Streamingdienste von Apple und Disney Platz da, Netflix, jetzt kommen wir!

Die Spiele mögen beginnen: Die Serie „The Morning Show“ mit Reese Witherspoon, Steve Carell und Jennifer Aniston (von links) ist das Aushängeschild von Apple TV+ Foto: Apple TV+

Apple startet am 1. November seinen Streamingdienst Apple TV+, und wenig später will das Micky-Maus-Imperium mit Disney+ nachziehen. Immer mehr Unternehmen versuchen Netflix, Amazon und Co. mit eigenen Online-Video­theken die Abonnenten wegzuschnappen.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Stuttgart - Im Jahr 1994, als man hinter dem Namen Netflix vielleicht einen Reparaturservice für Anglerbedarf vermutet und bei Amazon auf eine Reitschule für Mädchen getippt hätte, war Fernsehen eine unkomplizierte Angelegenheit. Damals zog sich Jennifer Aniston ein Hochzeitskleid an und verwandelte sich in Rachel Green – eine etwas naive Blondine, die am Traualter Reißaus nimmt und bei ihrer Schulfreundin Monica in New York Unterschlupf sucht. Und als die Sitcom „Friends“ zehn Jahre später, im Jahr 2004, die Geschichte von Rachel und ihren Freunden zu Ende erzählt hatte, wurde Aniston wie so vielen Schauspielern damals die TV-Welt zu klein – und sie wurde Hollywoodstar.

 

Jennifer Anistons Serien-Comeback

Doch 15 Jahre später leben wir in einer verkehrten Welt. Das Kino steckt in der Krise, und oscarprämierte Charakterdarsteller stehen Schlange, um in TV-Serien mitspielen zu dürfen. Die Zeiten, in denen sich Zuschauer von Fernsehsendern vorschreiben ließen, wann sie was wo gucken dürfen, sind vorbei. Streamingdienste haben sich mit den herkömmlichen TV-Sendern angelegt. Fernsehen ist keine unkomplizierte Sache mehr und Jennifer Anistons TV-Comeback, ihre Serie „The Morning Show“ und der Streamingdienst Apple TV+ sorgen dafür, dass es jetzt noch ein bisschen komplizierter wird.

Bisher war Apple auf schicke, teure Hardware spezialisiert. Doch als der Konzernchef Tim Cook Anfang September die neuesten Produkte seines Unternehmens anpries, schwärmte er statt vom neuen iPhone oder MacBook von dem Streamingdienst Apple TV+, der am 1. November weltweit online geht und den Serienmarkt aufmischen soll. Um das leisten zu können, hat Apple rund eine Milliarde Dollar investiert, aus dem Nichts eine riesige Unterhaltungsabteilung aus dem Boden gestampft, verlässt sich auf Stars wie Jennifer Anniston oder Reese Witherspoon, auf Talk-Prominenz wie Oprah Winfrey, auf Hollywood-Veteranen wie Steven Spielberg oder J. J. Abrams – und bietet das Gesamtpaket zum Schnäppchenpreis an. Während das Standard-Abo von Netflix zum Beispiel 11,99 Euro kostet, ist Apple TV+ bereits für 4,99 Euro zu haben.

Erst Apple TV+, dann Disney+

Allerdings muss Apple seine Online-Videothek erst noch aufbauen, hat zunächst einmal gerade ein Dutzend Eigenproduktionen im Angebot. Konkurrenten wie Netflix und Amazon können dagegen längst ein großes Repertoire an Originalserien vorweisen. Außerdem haben sie Rechte an zahlreichen Serien anderer Sender eingekauft und damit den Markt bisher weitgehend unter sich aufgeteilt.

Aus unserem Plus-Angebot: Braucht die Welt auch noch Streamingdienste von Apple und Disney?

Doch dieser Markt wird jetzt ziemlich durcheinandergewirbelt. Denn Apple TV+ ist nicht der einzige Streamingdienst, der künftig beim Seriengeschäft mitmischen will. Bereits am 12. November startet in den USA mit Disney+ ein weiterer mächtiger Konkurrent. In Deutschland dürfte der Streaming-Dienst des Micky-Maus-Konzerns Ende 2019/Anfang 2020 zur Verfügung stehen und dann für 6,99 Euro monatlich zu haben sein. Außerdem plant der Unterhaltungsmulti WarnerMedia einen eigenen Streamingdienst, der an den Bezahlsender HBO andockt. Dieser wird aber vorerst nur in den USA verfügbar sein. Und wie am 30. Oktober bekannt wurde, werden in Deutschland auch in den kommenden Jahren die Serien von HBO exklusiv bei Sky ausgestrahlt.

Verdrängungswettbewerb der Streamingdienste

Der sowieso schon etwas unübersichtlich gewordene Streamingmarkt zersplittert damit mehr und mehr. Wer bei aktuellen Serien immer auf dem neuesten Stand sein will, braucht eigentlich schon jetzt ein Abo von Netflix („Stranger Things“), Amazon Prime („The Marvelous Mrs. Maisel“), Sky („Das Boot“), Starzplay („Killing Eve“). Nach dem Start von Disney+ in Deutschland wird der dazu gehörende Konzern anderen Streamingdiensten die Rechte an seinen Filmen und Serien entziehen und diese exklusiv bei sich anbieten. Das betrifft beispielsweise alle Pixar-, „Star Wars“- und „Indiana Jones“-Filme sowie die Superheldenfilme, die im Marvel-Universum spielen – und damit fast sämtliche Blockbuster, die in den vergangenen Jahren die Kinocharts dominiert haben. Zwischen den Streamingdiensten findet ein Verdrängungswettbewerb statt.

„Friends“ geräte zwischen die Fronten

Mitten hinein in die Kampfzone ist auch der Sitcom-Klassiker „Friends“ geraten, der bisher bei Netflix zu sehen war, künftig aber bei Amazon Prime im Angebot ist. In der sechsten Staffel war Jennifer Aniston schon einmal auf Reese Witherspoon getroffen, die damals die kleine verwöhnte Schwester von Rachel gab. Jetzt spielen die beiden die Hauptrollen in „The Morning Show“, dem Vorzeigeprojekt von Apple TV+ – Aniston spielt die Moderatorin einer Fernseh-Morgenshow, deren langjähriger Kollege (Steve Carell) wegen des Vorwurfs sexueller Übergriffe gefeuert wird, Reese Witherspoon ist als dessen Nachfolgerin zu sehen. Außerdem hat Apple TV+ etwa das Science-Fiction-Drama „See“, das Emily-Dickinson-Biopic „Dickinson“, aber auch Kinderprogramme wie „Snoopy im All“ oder „Helpsters“ im Programm.

Wenn es Apple TV+ gelingt, im Dezember, wenn die Nominierungen für die Golden Globes bekannt gegeben werden, gegen Netflix und Co. zu bestehen, hat der neue Streamingdienst die erste Hürde geschafft. Darüber, ob das genügt, um den Serienmarkt ernsthaft aufzumischen, entscheidet letztlich aber doch nur die Zahl der Menschen, die tatsächlich bereit sind, ein Abo abzuschließen.

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