Es sind heftige Worte, mit denen in der Berliner SPD der Berliner Queerbeauftragte Alfonso Pantisano kritisiert wird. Wie der „Tagesspiegel“ berichtet, kursiert an der Parteibasis der Entwurf eines offenen Briefes, in dem Pantisanos Verhalten missbilligt wird: „Wir sagen ganz deutlich, Du vertrittst uns als Schwule, Lesben und Bisexuelle, die wir in der SPD jenseits der AG Queer Politik machen, nicht mehr“, heiße es darin. Initiatoren des Entwurfs sei eine Gruppe queerer SPD-Mitglieder. Die Verfasser legen laut dem Tagesspiegel Pantisano den Rücktritt nahe.
Der Queerbeauftragte, der der Bruder vom Stuttgarter Stadtrat Luigi Pantisano ist, hatte den SPD-Politiker Kevin Kühnert in den Sozialen Medien kritisiert. Kühnert, der am Montag seinen Rücktritt als SPD-Generalsekretär bekannt gab, hatte vor einer Woche in einem Interview mit dem Spiegel über Homophobie von Seiten muslimischer Männer gesprochen.
Kühnert spricht über muslimische Homophobie
Anlass für Kühnerts Äußerungen war ein Gastbeitrag in der FAZ von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir. Als schwuler Mann könne er erahnen, was der Grünen-Politiker meine, sagte Kühnert dem Spiegel. „Klassische Treiber von Homophobie sind unter anderem streng konservative Rollenbilder und religiöser Fundamentalismus.“ In Berlin erlebe er, dass es aus „aus muslimisch gelesenen Männergruppen häufiger zu einem homophoben Spruch“ komme. Kühnert stellte in dem Interview aber auch klar, dass nicht der Großteil der Muslime seines Berliner Wahlkreises homophob sei.
Alfonso Pantisano, der für provokante Aussagen bekannt ist, kritisierte Kühnert in den Sozialen Netzwerken. Er warf dem Politiker vor, das Bild zu erzeugen, dass ein Großteil der muslimischen Community schwulenfeindlich sei, obwohl Kühnert im Spiegel-Interview das Gegenteil betont hatte. Queerfeindlichkeiten gebe es von Menschen aller Herkünfte und mit allen Sprachen, Hautfarben und Religionen, so Pantisano. In einem weiteren Beitrag in den Sozialen Medien warf er Kühnert antimuslimischen Rassismus vor. Man könne auf der Straße gar nicht erkennen, ob jemand Muslim sei, so Pantisano. Als Beleg dafür teilte er ein Foto von sich mit einer arabischen Kopfbedeckung. Das Foto ist laut seinen Angaben ein Castingbild aus 2007. Er habe jahrelang im arabischen Raum bei Werbekampagnen mitgewirkt, weil er als muslimisch gelesen durchgehe, obwohl er Italiener sei.
Foto als „geschmackloser“ Auftritt kritisiert
In dem offenen Brief schreiben die Initiatoren laut dem Tagesspiegel an Pantisano gerichtet, der Politiker sei „wieder einmal“ weit über das Ziel hinausgeschossen. Kühnert habe ausdrücklich eine Mehrheit der muslimisch Gläubigen in Deutschland von seiner Aussage ausgenommen, beschreibe aber eine Realität, „die jeder und jede von uns erleben musste“. Wer das Ansprechen der Realität als Rassismus oder Islamophobie diffamiere, der verharmlose die unterschiedlichen Erscheinungen des Rassismus, zitiert der Tagesspiegel. „Schlimmer noch: Er versucht, mit dem härtesten Vorwurf die Debatte zu verhindern und Menschen mundtot zu machen“, heißt es demnach.
Außerdem kritisieren die SPD-Mitglieder, dass Pantisano das Bild von sich mit der arabischen Kopfbedeckung geteilt hat, und das kurz vor dem Jahrestag des Terrorangriffs der islamistischen Hamas auf Israel. Ein derart „geschmackloser“ Auftritt spreche ihm „die Eignung als öffentlicher Vertreter der LGBTiQ Community ab“, heißt es in dem Brief.
Das sagt Luigi Pantisano zu der Kritik an seinem Bruder
Luigi Pantisano (Linke) steht trotz aller Kritik voll hinter seinem Bruder, wie er unserer Zeitung sagt. „Die Reduzierung auf muslimisch gelesene Jugendliche, die ein Problem sind gegenüber der queeren Community, ist ein rassistischer Diskurs, den mein Bruder zurecht kritisiert hat.“ Der Stuttgarter Stadtrat verweist auch auf andere SPD-Mitglieder, die Kevin Kühnerts Aussagen kritisiert haben.
In Ostdeutschland könnten keine Christopher Street Days mehr ohne Polizeischutz durchgeführt werden, weil zahlreiche Neonazis auf diese Demos gehen würden, sagt Pantisano. „Und dann ist es einfach falsch, dass man als SPD-Generalsekretär die muslimisch gelesenen jungen Männer thematisiert.“ Die SPD nehme für sich in Anspruch, seit mehr als 150 Jahren das Bollwerk gegen rechts zu sein. „Dann übernimmt man als Partei nicht rechte Diskurse“, meint Pantisano.
„Konstruierte Kritik“
Dass das Foto von ihm in Verbindung mit der Situation in Israel gebracht wird, findet Luigi Pantisano absurd. Es handele sich um eine „konstruierte Kritik“, die aus rechten Kreisen vorangetrieben worden sei. Sein Bruder habe dieses Foto schon öfter geteilt. Außerdem trage er darauf keine Kleidung, die für Palästina oder den Iran typisch sei.
Auch Forderungen nach einem Rücktritt seines Bruders lehnt Luigi Pantisano ab. „In einer Partei braucht es den Diskurs und Menschen, die eine andere Postion einnehmen“, sagt Pantisano. „Wo kommen wir hin, wenn solche Diskurse nicht mehr möglich sind.“