Streetart in Stuttgart Beglückungen aus dem Kaugummiautomaten

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Seit kurzem hängt in der Rosenbergstraße 69 in Stuttgart ein Kunstautomat. Die Geschäftsidee der Betreiber ist es, fremde Menschen zum Preis von einem Euro zu erfreuen.

Anna Ruza, Stoff Büttner (Mitte) und Dorian Langer vor ihrem Automaten. Foto: Wesely
Anna Ruza, Stoff Büttner (Mitte) und Dorian Langer vor ihrem Automaten. Foto: Wesely

S-West - Das Glück kann so preiswert sein! Bei einem Euro für ein Klümpchen Lebensfreude kann man nicht maulen. Diesen Betrag nämlich muss man am Kunstautomaten in der Rosenbergstraße einwerfen, um ein „optimistisches Zähnchen“ zu erhalten, ein kleines Armband mit einem Zahn als Perle daran. Es hängen noch drei weitere Kästen an der Wand vor dem Lieferservice „I love Sushi“. Manche der Plastikeier enthalten Kunstüberraschungen in Form von winzigen Bildern, Objekten aus vielfältigen Materialien, Basteleien, Zeichnungen oder aber Gedichte. Und immer ist ein Beipackzettel dabei – mit Anleitungen zum Ei-Gebrauch oder fürs ganze Leben.

Zähnchen aus dem Ei

Der Kaugummiautomat hatte schon eine Weile leer herumgehangen und brachte Anna Ruza, Stoff Büttner und Dorian Langer auf den Gedanken, ihn mit eigenwilligen Eiern zu bestücken. Das kreative Trio aus Clubbetreibern und Kreativen hat sich mit dem Automatenbesitzer und den Hauseigentümern geeinigt, eigene Kästen schmieden lassen und begonnen, Eier zu legen. „Das ist so ein kleines Ding und hat so ein Potenzial. Es erfreut einfach viele Leute“, sagt Anna Ruza. Die Herausforderung bestehe darin, sich eine Befüllung zu überlegen, die in die Plastikkapsel passt, originell ist und den Wert von einem Euro nicht wesentlich übersteigt.

An Einnahmen sei man nicht interessiert, versichern die Drei. Eher am Beglücken: „Wir wollen den Leute eine Freude machen“, erläutert Ruza die Geschäftsidee. Da aber das Eierlegen doch recht mühsam und zeitaufwendig ist, hat man sich entschlossen, arbeitsteilig vorzugehen und diverse befreundete Künstler und andere Kreativlinge einzuspannen. Auf diese Weise ist zugleich sicher gestellt, dass kaum ein Ei dem anderen gleicht. Es gibt Seedballs, politisch unkorrekte Bastelanleitungen, Eintrittskarten und diesen seltsam archaischen Armband-Talisman das „optimistische Zähnchen“. Die Beißerchen haben die Drei säckchenweise bei Ebay von einem Entrümplungsunternehmen für Zahnarztpraxen erstanden, dann angebohrt und aufgefädelt. Es handelt sich also bei diesem ansonsten etwas reizlosen Geschmeide um werte Handarbeit. „Wir wollten keinen Schmuck, der bloß schön ist. Er sollte irgendwie ein bisschen zwiespältig sein“, sagt Ruza. Als Kunde fühlt man sich flugs in die Kindheit zurückgebeamt, ertappt sich, wie man vom bloßen Augenschein her zu erahnen sucht, was sich denn in der Kapsel verbergen mag.

Keine Angst vor der Kunst

Die Idee des Kunstautomaten stammt von 1979. Größere Verbreitung fand sie erst um die Jahrtausendwende – zunächst in Berlin. Meist werden ausrangierte Zigaretten-, Kondom- oder Kaugummiautomaten verwendet. Automatenkunst macht einerseits die Künstler einer breiteren Öffentlichkeit vertraut. Andererseits kommen Kunden mit Kunst in Kontakt, die üblicherweise keine Museen oder Galerien betreten. Die üblichen Berührungsängste kommen gar nicht erst auf, wenn man sich im Vorbeigehen ein Kunst-Überraschungsei rauslässt. Neben dem Inhalt spielt die äußere Gestaltung eine Rolle. Den Automaten in der Rosenbergstraße beispielsweise zieren entzückend skurrile Figürchen.




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