Street-Art-Serie Stuttgart „Man entwickelt ein echtes Paranoia-Gefühl“

Von Ann-Kathrin Schröppel 

Im dritten Teil unserer Street-Art-Serie spricht der Graffiti-Künstler Jeroo über sein künstlerisches Eremitenleben, darüber, was Kunst eigentlich zu wahrer Kunst macht und über den Unterschied zwischen legalem und illegalem Sprayen.

Ein Bild des Graffiti-Künstlers Jeroo bei Kirchheim. Foto: Jeroo 22 Bilder
Ein Bild des Graffiti-Künstlers Jeroo bei Kirchheim. Foto: Jeroo

Stuttgart - Der Sprayer Jeroo sitzt auf einem Klappstuhl am Rande seines Balkons und genießt die ersten, zarten Sonnenstrahlen des Tages. Dabei trinkt er selbstgemachte Limonade mit Zitronengeschmack. Sein gelbes T-Shirt passt an diesem Tag farblich gut zum sonnigen Wetter in Stuttgart-Vaihingen. Auch die Farbspritzer an Händen und Kleidung leuchten in der Sonne noch stärker als gewöhnlich.

Wer jetzt aber denkt, der Sprayer Jeroo führt ein verlottertes Vagabundenleben oder ist der Typ verträumter Künstler, der nichts auf die Reihe bekommt, liegt falsch. Der Künstler, der mit bürgerlichem Name Christoph Ganter heißt, steht in Lohn und Brot als Lehrer für Sport und Englisch an einem Stuttgarter Gymnasium. Der 36-Jährige füllt dort eine Halbtagsstelle aus. „Da bleibt mir immer noch genug Zeit, mich meiner Kunst zu widmen“, verrät er im Gespräch mit unserer Zeitung. So erreicht er die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit, schließlich hat er Frau und Kind und seit kurzem auch ein Eigenheim in Vaihingen. Das neuerworbene Haus renoviert und verschönert er eigenhändig, auch mit seinen Kunstwerken. Daher auch die Farbrückstände an Händen und Kleidung.

Ein künstlerisches Eremitenleben

Die Faszination für Graffiti kam durch die Kalligrafie-Kunst seiner Tante. Trotzdem entschied sich Ganter gegen ein Kunststudium: „Kunst ist aber mit das wichtigste in meinem Leben.“ Die Graffiti-Kunst war Ende der 1990er Jahre ein noch unbekanntes Phänomen an den Unis. „Es gab keine Professoren, es gab niemanden, der in diese Richtung gegangen ist. Da hätte mir niemand irgendwas beibringen können.“ So hat er sich alles selbst beigebracht. Einen zentralen Aspekt von Graffiti hat er gleich am Anfang verstanden: Es geht um Buchstaben. Es geht darum, Buchstaben zu verformen und ihnen eine eigene Ästhetik zu verleihen und das hat ihm anfangs als Vorgabe gereicht.

Trotz allem wünschte er sich einen Mentor, der ihm etwas zeigt, etwas beibringt. Doch es gab niemanden. Sechs oder sieben Jahre führte er ein künstlerisches Eremitenleben und malte ausschließlich für sich alleine, unbeeinflusst von anderen. Aus diesem Grund entwickelte er auch seinen unverwechselbaren Stil und seine hochgelobte Individualität, die ihm die Szene und verschiedenste Graffiti-Magazine bescheinigen.

Heutzutage ist es schwerer, einen eigenen Style zu entwickeln, es gibt sehr viel mehr Writer – wie die Graffiti-Künstler in der Szene genannt werden – als früher und das ganze Internet ist voll von Graffiti. Da wird man schnell als Nachahmer abgestempelt. Jeroo hatte Glück, er war ganz am Anfang der Graffiti-Bewegung da, er war jung und unbeeinflusst, konnte ganz unverkrampft an die Sache herangehen. Andererseits hilft die Informationsflut im Netz den Jugendlichen heutzutage auch. Vor allem erspart es ihnen eine Menge Zeit: „Heute kann man, Dank des Internets, schon nach zwei Jahren richtig gute Bilder malen. Früher habe ich sieben bis acht Jahre gebraucht um dieses Level zu erreichen.“

Es gibt aber auch eine dunklere Seite des Graffiti, die krasser und härter ist. Vor allem in Großstädten wie London, Paris und Berlin ist die Szene viel brutaler als in Stuttgart. „Da sind dann zehn Mann vermummt unterwegs, ziehen die Notbremse während der Zugfahrt und sprühen den ganzen Waggon voll.“ Konflikte werden nicht selten mit Waffengewalt gelöst. Das ist dann das harte, das extreme Graffiti. Das hat für Ganter mit Kunst nichts mehr zu tun. Im Gegensatz dazu beschreibt Jeroo die Stuttgarter Szene als „nett“. Die Künstler kennen sich untereinander und stehen mehr oder weniger im Dialog miteinander. Es herrscht eine Atmosphäre des Respekts und der Gewaltfreiheit.

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