Streit in Frankreich Die falsche Marianne?

Da war er noch stolz: Präsident Hollande präsentiert die Marianne-Briefmarke. Foto: AP POOL
Da war er noch stolz: Präsident Hollande präsentiert die Marianne-Briefmarke. Foto: AP POOL

Sie ist die französische Freiheitsikone schlechthin: Die barbusige Marianne wurde auf unzähligen Bildern verewigt. Jetzt haben zwei Künstler eine Briefmarke mit der Frauenfigur entworfen – und das ganze Land regt sich darüber auf.

Korrespondenten: Axel Veiel (axv)
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Paris – Sie ist allgegenwärtig. Ihr Antlitz ziert Münzen und Marken. In Bronze gegossen blickt sie auf Straßen und Plätze herab. Und was das Faszinierendste ist: Marianne, die Frankreich verkörpernde Freiheitsheldin, zeigt sich immer wieder anders, ist immer wieder neu. Eugène Delacroix hat sie gemalt, für Rathausbüsten standen Filmstars wie Brigitte Bardot, Catherine Déneuve oder auch Sophie Marceau Modell. Aber auch wenn Marianne immer wieder anders daherkommt, sie verkörpert Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sie eint die Nation.

Bisher zumindest. Jetzt aber ist um ihr Abbild auf den neuen Marianne-Briefmarken heftiger Streit entbrannt. Die Zeichner Olivier Ciappa und David Kawena hatten für den Entwurf viel Lob eingeheimst. So ermutigt, gab Ciappa Einblick in den Schaffensprozess, twitterte, wer ihn inspiriert hatte: die Ukrainerin Inna Schewtschenko, Gründerin der barbusig demonstrierenden Frauenrechtsgruppe Femen und seit zehn Tagen in Frankreich anerkannte Asylantin. Eine ukrainische Feministin als Sinnbild Frankreichs? Das kann, das darf nicht sein, sagte sich die Christdemokratische Partei. Sie prangerte eine „Herabwürdigung der Frau und Frankreichs“ an und rief auf zum Briefmarkenboykott. Ciappa hielt dagegen: Marianne, die in der Revolution mit entblößter Brust auf die Barrikaden gegangen sei, wäre heute eine Femen-Frau. Beschwichtigend schob er nach, zwei Französinnen hätten ebenfalls Pate gestanden: die Ex-Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot und die heutige Justizministerin Christine Taubira.

Politisch korrekt klang das. Die Rechtsbürgerliche Bachelot verkörpert das konservative, die Sozialistin Taubira das fortschrittliche Frankeich. Und da letztere aus Guayana stammt, ist auch der ethnischen Vielfalt Rechnung getragen. Frieden ist aber nicht eingekehrt. Mit dem Hinweis, Taubira sei als Vorkämpferin der Homo-Ehe eine Freiheitskämpferin par excellence, hat der Zeichner den Streit weiter angefacht. Gegner der Homo-Ehe wollen nicht hinnehmen, dass der verhassten Reform mit Briefmarken gehuldigt wird. Jetzt müsste eigentlich die Post daran erinnern, dass es im freien Frankreich noch andere Marken gibt, mit denen jeder seine Briefe frankieren kann.




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