Streaming-Geschäft Die Musik soll wieder bei Apple spielen

Von Nora Stöhr 

Der IT-Konzern könnte dem Geschäft mit dem Abruf von Musik im Netz einen entscheidenden Schub geben – und damit auch der Konkurrenz und den großen Plattenfirmen helfen. Die Künstler profitieren davon aber nach wie vor wenig. Mit interaktive Karte.

In San Francisco präsentierten Apple-Chef Tim Cook (rechts) und  Jimmy Iovine, Mitgründer der Kopfhörermarke  Beats,  den Streaming-Dienst Apple Music. Foto:  
In San Francisco präsentierten Apple-Chef Tim Cook (rechts) und Jimmy Iovine, Mitgründer der Kopfhörermarke Beats, den Streaming-Dienst Apple Music. Foto:  

Stuttgart - Mit einem knappen und wenig beeindruckt klingenden „Oh ok“ reagierte der Spotify-Chef Daniel Ek via Kurznachrichtendienst Twitter auf Apples Ankündigung, künftig auch im Musik-Streaming-Geschäft mitmischen zu wollen. Ein weiterer Wettbewerber namens Rdio nahm Apple und sein Vorhaben auf die Schippe: „Welcome Apple. Seriously“ („Willkommen, Apple. Ernsthaft“), hieß es in einem Tweet des Musik-Streaming-Dienstes – eine Anspielung auf eine Werbeanzeige Apples aus dem Jahr 1981. Damals begrüßte Apple den Neu-Konkurrenten IBM mit ähnlichen Worten auf dem PC-Markt. Doch trotz scheinbarer Gelassenheit: die bereits etablierten Anbieter müssen sich auf einen ernst zu nehmenden Konkurrenten einstellen – denn die Branche traut Apple zu, dem Geschäft mit Musik auf Abruf im Netz einen entscheidenden Schub zu geben.

Dass auch Apple in den Streaming-Markt vordringen würde, war bereits erwartet worden. Den Weg dazu ebnete sich der iPhone-Hersteller im Mai vergangenen Jahres, als er für umgerechnet 2,7 Milliarden Euro den US-Kopfhöreranbieter Beats des Hip-Hop-Produzenten Dr. Dre und damit auch dessen Musik-Streaming-Dienst gekauft hatte. Vor gut zwei Wochen bestätigten sich die Vermutungen der Branche dann: Auf der Entwicklerkonferenz WWDC in San Francisco präsentierte Apple-Chef Tim Cook die neue Plattform unter dem Namen Apple Music – und sprach auch gleich von einer Revolution.

Apple tritt relativ spät in ein hart umkämpftes Umfeld ein

Als wirklich revolutionär gilt Apples neues Angebot, das Ende Juni in Deutschland und weiteren 99 Ländern gleichzeitig an den Start gegen soll, zumindest inhaltlich gesehen nicht. Zwar sind in der Plattform ein soziales Netzwerk sowie ein Radiosender integriert, aber abgesehen davon unterscheidet sich Apple Music kaum von den bereits bestehenden Musik-Streaming-Diensten wie dem Marktführer Spotify oder anderen Anbietern wie Deezer, Rdio, Rhapsody oder dem jüngst von Rapper Jay Z gestarteten Dienst Tidal. Für knapp zehn Dollar im Monat bekommen die Kunden der Apple-Music-App einen unbegrenzten Zugriff auf 30 Millionen Songs. Ähnlich viel Auswahl und vergleichbare Preise verlangen auch die meisten anderen Anbieter, die um die Anteile im Musik-Streaming-Geschäft buhlen (siehe Infokasten).

Allein für Deutschland listet der Bundesverband der Musikindustrie 15 verfügbare Streaming-Dienste auf. Apple gerät mit seinem Markteintritt also relativ spät in ein stark kompetitives Umfeld. Nichtsdestotrotz hat die Firma mit dem Apfel-Logo das Potenzial, den Musikmarkt umzukrempeln. Vor 14 Jahren hat Apple das bereits schon einmal geschafft. Ende der neunziger Jahre führte die Digitalisierung zur Veränderung des Musikmarktes. Tauschbörsen wie Napster tauchten auf und erleichterten plötzlich das Verbreiten raubkopierter Musik. Dies hatte zur Folge, dass die CD-Verkäufe einbrachen. Musiker und Musikverlage gingen leer aus. Der Technologiekonzern Apple unter dem bereits verstorbenen Gründer Steve Jobs startete im Jahr 2001 schließlich seine Download-Plattform iTunes, bei der Kunden einzelne Lieder oder komplette Alben gegen Bezahlung auf ihre iPhones, iPads und Rechner herunterladen können. Die Firma aus dem kalifornischen Cupertino wurde mit iTunes in kurzer Zeit zum weltgrößten Verkäufer von Musik.

Streaming wird sich gegenüber Downloads durchsetzen

Doch dieses Geschäftsmodell ist in Gefahr, denn der Trend in der digitalen Musikwelt, die den physischen Bereich mit CDs und Vinylplatten bereits seit Jahren immer weiter zurückdrängt, scheint klar: Mehr und mehr Konsumenten – vor allem junge – wollen lediglich einen Zugang zur Musik haben, anstatt Musik zu besitzen, glauben Experten. „Der Downloadbereich wird sicherlich noch eine ganze Weile existieren, weil man für das Streamen von Musik eine schnelle Internetverbindung braucht“, sagt Frank Schreiner vom Stuttgarter Digitalvertrieb Digdis. „Wenn sich das allerdings ändern wird, wird das Streaming auf absehbare Zeit zum Hauptmedium werden.“

Dass sich das Streaming-Modell – bei dem die Musik während der Übertragung über das Internet abgespielt und nicht auf dem Gerät gespeichert wird – gegenüber kostenpflichtigen Musikdownloads wahrscheinlich durchsetzen wird, belegen auch die aktuellen Zahlen des Branchenverbands IFPI: Danach konnte das Streamen von Musik im vorigen Jahr eine Wachstumsrate von 39 Prozent verzeichnen. Mit einem Volumen von 1,6 Milliarden Dollar machen Streaming-Angebote derzeit 23 Prozent der Umsätze im digitalen Musikgeschäft aus – Tendenz weiter steigend. Auf diesen Wandel des Konsumverhaltens reagiert Apple nun also mit einem eigenen Streaming-Dienst. Dass dieser der firmeneigenen Download-Plattform iTunes ganz offensichtlich Konkurrenz macht, scheint einkalkuliert zu sein. Wenn schon ein Dienst iTunes das Wasser abgraben soll, dann wenigstens einer von Apple selbst, lautet die unausgesprochene Devise.