Rund 70 Künstler aus der Streetart-Szene haben mehr als 100 Kunstwerke an die Wände dreier leerstehender Produktionsgebäude in Feuerbach-Ost gesprüht.

Philipp Becker vom Studio Vierkant in den Wagenhallen hat die beiden Krücken an eine der Betonwände gelehnt. Er sitzt in T-Shirt und kurzer Hose auf einem Bürostuhl inmitten des Vernissage-Trubels auf dem einstigen Akzo-Nobel-Produktionsgelände an der Kruppstraße 30. Den lädierten Fuß hat er auf mehrere Bierkisten gelegt. Becker plaudert und diskutiert angeregt mit Kumpels aus der Streetart-Szene. Bis unters Knie stecken Fuß und Unterschenkel in einem luftgepolsterten Schuh mit Klettverschlüssen. In dem modernen Gipsstiefel soll das Gewebe abschwellen.

Das Momentum genießen

Die Sprayer-Szene ist halt hart im Nehmen. Auf einer Leiter sei das Missgeschick passiert, berichtet Philipp Becker. Abgestürzt, zwar auf den Füßen gelandet, aber Bruch der rechten Ferse, wie sich später beim CMT im Krankenhaus rausstellte: „Gute Arbeit!“, hätten die in der Klinik nur gesagt, erzählt Becker breit grinsend. Doch am vergangenen Freitagabend bei der Feier auf dem ehemalige Akzo-Nobel-Coatings-Produktionsgelände in Feuerbach war er dann trotz schmerzhafter Bruchlandung und dicker Orthese schon wieder mit von der Partie. Vielleicht wollte er einfach nur mit seinen drei Vierkant-Kollegen Georg Waibel, Jan Ducks und Michel Balke sowie all den anderen Künstlern und den durchweg begeisterten Ausstellungsbesuchern das Momentum genießen. Denn hier hat die Streetart-Szene aus Stuttgart wirklich einen rausgehauen. Obschon die bemerkenswerte Aktion auf dem etwa ein Hektar großen Gelände bisher unterhalb des öffentlichen und medialen Radars blieb, besticht das Projekt auch wegen seiner Vielseitigkeit und Dimension. Die von der Stadt unter der König-Karl-Brücke den Sprayern zur Verfügung gestellte Hall of Fame wirkt dagegen fast niedlich.

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70 Streetart-Akteure in Aktion

Von Hidden Champions – also heimlichen Gewinnern – spricht der Stuttgarter Kulturamtsleiter in Zusammenhang mit den Machern der Aktion, die hier einen außergewöhnlichen „künstlerischen Experimentierraum“ gefunden hätten: „Wir befinden uns hier an einem ganz besonderen Ort“, sagt Marc Gegenfurtner. „In der Vergangenheit wurden auf dem Gelände Lacke und Farben hergestellt, Relikte des ehemaligen Produktionsbetriebs sind noch überall auf dem Gelände sichtbar und verleihen Stuttgart eine besondere Urbanität – nur leider abseits des Kessels.“ Wieso leider? In den vergangenen vier Wochen konnten die Street-Art-Akteure hier völlig ungestört werkeln und wirken: „Entstanden ist eine temporäre Galerie mit mehr als 100 Kunstwerken in unterschiedlichen Formaten. Betonwände und Klinkerfassaden und weitere architektonische Besonderheiten sind von den Künstlern und Künstlerinnen durch teils großformatige Arbeiten spannend inszeniert“, so der Kulturamtschef. Der Eigentümer des Areals, die Immobilienfirma Wöhr + Bauer, stellte das ehemalige Industrieareal der Szene zur Verfügung. Auch die Materialien von den Sprühlacken bis zur teleskopartig ausfahrbaren Lkw-Arbeitsbühne finanzierte der Projektentwickler mit Sitz in München. Kulturförderung muss also nicht unbedingt am finanziellen Tropf der öffentlichen Hand hängen. Es geht auch mit Public Private Partnership.

