Streetwork und Jugendarbeit in Stuttgart Eine Stadt ist auf Krawall gebürstet

Verschnaufpause auf den Treppen am Schlossplatz: Streetworker der Mobilen Jugendarbeit haben 116 Einsätze absolviert. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Ein Jahr nach der Stuttgarter Krawallnacht im Juni 2020 versuchen Streetworker und Jugendarbeiter ein Aufflackern der Konflikte zu verhindern. Führt die Strategie zum Erfolg?

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Stuttgart - An jenem Tag hat Simon Fregin schlechte Laune. Eigentlich hätte der Teamleiter der Mobilen Jugendarbeit am letzten Mai-Wochenende dieses Jahres Urlaub gehabt. Doch die nächtlichen Flaschenwürfe, die kurz darauf zur Sperrung der Freitreppe am Schlossplatz führen, rufen ihn vor ein paar Wochen vorzeitig zurück ins Büro. Fängt das alles wieder von vorne an? Die ganze Arbeit umsonst? Diese Fragen gehen ihm durch den Kopf. Es ist ein langer Weg zur „jugendgerechten“ Innenstadt, den sich die Stadtspitze nach der Krawallnacht vom 20. auf den 21. Juni 2020 verordnet hat. Nach dieser verheerenden Nacht sollte es nicht allein die Polizei richten, die nach einer Drogenkontrolle am Eckensee von Hunderten Jugendlichen und Heranwachsenden düpiert worden war und nur mit Mühe Angriffe, Randale und Plünderungen eindämmen konnte.

 

Immer wieder flackert es auf

Ein Jahr später, nach 141 ermittelten Tatverdächtigen und 83 verurteilten Personen, ist noch immer starke Polizeipräsenz nötig, weil sie immer wieder aufflackert, diese massive Energie, die gerade in Coronazeiten mit Alkoholverboten und Kontaktbeschränkungen leicht außer Kontrolle gerät. Das zeigen nicht nur die neuerlichen Flaschenwürfe Ende Mai. Anfang Juni hat es eine Polizeistreife zu spüren bekommen, als sie morgens um vier am Rotebühlplatz einen 26-Jährigen festnehmen wollte, der seine 21-jährige Freundin geschlagen haben soll. Ein Dutzend Schaulustiger solidarisierte sich, befreite den Verdächtigen aus dem Polizeiauto.

Sollte Sozialarbeit nicht alles besser machen? Hatte die Stadt nicht deshalb auf ein Konzept aus dem Jahr 2012 zurückgegriffen, bei dem Polizei, Stadt und die Träger der Jugendarbeit Caritas, Evangelische Gesellschaft und Jugendhausgesellschaft gemeinsam möglichen Exzessen in den Vergnügungsszenen vorbeugen sollten? Für die nächsten vier Jahre sind 2,4 Millionen Euro investiert. „Eines muss aber klar sein“, sagt Streetworker Fregin: „Gewaltprobleme löst man nicht geschwind mit Streetwork morgens um vier.“ Das müsse langfristig angelegt sein.

Noch immer gilt: Kontakte knüpfen, reden

Noch immer sind die Streetworker mit der Beziehungsarbeit beschäftigt. Sich sehen lassen. Kennenlernen. Vertrauen schaffen. Mit fünf zusätzlichen Sozialarbeiter der Mobilen Jugendarbeit. Bei 116 Einsätzen wurden in den vergangenen viereinhalb Monaten 840 Kontakte geknüpft. „Und wir werden immer öfter wiedererkannt“, sagt Fregin, „das ist ein gutes Zeichen.“ Wichtig sei auch der Kontakt der Jugendlichen mit den Anti-Konflikt-Teams der Polizei: „Jede positive Begegnung reduziert den Stresslevel“, so Fregin.

