Streit über Coronaberichte im SWR „Ketzer“ zieht gegen SWR vor Gericht

Propagiert Dialog mit Kritikern: SWR-Chef Kai Gniffke Foto: dpa/Christoph Schmidt

Nach scharfer Kritik am Corona-Journalismus wurde Ole Skambraks vom SWR gekündigt. Nun kommt sein Fall vors Arbeitsgericht. Um Meinungsfreiheit, betont der Sender, gehe es nicht. Aber stimmt das?

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - An seinen Umgang mit Coronathemen hat der Südwestrundfunk (SWR) sehr hohe Ansprüche. Man achte darauf, möglichst viele Blickwinkel zu berücksichtigen, heißt es, und pflege „nach innen und außen ein offenes, respektvolles Diskursklima“. Externe Kritiker der Berichterstattung traf der Intendant Kai Gniffke sogar demonstrativ zum Austausch per Videokonferenz.

 

Entsprechend souverän, konnte man erwarten, würde der Sender auch mit einem internen Kritiker umgehen. In einem offenen Brief, publiziert über den Blog „Multipolar“, hatte der SWR-2-Mitarbeiter Ole Skambraks zwar Grundsätzliches moniert: Viel zu sehr werde im Programm der Kurs der Regierenden und ein vermeintlicher wissenschaftlicher Konsens propagiert, abweichende Ansichten hätten es dagegen schwer. Sanktionen habe Skambraks gleichwohl nicht zu befürchten, meinten Kollegen: Gniffke & Co. würden sich hüten, ihn zu einem „Märtyrer der Meinungsfreiheit“ zu machen.

Erst freigestellt, dann gekündigt

Es kam dann doch anders. Seit unsere Zeitung als erstes etabliertes Medium über den „Ketzer“ (Skambraks über sich) berichtete, ging es Schlag auf Schlag. Tags darauf wurde dem 42-Jährigen zunächst mitgeteilt, er sei von sofort an freigestellt. Später folgte die außerordentliche Kündigung „aus wichtigem Grund“, hilfsweise mit sozialer Frist. Alle Arbeitsmittel musste der Geschasste abgeben, sein IT-Zugang wurde gesperrt. Am kommenden Montag beschäftigt der Fall nun das Arbeitsgericht Karlsruhe, bei dem Skambraks gegen den Rauswurf klagt. In Räumen des Landgerichts Baden-Baden werden beim Gütetermin die Chancen für eine Einigung ausgelotet.

Keineswegs, beteuert die SWR-Sprecherin, sei die Kündigung wegen der „kritischen Meinungsäußerungen“ erfolgt. Grund sei vielmehr, dass Skambraks den Sender durch falsche Tatsachenbehauptungen und das Erwecken falscher Eindrücke „fortgesetzt in der Öffentlichkeit diskreditiert“ habe. Entgegen einer „Stillhaltevereinbarung“, wird ihm angekreidet, sei er noch bei einem österreichischen TV-Talk aufgetreten und habe dort „das Vertrauen in die Neutralität“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks untergraben. Die Basis für eine weitere Zusammenarbeit sei damit „unwiederbringlich zerstört“. Skambraks stellt einiges anders dar: Das Schweigegelübde etwa habe es so gar nicht gegeben, und der Austausch mit seinen Vorgesetzten sei in einem frühen Stadium stecken geblieben. Die Bewertung ist nun Sache der Arbeitsrichter.

Unterstützer bleiben in der Deckung

Aber auch SWR-intern beschäftigt der Fall die Gemüter. Die Gründe der Kündigung habe man im Intranet offengelegt und zur Kommentierung freigegeben, sagt die Sprecherin. Am meisten Zuspruch habe dort eine Stellungnahme des Leiters der Wissenschaftsredaktion gefunden: Allen Interessierten erläutere man gerne, offerierte der, nach welchen Kriterien etwa über Studien berichtet oder Experten ausgewählt würden. Die Kündigung spiele in den Kommentaren kaum eine Rolle, heißt es, nur ein Mitarbeiter habe sie in einem Schreiben an die Intendanz kritisiert. Angesichts des Umgangs mit Skambraks bleiben seine Unterstützer derzeit lieber in der Deckung.

Gegenüber unserer Redaktion aber solidarisierten sich mehrere SWR-Beschäftigte mit ihm, unter dem Schutz der Anonymität. Der offene Brief habe „die Stimmung im Haus gut beschrieben“, heißt es in einer Stellungnahme. Bei Corona herrschte „fast Hofberichterstattung“, wer den offiziellen Kurs anzweifele, werde schnell als „Spinner“ abgetan. Skrambraks „spricht mir aus der Seele“, sekundiert eine Kollegin, die seinen „unglaublichen Mut“ bewundert; sie selbst sei leider „noch nicht so weit“.

In seinem Bereich teilten viele Kollegen die Sorgen über die „einseitige Berichterstattung“ der Öffentlich-Rechtlichen und die Spaltung der Gesellschaft, berichtet ein anderer SWRler. Er verweist auf den WDR-Intendanten Tom Buhrow, der erst kürzlich mehr Meinungsvielfalt und einen offeneren Diskurs in den Sendern gefordert habe. Dazu passe es schlecht, dass „gleichzeitig kritische Geister gekündigt“ würden. Beim Prozess am Montag werden sich die Kontrahenten übrigens nur per Video begegnen. Um die Öffentlichkeit zu gewährleisten, gibt es laut der Gerichtssprecherin einen „großen Bildschirm“.

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