Ein abrissbereites Parkhaus aus München als Blaupause

Positive Erfahrungen mit einer Zwischennutzung durch Graffiti-Künstler haben Wöhr + Bauer bereits bei einem Münchner Parkhaus gesammelt, berichtet Wolfgang Roeck. Der Geschäftsführer der Immobilienfirma Wöhr + Bauer betont auch, dass so ein Projekt nur „im Zusammenspiel klappt“. Beteiligt an dem Zustandekommen der temporären Galerie waren neben dem Kulturamt, auch die Wirtschaftsförderung der Stadt: Letztere kann solche leerstehenden Gewerbeflächen zur Zwischennutzung vermitteln, zum Beispiel auch bei Läden als sogenannte Pop-up-Stores. Am Ende hatte die Kooperation für alle Beteiligte was zu bieten: „Für uns Sprüher ist so ein Gelände natürlich eine ideale Spielweise“, sagt Jan Ducks vom Studio Vierkant. Auch sein Kollege Waibel betont, dass sich hier eine „tolle Gelegenheit“ bot, ein Großprojekt an der Schnittstelle zwischen Kunst, Design, Graffiti und Fassadengestaltung zu realisieren. „Die sprayen brutal schnell“, freut sich denn auch Roeck über kreative Leute, die quasi aus dem Nichts und über Nacht aus grauem und nacktem Beton wandfüllende Gemälde schaffen können.

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Projekt nahm schnell Fahrt auf

Nach dem Schneeballprinzip nahm das Projekt schnell Fahrt auf: „Wir haben alle nutzbaren Wände fotografiert, das Ganze durchnummeriert und jeder konnte sich eine für ihn passende Fläche aussuchen“, berichtet Waibel. „Nach dem Motto: Wer zuerst kommt, ma(h)lt zuerst“, sagt er lachend. Streetart-Künstler aus Stadt und Region ließen sich nicht lange bitten. Aus Berlin, Hamburg, München und der Schweiz kamen noch welche dazu. Und nicht alles hat mit Graffiti zu tun. Renate Liebel, Künstlerin aus den Wagenhallen, schafft aus bunten Absperrbändern Objekte, die im Freien wie Kunststoff-Kronleuchter von der Betondecke baumeln und wie ein Laubwald im Wind rauschen: „Ich orientiere mich bei meinen Arbeiten an Pflanzenstrukturen“, sagt Liebel. Zudem bezieht sie sich auf die Wandarbeit von „Pomes“ direkt hinter ihrer Installation. Ein industrielles Tosen und Rauschen begleiten auch die Performance und der Sound des „Citizen.Kane.Kollektiv“. Es entsteht ein magischer Strom aus Tönen, die mit Zitaten einer Akzo-Nobel-Mitarbeiterin aus dem Off unterlegt sind. Plötzlich ist da eine Brücke und ein Schulterschluss zwischen früher und heute – zwischen den einstmals 1500 Beschäftigten der Farben- und Lackfirma und den Sprayern von heute.

Der Kampf um geeignete Flächen wird wohl weitergehen

Wie schnell so ein Vorhaben in die Tat umgesetzt werden kann, begeistert auch Bernhard Grieb. Der Leiter der Wirtschaftsförderung konstatiert: „Das Projekt schafft temporären Raum für Kunst, bietet einen kulturellen Mehrwert für die Stuttgarter und verschafft dem Eigentümer eine positive Wahrnehmung – und dies alles mit einem nicht mehr nutzbaren Industriegelände. Das hat Strahlkraft über die Stadtgrenzen hinaus.“ Wobei der Kulturamtschef in dem Kontext ein wenig Wasser in den Wein gießt: „Gerade die Streetart, für die insbesondere das Studio Vierkant steht, ist eine künstlerische Ausdrucksform, die sich übrigens auch auf neuen Gebäuden ausgesprochen gut ausnimmt.“ Dies gab Gegenfurtner, nur als kleine Anregung, an Roeck weiter. „No day without spray“ steht in riesiger Typoschrift auf einem roten Backsteingebäude. Die Szene muss bald weiterziehen, will sie diesem Leitspruch gerecht werden. Vielleicht dauert es noch ein bisschen, bis hier die Bagger mit ihren Greifzangen und Abrissbirnen anrollen und alles kleinklopfen: Bis 2027 wollen Wöhr + Bauer als Bauherr mit Hascher Jehle als Architekten hier das Neubauensemble K 30 entwickeln. Eine Art grüne Arbeitslandschaft mit vielen Büros soll hier entstehen. Ob da legale Graffiti Platz finden werden? No way, keine Chance.

Kommendes Wochenende ist die Ausstellung auf dem Industriegelände an der Kruppstraße 30 am Samstag, 28. Mai, und Sonntag, 29. Mai, jeweils von 12 bis 19 Uhr für die Öffentlichkeit geöffnet. Gleichzeitig gibt es eine 80-seitige Dokumentation des Projektes in Buchform. Nähere Infos über https://studiovierkant.de/