Streit über Abflugroute in Stuttgart Fluglärmstudie bringt überraschendes Resultat

Lärmquelle Flugzeug: für manche Wohnquartiere sind die Flieger eine große Belastung. Foto: Horst Rudel

In den Streit über einen neuen Korridor für Flüge vom Stuttgarter Flughafen Richtung Süden kommt Bewegung. Welche Kommunen werden mehr belastet, welche weniger? Eine lang erwartete Studie gibt ambivalente Antworten.

Regio Desk: Achim Wörner (wö)

Stuttgart - Im Herbst des vergangenen Jahres war es eines der beherrschenden Themen in weiten Teilen der Region Stuttgart: die Debatte über eine neue Abflugroute über dem Himmel am Stuttgarter Flughafen. Kritiker hatten 15 000 Unterschriften gegen den geplanten neuen Korridor gen Süden gesammelt, zuletzt hatte sich im Oktober sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann schlichtend in den Streit eingeschaltet. Nun liegt das eigens von der Fluglärmkommission Stuttgart und dem Verkehrsministerium des Landes in Auftrag gegebene, lange erwartete Lärmgutachten auf dem Tisch. Der entscheidende Satz findet sich in der Zusammenfassung auf Seite 25 der Expertise, die unserer Zeitung vorliegt: Aufgrund der insgesamt geringen Anzahl von Abflügen zu dem „TEDGO neu“ genannten Wegepunkt „verändert sich die Fluglärmsituation im Untersuchungsgebiet unwesentlich“.

 

Lesen Sie aus unserem Angebot: Kretschmann weist Flugrouten-Gegner ab

Was technokratisch klingt, heißt auf den Punkt gebracht: Die Auswirkungen der neuen Abflugschneise sind wesentlich geringer als – je nach Sichtweise – erhofft oder befürchtet. Weder können im Neckartal viele Tausende Menschen auf ruhigere Zeiten hoffen, wenn die Jets gen Mallorca künftig in einem engeren Radius und steiler nach oben steigen; noch müssen Tausende Bewohner im Aichtal oder in Nürtingen mit neuem, überbordendem Krach rechnen.

Weiter heißt es: „Bezogen auf das Schutzgut Mensch ergeben sich die größten Veränderungen“ in Neuhausen, wo die Zahl der hoch Lärmbelasteten im realistischen Szenario um 30 Personen zunähme, sowie in Esslingen, Wernau und Wendlingen, wo es punktuell leiser werden würde. Die negativsten Auswirkungen zeigen sich demnach in südlichen Wohngebieten von Neuhausen sowie „den überwiegend bewaldeten Flächen zwischen Wolfschlugen und Unterensingen sowie auf bebauten Flächen der Gemeinde Nürtingen“. Die Lärmpegel steigen aber in der Regel nur um rund 0,5 Dezibel und bleiben, wie die Experten nachweisen, überwiegend unter dem Wert von 45 dB(A): was einer ruhigen Wohnung entspricht.

War die ganze Aufregung umsonst?

Christof Bolay, Oberbürgermeister von Ostfildern und zugleich Vorsitzender der Fluglärmkommission, bestätigte am späten Freitagnachmittag auf Anfrage, dass das Gutachten abgeschlossen und allen Mitgliedern der Kommission sowie den im Untersuchungsgebiet liegenden Städten und Gemeinden zugegangen ist. Bolay gilt als Befürworter der neuen Route – und dürfte nun hoffen, dass sich die Debatte über den ursprünglich von den Fluggesellschaften Eurowings und Lufthansa ins Gespräch gebrachten Abflugkorridor dauerhaft beruhigt.

Die bisherige Betrachtung müsse deutlich relativiert werden, sagt er – sowohl in Bezug auf die anfangs prognostizierten Entlastungen für manche Orte auf den Fildern und im Neckartal wie auch für die zusätzlichen Belastungen in Gebieten südlich des Flughafens Richtung Aichtal und Nürtingen. „Im Kern handelt es sich“, so Bolays Eindruck nach erster Lektüre der Studie, „um Verschiebungen im Promillebereich“.

