Streit an Weihnachten „Wenn Weihnachten da ist, sind alle schon wochenlang gestresst“

Weihnachten ist das Fest des Friedens und der Besinnlichkeit – von wegen. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Gerade an den Feiertagen kann es in der Partnerschaft oder der Familie heftig knallen. Lässt sich Streit an Weihnachten vermeiden – und wie kann man deeskalieren?

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Traute Weihnachtszeit! Was besinnlich und feierlich werden soll, bedeutet oft Stress, Streit und rituellen Irrsinn. Man muss kein Weihnachtshasser wie der Grinch oder Ebenezer Scrooge bei Charles Dickens sein, um sich von der Fülle der Erwartungen überfordert zu fühlen. Westliche Ansprüche an das Weihnachtsfest haben sich seit der Nachkriegszeit, sogar seit 100 Jahren kaum verändert: ein Christbaum, Liedersingen, Geschenke, das Festmahl mit der ganzen Familie. US-Weihnachtsblockbuster, Instagram- und Tik-Tok-Videos zeigen bei allen technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen in Bezug auf Weihnachten eine altmodische Welt. Wenn sich alles beschleunigt, soll doch bitte dieses eine Ritual so bleiben, wie es immer war.

 

Jeder will es ein bisschen anders gestalten

Doch wie war es immer? Da fängt das Problem schon an. Jeder will es doch ein bisschen anders. „Jetzt wird erst der Baum fertig geschmückt, dann sagt Vicky ein Gedicht auf, dann holen wir die Geschenke rein, dann sehen wir uns die Weihnachtssendung im Ersten Programm an, dann wird ausgepackt und dann machen wir es uns gemütlich“, sagt Vater Hoppenstedt in Loriots Weihnachtsszene. Und die Mutter erwidert: „Nein, Walter, erst holen wir die Geschenke rein, dann sagt Vicky ein Gedicht auf und wir packen die Geschenke aus, dann machen wir erst mal Ordnung, dabei können wir fernsehen und dann wird’s gemütlich.“ Der Opa: „Und wann krieg ich mein Geschenk?“

In Heinrich Bölls Kurzgeschichte „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ erleben wir eine Nachkriegsfamilie im Weihnachtsstress. Dort ist es so, „dass die sachgemäße Anbringung des vielfältigen Schmuckes erhebliche Mühe kostete, die Beteiligung aller erforderte und die ganze Familie am Weihnachtsabend vor Nervosität keinen Appetit hatte, die Stimmung dann – wie man so sagt – einfach grässlich war“. Tante Milla möchte, dass Weihnachten und überhaupt „alles so sein sollte, wie früher“.

Nicht nur die Verdrängungsmechanismen der Nachkriegszeit werden hier vorgeführt, sondern eine dem Weihnachtsfest innewohnende Sehnsucht nach Ritualen. „Die Reinszenierung alter Bräuche ist es, was viele sich auch heute wieder in unserer schnellen Zeit wünschen“, sagt die Diplompsychologin Felicitas Heyne. „Wir haben das Bedürfnis nach Beständigkeit und Kontinuität, wir wünschen uns ein Stück heile Welt an Weihnachten.“ Am Weihnachtsfest soll unter der weißen Tischdecke bleiben, was den Heiligen Abend stören könnte. Am besten gäbe es draußen noch eine dicke Schicht Schnee, die alles berieselt und bedeckt, für die „Stille Nacht“ sorgt, die man herbeizusingen beabsichtigt.

Rigide Rituale führen zu Stress am Weihnachtsfest

Alles wie früher bedeutet im Fall der Böllschen Tante Milla übrigens, dass am Baum eine Garnitur kleiner gläserner Zwerge hängen muss. Zwerge, die mit Korkhämmerchen auf glockenförmige Ambosse schlagen. An der Spitze des Baumes thront ein rotwangiger Engel, der in bestimmten Abständen „Frieden“ flüstert – „Frieden“.

Ein Weihnachtswahnsinn, den die verrückte Tante in der Geschichte bald schon täglich zu wiederholen wünscht, winters wie sommers, und den die ganze Familie wohl oder übel mitmacht, um die ältere Dame nicht zu bestürzen. Als die Lust nach Wochen und Monaten schwindet, engagiert die Familie Theaterschauspieler, um die Tante zu täuschen und die Familie scheinbar jeden Abend wieder vollständig versammelt um den Zwergenbaum begrüßen zu können. Das ist lustig, solange man nicht selbst drin steckt. Die rigide Befolgung der Rituale und zuwiderlaufende Vorstellungen lassen Weihnachtsinszenierungen zum komischen Akt werden.

