Streetwork in Böblingen Keine Brennpunktarbeit im Sommer
Gemeinderat verlängert Vertrag über Mobile Jugendarbeit mit dem Verein für Jugendhilfe trotz interner Konflikte. Nach den Kündigungen der Streetworker müssen erst Nachfolger gesucht werden.
Gemeinderat verlängert Vertrag über Mobile Jugendarbeit mit dem Verein für Jugendhilfe trotz interner Konflikte. Nach den Kündigungen der Streetworker müssen erst Nachfolger gesucht werden.
Böblingen - Der Gemeinderat steht weiterhin zur Partnerschaft mit dem Verein für Jugendhilfe (VfJ). Der Verwaltungsausschuss sprach sich am Dienstag einstimmig dafür aus, dass der Böblinger Sozialdienstleister für rund 750 000 Euro fünf weitere Jahre die Mobile Jugendarbeit in der Stadt organisiert, obwohl es hinter den Kulissen des VfJ ordentlich gekracht hat. Wie berichtet haben alle drei Streetworker ihrem Arbeitgeber den Rücken gekehrt, die wichtige Jugendarbeit an den Brennpunkten der Stadt liegt derzeit brach.
Irritiert zeigten sich die Stadträte und Stadträtinnen, dass sie aus der Zeitung von den Problemen und deren Auswirkung für die aufsuchende Jugendarbeit in der Stadt erfahren mussten. Hinter den Kulissen gab es wohl heftige Konflikte zwischen den Jugendsozialarbeitern und ihrer Vorgesetzten, der sie intransparentes Verhalten, mangelnde Fürsorge und einen nicht mehr zeitgemäßen Führungsstil vorwerfen. Dass Reiner Pravda nach 27 Jahren mit seinem für das Flugfeld zuständigen Kollegen Matthias Rau nahezu zeitgleich das Handtuch warf, war wohl kein Zufall. Kollegin Lina Höppner verabschiedete sich jetzt ebenfalls: Höppner ist schwanger und wird wohl auch in Zukunft nicht mehr für den VfJ zur Verfügung stehen. Somit ist über den gesamten Sommer in Böblingen kein Streetworker unterwegs, der sich auf dem Flugfeld, rund um die Seen und am Bahnhofsbereich um die Jugendlichen kümmern könnte.
SPD+Linke-Rätin Jasmina Hostert artikulierte „Bauchweh“ angesichts dieser Entwicklungen nun über die Fortführung der Arbeit mit dem VfJ entscheiden zu müssen. Dennoch war für sie ebenfalls klar: Jetzt die Arbeit nicht mehr zu unterstützen, wäre der falsche Weg. Damit sprach Jasmina Hostert ihren Kolleginnen und Kollegen aus der Seele. Zu wichtig und zu erfolgreich sei diese Arbeit für Böblingen. Darüber herrschte Einigkeit. Dass die Sache damit aber erledigt ist, wollten die Stadträte nicht hinnehmen. „Über persönliche Themen und wie das abgelaufen ist, ist noch zu diskutieren“, machte SPD-Rat Manuel Böhler klar.
Wie geht es nun weiter? Wer beendet das Vakuum in der Betreuung? Dies waren Dinge, die die Bürgervertreter ebenfalls brennend interessierten.
Erster Bürgermeister Tobias Heizmann stellte fest, dass eine „suboptimale Konstellation“ herrsche, sprach aber auch von einem „großen Vertrauen“ der Verwaltung in den Verein für Jugendhilfe. Uta Kachel, verantwortliche Fachvorständin beim Verein für Jugendhilfe, räumte ein, dass die Mobile Jugendarbeit in Böblingen derzeit nicht aufrecht zu erhalten sei. Man könne sich allerhöchsten um Notfälle kümmern, erklärte sie. Der städtische Jugendreferent Frank Kienzler kündigte „so gut wie möglich“ eine vorübergehende Unterstützung durch die Jugendhäuser an.
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„Wir setzen gerade alle Energie in die Neubesetzung der Stellen“, versicherte Kachel. Diese Arbeit sei anspruchsvoll und finde häufig auch am Wochenende statt. „Wir brauchen Leute, die Lust darauf haben und das auch schaffen“, betonte sie. Die Probleme, die zum Rückzug der Streetworker geführt haben, seien nicht Ausdruck der Firmenkultur des VfJ, meinte Uta Kachel.
Kachel verteidigte auch den Auszug der Streetworker aus ihrem Büro am Käppele. Dies sei sanierungsbedürftig und entspreche nicht mehr den heutigen Anforderungen. Dass die Anlaufstelle für die Jugendlichen nun in das Verwaltungsgebäude des VfJ in der Talstraße integriert wird und sich die Jugendlichen scheuen könnten, dort vorbei zu schauen, sieht sie nicht als Problem: Es sei die Aufgabe der Jugendarbeit, diese Schwellen zu senken, erklärte Uta Kachel.
Dass sich die Begeisterung über den konzertierten Abgang der Streetworker in Grenzen hält, wurde mehrfach deutlich. Stadtrat Hans-Dieter Schühle erinnerte vor allem an das Wirken von Reiner Pravda auf der Diezenhalde: „Sie haben dort hinbekommen, was die Polizei nicht geschafft hat“, lobte er. „Ich wünsche mir wieder so einen wie Sie“, erklärte der CDU-Mann. Auch vom Oberbürgermeister gab es warme Worte: Stefan Belz sprach von einer „Erfolgsstory“ und attestierte dem anwesenden Reiner Pravda „grandiose Arbeit“. „Du hast den Unteren See gerockt“, befand Belz.
Warum Pravda dies in Zukunft aus ihrer Sicht nicht mehr tut, ließ sich das Gremium anschließend von Uta Kachel hinter verschlossenen Türen erklären.