Die Gutachter haben Unmengen an Daten erhoben

Erstellt worden ist das Gutachten von der renommierten Accon GmbH mit Hauptsitz im bayrischen Greifenberg, das als eines der führenden Beratungsbüros in Lärmfragen gilt. Im Auftrag der Fluglärmkommission hat das Unternehmen seit Dezember ausführlich Daten erhoben und Berechnungen für die künftige Entwicklung angestellt – anhand verschiedener Szenarien zur Nutzung des Korridors. Das Land und die Kommunen, die von einer geänderten Flugroute betroffen wären, haben die Studie mitfinanziert.

Einbezogen wurde ein 205 Quadratkilometer großes Gebiet rund um den Flughafen, um einen möglichst breiten Überblick zu bekommen. Das Untersuchungsgebiet umfasst 25 Kommunen, und von den in Summe rund 420 000 Bewohnern sind schon heute gut 40 000 stark von Lärm betroffen, wie die Auswertung deutlich macht. Je nach Nutzungsintensität des neuen Korridors würde sich unterm Strich die Zahl der hochlärmbelasteten Menschen um 110 bis 353 reduzieren, so die Gutachter.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Über welche Orte fliegen die Flugzeuge künftig?

Dokumentiert ist all dies in riesigen, mehr als 300 Megabyte Speicherplatz in Anspruch nehmenden Dateien – die Grundlage für die nun anstehenden weitergehenden Diskussionen. Am 7. März soll die Expertise auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung der Fluglärmkommission stehen, wie Christof Bolay sagt. Geladen sind, neben den festen Mitgliedern, auch die von der neuen Route möglicherweise betroffenen Kommunen wie Nürtingen, Aichtal und Wolfschlugen, die aber nur ein Anhörungsrecht haben. Danach werde die Expertise veröffentlicht. Einige Kommunen haben bereits angekündigt, die Ergebnisse in ihren Gemeinderäten besprechen zu wollen. Im Laufe des Frühjahrs wird zudem der neue Korridor in Simulationsflügen auf seine Tauglichkeit und die Sicherheit auch bei unterschiedlichen Wetterlagen im Detail erprobt.

Voraussichtlich Ende April, Anfang Mai soll die Fluglärmkommission nach dem Willen ihres Vorsitzenden ihre Empfehlung abgeben. Die finale Entscheidung, ob die neue Route realisiert wird, fällt an anderer Stelle – bei der Deutschen Flugsicherung und dem Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung.

Wenn es so kommt, werden künftig ein bis zwei Flüge pro Stunde den neuen Korridor nutzen. Auch wenn das Argument, dass diese Route zu einer starken Entlastung vieler Kommunen führt, nun wegfällt: Nach Ansicht von Bolay spricht viel für die um zwölf Kilometer kürzere Steigstrecke. Der engere Radius spart Zeit und Kerosin. Zudem reduziert sich nach ersten Berechnungen der CO2-Ausstoß um rund 200 Kilogramm pro Flug, wenn die Maschinen früher abdrehen.

Die Fluglärmkommission

Mitglieder
 Der Fluglärmkommission für den Flughafen Stuttgart gehören 15 Mitglieder an. Dies sind die Städte Filderstadt, Leinfelden-Echterdingen, Esslingen, Ostfildern und Stuttgart, die Gemeinden Denkendorf, Steinenbronn, Neuhausen und Schönaich sowie die Bundesvereinigung gegen Fluglärm, die Flughafen Stuttgart GmbH, die Luftfahrtunternehmen, die Industrie- und Handelskammer der Region Stuttgart, die US-Streitkräfte in Baden-Württemberg und das Ministerium für Verkehr in seiner Eigenschaft als oberste Landesbehörde für den verkehrsbezogenen Immissionsschutz.

Anwärter
 Das Landesverkehrsministerium prüft im Moment, ob weitere Kommunen aus der Region in die Fluglärmkommission aufgenommen werden müssen. Nürtingen beispielsweise hat dies beantragt. Entscheidendes Kriterium ist die tatsächliche Fluglärmbelastung in dem jeweiligen Ort. Fluglärmkommissionen haben die Aufgabe, die Flughafengenehmigungsbehörde sowie die Flugsicherung zu beraten.

Weitere Themen