Viele klassische Streichquartette haben ein Profil, mit dem sie sich abzuheben trachten vom Mainstream. Beim Vision String Quartet etwa sind es keck-zeitgeistige Eigenkompositionen, die das ansonsten klassische Repertoire ergänzen; das Quatuor Ébène sucht die Nähe zu Jazz und Weltmusik. Das ebenfalls aus Frankreich stammende Quatuor Diotima hat sich auf zeitgenössische Musik spezialisiert, was ein Blick in seine Diskografie eindrucksvoll belegt: Einspielungen der Quartette von Helmut Lachenmann oder Pierre Boulez finden sich dort neben der Gesamteinspielung der Quartette der Zweiten Wiener Schule – also Schönberg, Berg und Webern.
Werke des 20. Jahrhunderts
Kein Wunder also, dass die vier Herren bei ihrem Konzert im Rahmen der Russ’schen Kammermusikreihe im gut besetzten Mozartsaal ausschließlich Werke des 20. Jahrhunderts aufs Programm gesetzt hatten. Den Anfang machte Arnold Schönbergs Streichquartett D-Dur. Wer den Namen Schönberg mit Atonalität und Zwölftönigkeit assoziiert, kennt womöglich das Frühwerk nicht, denn das 1897 entstandene Werk des 23-Jährigen steht stilistisch noch ganz in der spätromantischen Tradition des von Schönberg bewunderten Johannes Brahms. Wie dessen Werke ist es motivisch dicht gearbeitet, handwerklich perfekt endet der erste Satz gar mit einer dramatisch zugespitzten Stretta.
Nüchtern und kalt, fern jeder Emotion
Das Quatuor Diotima spielt das Stück weniger als Nachklang der Spätromantik, sondern als Vorstufe zu Schönbergs späteren Werken. Mit größtmöglicher Transparenz leuchtet es die motivischen Verflechtungen aus, der rhythmische Zugriff ist klar, Rubati werden nur sparsam eingesetzt. Eine Musizierhaltung, die das strukturelle Verständnis erleichtert, aber eben auch ein wenig kühl, fast streng wirkt – emotional berührt wurde man dabei kaum. Und das galt – leider – auch für das zweite Werk des Abends, Sergej Prokofjews erstes Streichquartett op. 50. „Alles Überflüssige im Ausdruck“, so der Komponist, wolle er vermeiden, und tatsächlich atmet das Werk eine asketisch anmutende Disziplin, die sich im ersten Satz vor allem in einem fast mechanisch wirkenden Rhythmus zeigt. Eine nervöse Grundspannung durchzieht das Werk, alles bleibt kontrolliert, auch der latent klagende Ton im Andante molto wirkt beim Quatuor Diotima nüchtern und kalt, fern jeder Emotion.
Wie ein Tanz auf dem Vulkan
Dass es die Franzosen anders können, bewiesen sie nach der Pause mit Alexander von Zemlinskys zweitem Streichquartett. Dies ist ein Werk der Extreme: ein vierzigminütiger Rausch, ein psychedelischer Strom im Zustand der Dauererregung, Musik als seelischer Ausnahmezustand, aufs Triebhaft-Unbewusste zielend. Das Quartett spielt das mit überwältigender Dringlichkeit aus und schont dabei weder sich noch die Hörer. Extrem ist die dynamische Spannweite, dennoch bleiben die polyfonen Schichtungen stets erkennbar. Emotional gleicht es einem Tanz auf dem Vulkan: Fahle Trauer wechselt mit verzweifelten Ausbrüchen, die innere Spannung wird über die gesamte Dauer gehalten. Hoffnung, Trost? Fehlanzeige. Lasset alle Hoffnung fahren. Ein herausfordernder Abend, der deutlich machte, in welche Dimensionen Musik vordringen kann.