„Je höher die Erwartungen, desto tiefer die Fallhöhe“

Ist nicht jedes Weihnachten ein Stück weit Theater? Selbst wenn wir nicht Schauspieler an unserer statt schicken, gibt es einen vorgefertigten Ablauf, Regelwerk, verteilte Aufgaben. Und wehe, einer fällt aus der Rolle! Mit heiligem Ernst, melancholischer Feierlichkeit wird der Abend oft heute noch begangen und ist zum Gelingen verdammt.

Diplom-Psychologin Felicitas Heyne Foto: privat

„Je höher die Erwartungen, desto tiefer die Fallhöhe, wenn es doch anders läuft und chaotisch wird“, erklärt Felicitas Heyne. Zudem: „Wenn Weihnachten da ist, sind alle meist schon wochenlang gestresst von den Vorbereitungen, dem Geschenkeinkauf, Erkrankungen und zahlreichen Ballettaufführungen und Adventsbasteltreffen der Kinder. Da hat man eine niedrige Toleranzschwelle, die Impulskontrolle reißt.“

Nur wenig Rückzugsmöglichkeiten

Viele Familien sitzen über die Feiertage stundenlang mit Leuten zusammen, die sie sonst das ganze Jahr über nicht sehen. Jeder hat wenig Rückzugsmöglichkeiten und unterschiedliche Bedürfnisse. Felicitas Heyne erinnert an das, was Weihnachten alles aufbrechen kann: „Alte Geschwisterkonflikte oder alte Rollen. Man wird plötzlich wieder Kind oder als solches behandelt.“

Dabei ist am Weihnachtsabend wohl jeder zwei Menschen: das Kind, das er einmal war, und der Erwachsene, der er angeblich längst ist. Weihnachten wird nie wieder so schön sein wie als Kind. Das heißt, an Weihnachten trauern wir unterschwellig auch der verlorenen Kindheit nach, betrachten das Verstreichen der Zeit, das unweigerlich, nun ja: zum Tod führen muss. Vielleicht hilft es zur weiteren Ernüchterung, sich vor Augen zu führen, dass der Weihnachtszauber demnach auch unheimlichen Charakter hat. Der österreichische Kulturwissenschaftler Thomas Macho beschreibt Weihnachten als ein „Geburtsfest als Erinnerung an den bevorstehenden Tod“.

Felicitas Heyne rät, sich gut vorzubereiten, die Arbeit zu verteilen

Macho schreibt: „In verschiedenen Ländern und Regionen war es üblich, vor der Bescherung am Heiligen Abend auf den Friedhof zu gehen, um die Toten mit kleinen Gaben zu versöhnen und teilhaben zu lassen am unheimlichen Fest. Die Spuren dieses Unheimlichen lassen sich weit zurückverfolgen, etwa bis in die Weihnachtsevangelien. Wovon erzählt denn Lukas? Von einer Volkszählung, die einen Zimmermann und seine hochschwangere Verlobte, die ein Kind austrägt, das er nicht gezeugt hat, dazu zwingt, 150 Kilometer von Nazareth nach Bethlehem zurückzulegen, um dann am Zielort kein Quartier zu finden, sodass das Kind in einem Viehstall zur Welt kommen muss. Und Matthäus berichtet gar von einem Massaker unter den Kindern von Bethlehem, das der König Herodes befohlen habe, um einen möglichen Thronrivalen frühzeitig auszuschalten.“

Ganz schön überladen, dieser Abend! Felicitas Heyne rät daher profan, sich gut vorzubereiten. „Wer ein friedvolles Weihnachten will, muss planen. Was wollen wir, was nicht? Das 5-Gänge-Menü im letzten Jahr war vielleicht lecker, aber doch viel zu stressig.“ Die Psychologin meint: „Man muss die Arbeiten verteilen, es räumlich und zeitlich entzerren. Am besten ist oft ein lockeres Programm, Spiele und Lieder, damit man nicht immer auf die Uhr schauen muss und das Soufflé nicht in sich zusammenfällt.“ An Weihnachten könne man zudem, auch wenn man grundsätzlich ein Gegner des „Heile-Welt“-Spiels sei, immerhin für den Abend eine Art Burgfrieden aushandeln, mal nicht über Politik oder Kindererziehung streiten. Wenn es doch eskaliert, meint Heyne, helfe nur eins: „Stopp sagen, aus der Situation gehen, kurz spazieren, danach drinnen gemeinsam neu anfangen.“

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