawinski in die serielle Welle, die durch sein Spätwerk schwappt. Und stets kehrt der verleugnete Ausdruck abstrakter als Leidenschaft der bewegten Formen zurück.

„Agon“ ohne Agonie

Sie ist bei Metzmacher zu hören. In „Agon“, ohne Agonie zurückblickend bis zur Renaissance und fortschreitend Richtung serielles Idiom, meldet hektisch-panischer Drive körperhafte Erregungszustände an, gespannt bis in die feinsten Kapillaren. Alles hat seine eigene Haptik, von den knatternden Blechfanfaren bis zu den Zupfgeweben der Harfe und Mandoline. Statt krampfiger Roboter-Gymnastik tanzt die Musik mit Biss und Kern, Farbe und Elan.

Das SWR Symphonieorchester spielt mit virtuoser Präzision. Foto: SWR-Pressestelle/Fotoredaktion

Metzmacher spannt die Sehnen, meidet jede Verfettung. Straff ziehen die SWR-Streicher Konturen – und hoch virtuos, etwa im Finale der neoklassizistischen Symphonie in C. In den späteren Werken folgt das Ineinander von Spaltklang und Klangfarbenmelodik kongenial Strawinskis Idee einer orchestralen Kammermusik, die keine dröhnenden Breitseiten mehr kennt. Stattdessen transparent instrumentierte Strukturen, die vom Orchester eine Präzision fordern, als wäre es ein einziges Instrument. In solch traumwandlerisch-hellwacher Koordination bewegt Metzmacher das Tonreihenmobile der Variationen von 1963/64, dem Angedenken des „Schöne neue Welt“-Autors Aldous Huxley gewidmet – Strawinskis erste durchgängig serielle Komposition, die mit ihren zwölfstimmigen Solo-Zwischenspielen über die Zwölftondoktrin hinaus lugt in die postserielle Klangflächenpolyfonie Ligetis.

Im ältesten der vier Werke, den Symphonien für Blasinstrumente von 1920, bahnen die wie in Glas gegossenen „Sacre“-Präparate Strawinskis Weg in die Abstraktion, die sublimierte Leidenschaft an. Auch in der Askese erspürt Metzmacher die zurückgehaltene Sinnlichkeit, die Farbe in der Monochromie.

Live und auf CD

Aufnahme
Igor Strawinsky: Symphonien für Blasinstrumente. Agon. Variationen „Aldous Huxley in Memoriam“. Symphonie in C. SWR Symphonieorchester, Ingo Metzmacher. Eine CD. SWR Music/Naxos (SWR19156CD).

Konzert
Ingo Metzmacher dirigiert das SWR Symphonieorchester in der Stuttgarter Abo-Reihe am 13. und 14. Februar im Beethovensaal der Liederhalle. Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Auf dem Programm: Ligetis „Lontano“ und „Mysteries of the Macabre“, Schostakowitschs erstes Violinkonzert mit Patricia Kopatchinskaja und die dritte Sinfonie von Karl Amadeus Hartmann.

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