Abwahl ohne Begründung
Öffentlich wurde der Zoff, als der Betriebsrat vor wenigen Tagen seine Vorsitzende Andrea Widzinski abgewählt hat. Gerade mal acht Wochen, nachdem sich das Gremium konstituiert und Widzinski an seine Spitze gewählt hatte. Die Abwahl kam scheinbar aus dem Nichts. Die 13 Betriebsräte schafften gut miteinander, und aus der Belegschaft gab es auch keine Klagen. So beschreibt es Frank Hawel von der Gewerkschaft Verdi, die noch versuchte zu vermitteln. Ohne Erfolg. Und auch ohne dass man Gründe erfahren hatte. Die Betriebsräte, die für die Abwahl stimmten, erklärten nichts.
Aus drei wird eins
Der Betriebsrat ist noch jung. Er setzt sich zusammen aus Mitgliedern, die bisher in drei verschiedenen Häusern gearbeitet hatten. Der Volksbank Ludwigsburg, der Volksbank Asperg-Markgröningen und der VR-Bank Neckar-Enz. Als diese drei Geldhäuser voriges Jahr fusionierten, fusionierten auch die Betriebsräte. Und darin, so stellt sich die Angelegenheit nach und nach dar, scheint der Grund für die Eskalation zu liegen.
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Andrea Widzinski kommt von der Volksbank Ludwigsburg, seit 1997 saß sie dort dem Betriebsrat vor. Für diese Arbeit war sie freigestellt. Bei ihren Kollegen aus den anderen beiden Banken war das anders, sie arbeiteten ganz normal in ihren Häusern mit. Was, so erscheint es, mit etwas weniger Professionalität in der ehrenamtlichen Tätigkeit als Betriebsrat verbunden war.
Ein ungewohnter Ton
So ist es zum Beispiel vorgekommen, dass Mitarbeiter nicht in die korrekte Gehaltsstufe eingruppiert wurden – ohne dass es der Betriebsrat gemerkt hat. Das berichtet Andrea Widzinski, die nach der Fusion viele Verträge der Neukollegen zur Überprüfung vorgelegt bekam. Und es ist ebenfalls vorgekommen, dass Regeln für die Samstagsarbeit einfach deshalb nicht neu verhandelt wurden, weil es der Chef nicht wollte – obwohl die alte, befristete Vereinbarung ausgelaufen war. „Wozu braucht man einen Betriebsrat, wenn er sich nicht für die Mitarbeiter einsetzt?“, fragt Andrea Widzinski rhetorisch.
Nach der Fusion brachte sie einen für die Neuen ungewohnten Zug in die Betriebsratsarbeit und in die Gespräche mit den Chefs. Dass das dem Co-Vorstandsvorsitzenden Timm Häberle nicht zu gefallen schien, stellte sie bald fest.
Eine berühmte Vorsitzende
Timm Häberle war bisher Chef der VR-Bank Neckar-Enz gewesen. Nun drohte er Andrea Widzinski arbeitsrechtliche Konsequenzen an, weil sie ihr Auto einmal auf einem Kundenparkplatz abgestellt hatte. Ein anderes Mal forderte er sie mit harter Fristsetzung auf, sich zu erklären, weil sie angeblich unentschuldigt bei der Arbeit gefehlt habe. (Tatsächlich, sagt Andrea Widzinski, habe sie sich krankgemeldet). Und dann kürzte ihr der Vorstand das Gehalt. Es sei erst zu prüfen, ob ihre Vergütung als freigestellte Betriebsrätin korrekt sei.
„Sandkastenspiele“ nennt das Andrea Widzinski, die nicht irgendwer ist. Die 58-Jährige hat nicht nur unter Betriebsräten einen Ruf wie Donnerhall, seit sie vor 15 Jahren dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Karlheinz Unger die Stirn geboten hat. Mit härtesten Bandagen kämpfte er damals dafür, sie loszuwerden, weil sie sich angeblich despektierlich über ihn geäußert hatte. Letztlich – und nach vielen negativen Schlagzeilen bundesweit – gab er auf und zog alle Verfahren zurück.
Plötzlich weniger Gehalt
Andrea Widzinski sagt, sie fühle sich nun an diese Zeit erinnert. Lustig findet sie das alles nicht, trotzdem hat sie erst mal laut gelacht, als sie von ihrer Gehaltskürzung erfuhr – und dann ihren Arbeitgeber verklagt.
Ihre beiden Stellvertreter waren offenbar nicht so standhaft. Zwar forderten sie den Vorstand auf, die Störfeuer gegen die Vorsitzende zu unterlassen. Doch dann, nach separaten Gesprächen mit Häberle war alles anders – und es gab den Antrag zur Abwahl der Vorsitzenden. Die Räte vom Standort Ludwigsburg haben übrigens mit Nein gestimmt, waren aber knapp in der Minderheit. Von „Umfallern“ spricht Andrea Widzinski.
Wie die Kollegen über den Fall denken, ist nicht bekannt. Der neue Vorsitzende, Klaus Bader, reagiert auf Anfragen nicht. Auch Timm Häberle ist für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Wegen der Fusion sei alles sehr stressig, erklärt eine Assistentin.
Unruhige Zeiten
Ob es nun weniger stressig wird, wenn die hartleibige Betriebsratschefin weg ist? Ruhiger, so viel ist zu ahnen, wird es nicht. Der Prozess wegen der Gehaltskürzung steht aus. In der Belegschaft rumort es. Und dem Betriebsrat gehört Widzinski weiterhin an, auch freigestellt bleibt sie. Und das Betriebsverfassungsgesetz, mit dem es die Kollegen nicht so genau zu nehmen schienen, gilt sowieso nach wie vor.
Es klingt also nicht unbedingt nach friedlicheren Zeiten, wenn Andrea Widzinski sagt: „Dampf machen werde ich weiterhin.“