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Der Schlossplatz ist nicht nur Pulverfass, er ist auch Partyzone. Ein Magnet, eine Arena, eine Schaubühne. Bis weit in die Region, aber auch ins Land hinein ist bekannt, dass hier immer was los ist, auch wenn anderswo nichts los ist. „Bei mir zu Hause ist halt langweilig“, sagt etwa ein 16-Jähriger aus Waiblingen. Die sogenannte Peer Group, die sich hier besonders gerne versammelt, sind meist junge Männer aus einem sozialen Umfeld mit beengten Lebensverhältnissen. Was sie eint, ist nicht eindeutig. Dass die meisten ihre Wurzeln in Einwandererfamilien haben, sorgte für heiße politische Debatten, sei für die Ereignisse aber „nicht von zentraler Bedeutung“ gewesen, wie die Kriminologen Tobias Singelnstein und Christian Walburg in einer aktuellen Expertise feststellen.

Sie tanzen und sie pfeifen

Animation, Unterhaltung, Alkohol, Maskenfrust. Improvisierte Tanz-Wettbewerbe und Pfeifkonzerte aller Art sind das aktuelle Programm der Menge. Die Stadt hat die Freitreppe gesperrt, dafür auf dem Kleinen Schlossplatz sechs große Outdoor-Fitnessgeräte aufstellen lassen. Sportliches Kräftemessen als Freizeitbeschäftigung. „Jugendliche brauchen kommerzfreie Aufenthaltsorte in der Innenstadt“, sagt Clemens Kullmann von der Stuttgarter Jugendhaus-Gesellschaft.

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Am ersten Juni-Wochenende ist Simon Fregin mit einigen Jugendlichen losgezogen, um die Leute vom Schlossplatz zu interviewen. „Niemand hat die Sperrung der Freitreppe cool gefunden“, bilanziert der Streetworker die Umfrage, „aber die meisten haben die Maßnahme verstanden.“ Da sei man auch selber schuld, weil es einige übertrieben hätten, heißt es.

Aktionstag am Eckensee am Samstag

Derweil loben sich Stadtverwaltung und Träger der Jugendhilfe für eine immer bessere Vernetzung untereinander. An diesem Samstag planen sie von 13 bis 18 Uhr einen Aktionstag am Bolzplatz gegenüber dem Schauspielhaus am Eckensee und wollen an Aktionsständen vor allem Jugendliche zu Wort kommen lassen – mit Vorschlägen an die Stadtverwaltung. Oliver Herweg vom städtischen Jugendamt setzt außerdem auf die Jugendstudie der Dualen Hochschule, mit der das Projekt der Streetworker durchleuchtet werden soll: „Sie soll ein positives Aufwachsen junger Menschen in Stuttgart verstärken“, sagt er.

Doch Stuttgart ist keine Insel. Bei einem Besucheranteil von bis zu 40 Prozent aus der Region am Wochenende müssen die Jugendhilfeeinrichtungen aus Stuttgart und den Landkreisen Absprachen treffen. Bis Juli wollen die einzelnen Bereiche zusammengefunden haben. Eine regionale Vernetzung, die man auch schon beim früheren Projekt 2012 als nötig erkannt hatte. Trotzdem drehte die Stadt dem „City Streetwork“ 2013 den Geldhahn zu.

Schlossplatz-Szene wird wohl nicht wieder nur Randpublikum

Inzwischen habe die Sozialarbeiter einen Mercedes-Transporter gestiftet bekommen, der an der Oper geparkt werden soll. „Als Anlaufstelle und Rückzugsort von dem ständigen Geballer an Lautstärke“, sagt Simon Fregin. Man habe es erst am Kleinen Schlossplatz versucht, doch das sei unter Corona-Gesichtspunkten ein Fehler gewesen: „Wir wurden da förmlich überrannt.“

Derweil füllt sich die Stadt wieder. Lokalitäten öffnen, Schnelltests senken Hemmschwellen. Diejenigen, die bisher das nächtliche Bild bestimmten, gehören nach Einschätzung von Streetworker Fregin aber eher zu denjenigen, die sich auch ohne Geldausgeben in der Stadt aufhalten wollen, sich keine Restaurants, Clubs und Bars leisten können. „Sie nun wieder an den Rand zu drängen, das wird nicht funktionieren“, sagt er. Wie jugendgerecht Stuttgart dann wirklich sein wird, „ist eine spannende Frage“.

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