Streik im öffentlichen Dienst Demonstration in Böblingen

Demonstrationszug im Böblinger Stadtzentrum: Vom Elbenplatz geht es in Richtung Landratsamt, dann zum Marktplatz und wieder zurück. Foto: /Stefanie Schlecht

Der Tarifstreit im öffentlichen Dienst hat am Mittwoch Böblingen erreicht. Im Landkreis wird gestreikt, im Stadtzentrum demonstriert. Auch die Busfahrer sind noch im Protestmodus, heute wird in Böblingen verhandelt.

Nicht nur die Regenschirme, Warnwesten und Transparente sind bunt – auch die Mischung der Angestellten, die sich am Mittwochvormittag zum Protest in der Böblinger Bahnhofstraße versammelt haben. Bei der Kundgebung stehen Kita-Erzieherinnen neben Mitarbeitern der Kreissparkasse, Pflegekräfte der Sindelfinger Winterhaldenschule neben Angestellten der Stadtwerke, Straßenwärter neben Rathaus-Mitarbeiterinnen.

 

„Ich freue mich, dass wir es hinbekommen haben, dass Leute aus so vielen Bereichen da sind“, sagt der Verdi-Ortsvereinsvorsitzende Jochen Wagner am Rand der Kundgebung. Auch wenn es aus seiner Sicht noch ein paar mehr hätten sein dürfen. Immerhin rund 200 Streikende trotzen dem miesen Wetter. Diesmal noch nicht dabei sind die Angestellten der Krankenhäuser, ein Streikaufruf der Gewerkschaft soll hier später erfolgen.

Bessere Bezahlung gefordert

Sie alle eint die Forderung, dass der öffentliche Dienst besser bezahlt werden soll. Acht Prozent und mindestens 350 Euro mehr Lohn fordert die Gewerkschaft im Tarifstreit unter anderem, am Montag wird wieder verhandelt. „Viele Angestellte können sich ein normales Leben nicht mehr leisten“, schimpft die Stuttgarter Verdi-Geschäftsführerin Sidar Carman auf dem Platz vor der Böblinger Kreissparkasse, „zudem fehlt viel Personal, und die Angestellten müssen das ausbaden – so kann es nicht weitergehen“.

Aus der Kita Dätzingen ist die komplette Belegschaft da und macht mit einem bunt bemalten Banner auf sich aufmerksam. „Der Beruf ist nicht attraktiv genug, wir brauchen mehr Leute“, sagt der Erzieher Jan Fischer. Der 24-Jährige arbeitet seit bereits sieben Jahren in der Kita und hat sie schon als Kind besucht. „Wir in Dätzingen sind ordentlich besetzt“, gibt Fischer zu, „aber anderswo sieht das viel schlechter aus – für die gehen wir hier auch auf die Straße und hoffen auf Besserung.“ Als einer der wenigen Männer in der Branche würde er sich insbesondere über männlichen Zuwachs freuen. „Wäre toll, wenn es ein paar mehr Männer in Zukunft in den Beruf schaffen.“

Ein Regenschirm war zeitweise notwendig. /Stefanie Schlecht

Gegen 10.30 Uhr setzt sich der Zug auf der Herrenberger Straße in Bewegung, es geht in Richtung Landratsamt – wo die Demonstranten auch noch diejenigen wachrütteln wollen, die heute nicht streiken. An der Abzweigung zur Parkstraße stockt der Zug, es gibt kurzzeitig Aufregung, als zwei Krankenwagen mit Blaulicht angerast kommen und den gleichen Weg wie die Demo-Teilnehmer nehmen müssen. Schnell wird Platz gemacht, und nach wenigen Sekunden kann es weitergehen. Nach kurzem Halt am Landratsamt wendet sich die Gruppe der Alba-Brücke zu, es geht Richtung Marktplatz und zum Rathaus, dann zurück zum Elbenplatz.

Solidarität für Familien mit Kindern

Zu einer der größten Gruppen unter den Demonstranten zählen die fast 50 Angestellten der Kreissparkasse, die als öffentlich-rechtliche Anstalt einen gewissen Sonderstatus unter den Bankenhäusern hat. „Die Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern oder in den Kitas brauchen eine Erhöhung sicher dringender als wir“, gibt eine KSK-Angestellte zu, „aber wir streiken für sie mit.“ Dass die meisten Familien auf eine funktionierende Kinderbetreuung angewiesen sind und das nur teilweise funktioniert, schlage sich auch bei der Kreissparkasse durch. „Bei uns haben ja viele kleine Kinder.“

Wenn für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt wird, darf Paul Schobel nicht fehlen. Der ehemalige Böblinger Betriebsseelsorger ist auch mit 85 Jahren noch gerne dabei und beteiligt sich als „guter Geist“ an der Demonstration. „Ich unterstütze die Forderungen“, sagt Schobel, „der öffentliche Dienst ist unterbesetzt und unterbezahlt.“ In der Gesellschaft hänge viel von einer intakten Infrastruktur ab, dazu gehöre der öffentliche Dienst. „Das hat seinen Preis“, sagt der Begründer des Böblinger Arbeiterzentrums, „und das muss jetzt ausgehandelt werden.“

Vierte Verhandlung im Busgewerbe

Auch die Busfahrer haben diese Woche erneut gestreikt, obwohl die Tarifverhandlungen im privaten Omnibusgewerbe auf einem guten Weg zu sein schienen. Verdi fordert hier neun Prozent mehr Gehalt. Die Arbeitgeber haben dreimal 2,5 Prozent angeboten und kritisieren die aktuellen neuerlichen Warnstreiks als unangemessen. An diesem Donnerstag wird ab 9.30 Uhr auf der Hulb in Böblingen weiterverhandelt.

Am Donnerstag bleiben viele Kitas zu

Kaum Betreuung
 Der Warnstreik im öffentlichen Dienst geht am Donnerstag weiter, davon sind auch zahlreiche Kitas betroffen. In Böblingen zum Beispiel sind mindestens 13 Einrichtungen geschlossen, aktuelle Infos dazu gibt es unter www.boeblingen.de/Kinderbetreuung im Internet.

Demo in Stuttgart
 Am Donnerstag hat die Gewerkschaft Verdi flächendeckend zum Warnstreik im öffentlichen Dienst aufgerufen. Eine der zentralen Demonstrationen findet in Stuttgart statt, aber auch in Reutlingen, Pforzheim, Mannheim und Freiburg.

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