Stuttgart - Die Nachricht traf die rund 760 Mitglieder des Vereins Aufbruch ziemlich unvorbereitet. Einen Tag vor Beginn des Bürgerforums zur Opernsanierung am vergangenen Freitag teilte der ehrenamtliche Vereinsgeschäftsführer Thomas Rossmann per Rundmail seinen sofortigen Rückzug als Vorstandsmitglied sowie seinen Austritt aus dem Verein mit. Für seinen Schritt gab Rossmann persönliche Gründe an, ohne diese näher zu erläutern. Nach Informationen unserer Zeitung gab offenbar die überraschende Teilnahme von Aufbruch-Chef Wieland Backes an der Auftaktsitzung des Bürgerforums den Ausschlag für Rossmanns Rücktritt. Vereinschef Backes bestätigte dies und bedauerte zugleich Rossmanns Ausscheiden: Man hätte den Dissens gerne in einer Aussprache geklärt.
Erst Absage, dann doch Vorstellung der Ideen beim Bürgerforum
Noch wenige Tage zuvor hatte Backes, gestützt auf einen „einstimmigen“ Vorstandsbeschluss, die Teilnahme seiner Initiative zunächst abgesagt. Dass er dann doch am ersten Tag des Forums die Gelegenheit wahrnahm, die alternativen Vorstellungen des Aufbruchs zu der Sanierung der Staatsoper sowie dem Bau einer Interimsspielstätte bei den Wagenhallen vor den 40 Zufallsbürgern zu präsentieren, wertete Backes in einer Mail an die Mitglieder als richtig und zielführend: „Wir haben beste Chancen auf ein Votum in unserem Sinne.“ Für Rossmann, ein entschiedener Verfechter des Boykotts der Veranstaltung, war die Teilnahme an dem Forum zu viel der Kompromissbereitschaft.
Sehen sich nicht als Kritiker, sondern als bürgerschaftliches Gegenüber
Die Personalie wirft ein Schlaglicht auf den aktuellen Zustand des Vereins, der 2017 von Backes, dem Architekten Arno Lederer und zahlreichen Mitstreitern aus der Kultur- und Architektenszene mit aus der Taufe gehoben und mit viel Vorschusslorbeeren bedacht wurde – und durch den mittlerweile ein tiefer Riss geht. Viele der Gründungsmitglieder haben sich inzwischen aus der ersten Reihe zurückgezogen, andere opponieren gegen den Vorstand. Erklärte Zielsetzung des Aufbruchs bei seiner Gründung war es, sich in die Diskussion über mehr Urbanität, Lebensqualität und Strahlkraft für die Landeshauptstadt konstruktiv einzubringen. „Wir sehen uns nicht in erster Linie als Kritiker, sondern als bürgerschaftliches Gegenüber von Verwaltung und Politik“, heißt es im Gründungsmanifest des Vereins, das auf der Homepage einsehbar ist. Das Hauptaugenmerk des Engagements lag dabei auf der Gestaltung einer lebendigen Kulturmeile.
Mitglieder kritisieren „quasiabsolutistisches Gebaren“ des Vereinsvorstands
Mittlerweile wächst die vereinsinterne Kritik am Vorstand unter dem früheren TV-Moderator Backes. Aufbruch-Mitglieder sprechen von einem „quasiabsolutistischen Gebaren“ des Gremiums und einer „Ego-Show“ von Backes und Ex-Geschäftsführer Rossmann. Der Verein habe sich immer mehr von seinen ursprünglichen Zielsetzungen entfernt und agiere als „selbst ernannte außerparlamentarische Fundamentalopposition gegen Stadtverwaltung und Gemeinderat“. Sauer aufgestoßen ist den Backes-Kritikern dabei insbesondere, dass dieser zwar dem von der Landesregierung initiierten Bürgerforum per Pressemitteilung ein Demokratiedefizit attestierte, es aber selbst nicht für nötig erachtet habe, die Meinung der Mitglieder zur Nichtteilnahme beziehungsweise Teilnahme einzuholen.
Backes räumt Kommunikationsprobleme ein, verteidigt aber die Vereinsarbeit
Inhaltlich stoßen sich die Aufbruch-Rebellen an der Fixierung der Vereinsarbeit auf das Thema Opernsanierung, insbesondere an der kompromisslosen Haltung der Vereinsoberen zum gewünschten Bau einer dritten Spielstätte, gedacht zunächst als Opern-Interimsquartier während der Sanierung des Großen Hauses und später als Konzerthaus. Hartnäckig halten Backes und Co. dabei an der Einbeziehung des benachbarten Königin-Katharina-Stifts fest, obwohl es dafür weit und breit keine politische Mehrheit gibt und die Schule mehrfach bekundet hat, am Standort bleiben zu wollen. „Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab“, zitiert ein Vereinsmitglied eine alte Indianerweisheit.
Backes führt den hohen Zeitdruck und die Auswirkungen der Corona-Pandemie dafür ins Feld, dass die Kommunikation mit den Mitgliedern „etwas reduziert war“. Man habe sich aber stets um Transparenz bemüht: „Ein Mitgliedervotum kann – auch wenn man es wollte – nicht immer eingeholt werden“, so der Vereinsvorsitzende. Zur Kritik an den inhaltlichen Zielen des Aufbruchs erklärte er, diese orientieren sich „mehr denn je an den ursprünglichen Vereinszielen“. Dies wirke zuweilen hart und unbequem, sei aber „in der Sache stets konstruktiv“. Er hob zugleich die Verdienste der Initiative hervor: „Den Wettbewerb zur B 14 hätte es ohne unsere Anstöße sicher nicht gegeben.“ Man ringe um interessengerechte und kostengünstigere Lösungen bei der Opernsanierung. Backes: „Wer weiß, vielleicht wäre man anderswo sogar stolz auf uns.“