Streit um B 10-Umfahrung in Enzweihingen Große Aufregung wegen Großem Feuerfalter

Der Große Feuerfalter lebt auch dort, wo die Umfahrung der B 10 geplant ist. Foto: RP Stuttgart

Nach Jahrzehnten der Unklarheit schien nun alles klar: Enzweihingen bekommt eine Umgehungsstraße. Doch dort, wo die Trasse entstehen soll, wurde nun ein geschützter Schmetterling gefunden. Und geschützte Tiere haben viel Macht.

Region: Verena Mayer (ena)

Vaihingen/Enz - Wenn er seine leuchtend orangefarbenen Flügel ausspannt, schafft er es auf eine Breite von maximal vier Zentimetern, er ist also nicht besonders groß. Und auch nicht besonders stark. Trotzdem kann er eine ungeheure Kraft entwickeln, was daran liegt, dass er besonders gefährdet und deshalb besonders geschützt ist. Die Rede ist vom Großen Feuerfalter, einem Schmetterling aus der Familie der Bläulinge. Er lebt in großflächigen, strukturreichen Wiesenlandschaften – zum Beispiel in der Enzaue von Vaihingen an der Enz. Just dort, wo die Umfahrung der B 10 geplant ist.

 

Die Behörde hat den Falter nicht entdeckt

Mit dieser Planung soll nun Schluss sein, wenn es nach den Naturschützern geht, die das ökologische Gutachten in Auftrag gegeben haben, in dem der Große Feuerfalter nachgewiesen wurde. „Wir fordern Bund und Land auf, EU-Recht einzuhalten und die Planungen für die Umgehung zu stoppen“, sagt Brigitte Dahlbender vom BUND Baden-Württemberg. Ihr Kollege Gerhard Bronner vom Landesnaturschutzverband (LNV) schimpft über einen „unverantwortlichen Eingriff in Natur und Landschaft“. Und Johannes Enssle, der Vorsitzende des Nabu Baden-Württemberg, beklagt, dass es das Regierungspräsidium Stuttgart an Gründlichkeit mangeln lasse. Es falle auf, dass in den bisher erstellten Gutachten der planenden Behörde geschützte Arten „übersehen“ worden seien.

Lesen Sie hier, warum Umweltschützer von Anfang an gegen die Pläne waren

Das Regierungspräsidium (RP) sagt momentan noch nicht viel dazu. Nur dies: Auch das RP hat bei der Kartierung des Geländes nach dem Großen Feuerfalter – sowie anderen schützenswerten Arten – Ausschau gehalten, den nämlichen Schmetterling aber nicht nachweisen können. Seine Bestände seien stärkeren jährlichen Schwankungen unterworfen. Und: Das Gutachten der Naturschützer werde momentan fachlich geprüft, eine fundierte Auskunft sei deshalb noch nicht möglich.

Dem Oberbürgermeister schwant Übles

Der Oberbürgermeister Gerd Maisch (Freie Wähler) wird dafür umso deutlicher. Nicht weil er kein Herz für die Natur hätte, sondern weil es ihm vor dem graust, was nun passieren kann: Ein weiteres und vor allem langwieriges Hin und Her.

Die Diskussion darüber, wie der Stadtteil Enzweihingen vom Verkehr entlastet werden kann, wird bereits seit Jahrzehnten geführt. Die ersten Planungen entstanden in den 1970er Jahren, damals schwebte den Verantwortlichen ein großes Enztalviadukt vor. Lange geschah nichts. In den 1980er Jahre wurde schließlich eine Entlastungsvariante entwickelt, die den Verkehr in einem Tunnel unter der Enzweihinger Ortsdurchfahrt in Richtung Pforzheim oder Stuttgart führen sollte. Diese Tunnelvariante wurde im Laufe der Jahrzehnte optimiert und bis 2006 sogar zum sogenannten Vorentwurf weiter entwickelt.

Eine unendliche Geschichte

Doch dann wurde ein Gelände frei, das den Planern bis dahin nicht zur Verfügung stand – und das nun eine weitere Variante einer Umgehungsstraße möglich machte. Also wurde neu geplant und letztlich die Idee der aktuellen Umfahrung geboren. Als im Jahr 2011 die Schutzgemeinschaft Mittleres Enztal eine modifizierte Tunnelvariante ins Spiel brachte, prüfte das Regierungspräsidium auch diese. Letzten Endes änderte das aber nichts: Es blieb bei der Trasse, die durch die Enzaue führt.

Damit hat 2013 auch der Gemeinderat seinen Frieden gemacht, und bei einer Befragung sprachen sich fast 80 Prozent der Enzweihinger für das Bauwerk aus, mit dem auch eine riesige Kreuzung am „Vaihinger Eck“ bei der Aral-Tankstelle verbunden ist. Die Kosten von 32 Millionen Euro übernimmt der Bund.

Diese Vorgeschichte ist es, die bei Gerd Maisch nun Grausen auslöst. Dass die Debatte nun wieder eine Volte schlagen und viel Zeit kosten könnte. Es sei extrem wichtig, dass das Regierungspräsidium endlich das Planfeststellungsverfahren zu Ende bringe und Position beziehe, sagt der Oberbürgermeister. „Das Herumgeeier geht den Leuten auf den Nerv. Das führt zu Politikverdrossenheit.“

Ende April kommt alles auf den Prüfstand

Die finale Phase dieses Planfeststellungsverfahren ist für Ende April vorgesehen. In der Festhalle in Enzweihingen erörtert das Regierungspräsidium dann alle Stellungnahmen und Einwendungen mit den Betroffenen und prüft sie – erst danach kann es den Planfeststellungsbeschluss erlassen, der quasi die Baugenehmigung darstellt – oder auch nicht.

Gerhard Bronner vom Landesnaturschutzverband ist überzeugt davon, dass der Große Feuerfalter das Regierungspräsidium nicht unbeeindruckt lassen wird. Schließlich ist er das Argument, mit dem die Naturschützer gegen die Trasse in der Enzaue klagen könnten. Weil sie aus Sicht der Naturschützer gegen die europäische Flora-Fauna-Habitat-Umweltrichtlinie verstößt. Und welche Macht geschützte Tiere haben, haben Planer in den letzten Jahren eindrucksvoll lernen können.

Kleine Tiere mit starker Lobby

Wegen einer Population von Kammmolchen musste etwa ein neuer Abschnitt der A 49 in Hessen verlegt werden. In Hamburg musste der Senat ein großes Neubaugebiet neu planen, weil auf dem fraglichen Areal bereits der Wachtelkönig eine Heimat gefunden hatte. Der Feldhamster schließlich war es, der die EU-Kommission dazu brachte, ein Verfahren gegen Deutschland zu eröffnen, weil bei Aachen sein Lebensraum von einem Science and Business Park bedroht wurde. Nicht zu vergessen die Mopsfledermaus, die die Reaktivierung der Hesse-Bahn gefährdete. Und noch weniger der Juchtenkäfer, der Albtraum jedes S 21-Planers.

„Wenn eine Ampel Rot zeigt, kann man nicht einfach drüber fahren“, sagt Gerhard Joos, der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Mittleres Enztal, die weiter auf eine Tunnellösung setzt.

Es dürfte spannend werden, wer in Vaihingen am Ende Rot sieht.

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