Streit in Vaihingen/Enz kühlt ab Stadt will mit Wärmenetz so schnell wie möglich starten
Der Oberbürgermeister Uwe Skrzypek eckte in Vaihingen/Enz zunächst an – jetzt folgt ihm der Gemeinderat und genehmigt ein Konzept zur Wärmeversorgung.
Der Oberbürgermeister Uwe Skrzypek eckte in Vaihingen/Enz zunächst an – jetzt folgt ihm der Gemeinderat und genehmigt ein Konzept zur Wärmeversorgung.
Die Aufregung war groß gewesen, als der neue Vaihinger Oberbürgermeister Uwe Skrzypek vor etwa einem Jahr die Planungen für das Wärmenetz Leimengrube/Fuchsloch III stoppte. Die Vorgängerverwaltung hatte den Auftrag nur im Amtsblatt ausgeschrieben und die Abwicklung einem lokalem Anbieter anvertraut, der aber plötzlich Lieferengpässe beim Brennstoff Bio-Methan anzeigte. Der Gemeinderat folgte Skrzypek im Februar und beauftragte die Ludwigsburger Energieagentur Lea damit, ein Konzept zu stellen. Dessen Marschrichtung genehmigten die Räte am Mittwoch mit großer Mehrheit von 21 Ja-Stimmen – jedoch nicht ganz geräuschfrei.
Die Rohre für das Neubaugebiet Leimengrube und das Gewerbegebiet Fuchsloch III sind schon fast komplett verlegt. Eile ist geboten, denn an einer schnellen Inbetriebnahme hängen nicht nur rund 1,5 Millionen Euro an Fördermitteln des Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetzes, sondern auch Kunden, die ihre Wärme aus anderen Quellen beziehen könnten – was das Wärmenetz der Stadt unrentabel machen würde. „Es müssen in den nächsten Monaten Preise kommunizierbar sein“, so Raphael Gruseck, Projektleiter für die Wärmewende bei der Lea. Er warnte auch vor Rostschäden, wenn die Rohre ungebraucht herumlägen.
Die Stadt Vaihingen wird mit einer schnellen Inbetriebnahme im Herbst von der Zuschauerin zur Akteurin der Wärmewende. Sie betreibt das Netz selbst, und holt sich die Lea nicht nur als Berater, sondern auch zur Steuerung des Projekts mit ins Boot. Technisch schafft sie das, weil sie zunächst nur ihre Gebäude – das Stromberggymnasium, die Feuerwehr, das Technische Rathaus, den Bauhof und einen Kindergarten – ans Wärmenetz anschließt. Zum Heizen nutzt sie vorhandene Wärmequellen wie den Gaskessel des Gymnasiums oder das Blockheizkraftwerk der Feuerwehr. Der Vorteil: die weitere Wärmeversorgung muss nicht mehr europaweit ausgeschrieben werden.
An der Rolle der Lea entzündete sich im Gemeinderat allerdings Kritik. Die vier Fraktionen Freie Wähler, CDU, FDP und SPD trauten der Agentur zwar kaufmännisch und strategisch einiges zu, zweifelten aber an deren technischer Kompetenz. „Wir brauchen Know-how“, sagte Eberhard Zucker, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler und forderte, sich bei Stadtwerken in Karlsruhe oder Bietigheim-Bissingen konzeptionell beraten zu lassen. Nichts anderes sei für die Planung und den 24-Stunden-Betrieb die Absicht, entgegnete Uwe Skrzypek und integrierte den Vorschlag in den Beschluss.
Der für das Jahr 2025 vorgesehene Betrieb des eigenen Wärmenetzes im Gebiet Leimengrube/Fuchsloch III verlangt der Verwaltung zwar operativ und personell einiges ab, doch will sie sich künftig bei Neueinstellungen Fachwissen anwerben. Das ist allein schon deshalb notwendig, weil die Kommune laut Lea nach 2030 weitere Schritte zur langfristigen Wärmesicherung gehen muss.
Relativ rasch muss die Stadt aber zunächst einen Netzabschnitt in der Steinbeisstraße bauen, um das Gebiet Fuchsloch III anzuschließen. Im zweiten und dritten Ausbauschritt strebt sie die Zusammenarbeit mit vorhandenen privaten Wärmelieferanten an: der H. Wennberg GmbH und der Biogas Ensingen GmbH.
Beide Betriebe haben laut Lea Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Stadt und deren Eigenbetrieb. Sollten beide Kooperationen zustande kommen, würden langfristig günstige Wärmepreise und eine Wirtschaftlichkeit des Netzes erreicht, teilt die Energieagentur mit. Die H. Wennberg GmbH versorge seit 2011 ein benachbartes Unternehmen und seit 2017 die Waldorfschule aus einem Blockheizkraftwerk heraus. Die Biogas Ensingen GmbH liefere bisher drei Viertel der Wärmeenergie des Ortsteils Kleinglattbach. Der Weiterbetrieb der Anlage sei bis mindestens 2037 gesichert.
Ob die Kommune langfristig ein eigenes Stadtwerk gründen soll, wurde als Perspektive von Oberbürgermeister Skrzypek genannt – es gehe aber zunächst darum, in kleinen Schritten Kernkompetenzen aufzubauen. Beim gekippten Beschluss von 2022 habe man zu wenig Infos gehabt: „Wir sind jetzt wieder handlungsfähig.“ Die Räte genehmigten neben den notwendigen Investitionen von rund 1,3 Millionen Euro auch eine juristische Beratung und rund 43 000 Euro für die Projektsteuerung der Lea.
Alle Fraktionen waren sich einig, dass jetzt schnelles Handeln erforderlich sei, um Schaden von der Stadt abzuwenden. „Vor vier Monate hatten wir noch kein Konzept“, sagte Wir-Rat Oliver Luithle. Von einem „schlüssigen Konzept mit Charme“ sprach der Grüne Thomas Essig, der darauf hinwies, dass die Stadt schon viel in ihr Wärmenetz investiert habe und nicht bremsen sollte. Eberhard Berg von der SPD wies auf die Unsicherheiten hin, falls Lieferanten absprängen: „Es muss aber weitergehen.“ Einen Bericht in jeder Ratssitzung über die Fortschritte forderte der Linke Peter Schimke.
Stufen 1 und 2
Die kommunalen Liegenschaften sollen laut der Ludwigsburger Energieagentur Lea im September 2024 ans Wärmenetz gehen. Der Baustart für den Abschnitt Steinbeisstraße ist für Juli vorgesehen. Der Anschluss des Wärmelieferanten H. Wennberg GmbH an die Rohre der Steinbeisstraße soll Ende Dezember 2024 abgeschlossen sein. Im Januar 2025 könnte demnach das Verbundnetz in Betrieb gehen.
Stufe 3
Der Anschluss der Anlage der Biogas Ensingen GmbH wird nicht von der Stadt, sondern von dem Unternehmen in die Hand genommen. Die Stadt baut von August bis Oktober nur eine Übergabestation. Die Rohre von der Anlage zum Netz sollen bis Februar 2025 verlegt worden sein. Die Inbetriebnahme des Wärmenetzes mit der Biogasanlage ist nach dem Zeitplan der Lea für März 2025 vorgesehen.