Der Umgang mit dem aus der U-Haft entlassenen VfB-Profi ist in der Fankurve angekommen – und erfährt so eine weitere emotionale Aufladung.

Als die Verantwortlichen des VfB Stuttgart vor Saisonstart danach gefragt wurden, wie sie ihren Angestellten Atakan Karazor vor möglichen Anfeindungen (gegnerischer) Fans zu schützen gedenken, lautete die Antwort in etwa: Das werde man zu gegebener Zeit entscheiden.

Nun erfolgte Karazors Rückkehr schneller als gedacht, am Samstag beim 2:2 in Bremen bestritt der 25-Jährige sein erstes Auswärtsspiel nach seiner Untersuchungshaft. Er kam zu einem sportlich wenig bedeutenden achtminütigen Kurzeinsatz und war hinterher doch wieder großes Thema. Fans der Bremer hatten während des Spiels ein Banner entrollt, auf dem Karazor als Täter bezeichnet wurde, verbunden mit einer klaren Botschaft an den VfB-Sportchef: „Kein Schutz für Täter. Solidarität mit Betroffenen. Mislintat halt’s Maul!“

Zur Einordnung: Der VfB-Profi gilt als Beschuldigter in einem Ermittlungsverfahren zur Aufklärung einer sexuellen Straftat, die sich auf der spanischen Urlaubsinsel Ibiza zugetragen haben soll. Nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft gegen eine Kaution in Höhe von 50 000 Euro hatte sich sein Arbeitgeber schützend vor ihn gestellt. Insbesondere in Person von Sven Mislintat. So weit zur Vorgeschichte.

Die nun Woche für Woche ihre Fortsetzung erfährt. Erst das von Applaus und einigen Buhrufen begleitete Heimdebüt gegen RB Leipzig (1:1), nun das erste Auswärtsspiel mit entsprechend kommentierender Begleitung aus der Kurve. Diese erfahren Atakan Karazor und der VfB auch im Internet. Die Causa ist ein heiß diskutiertes Thema, die Ansichten variieren – wie könnte es anders sein – von vollstem Verständnis bis totaler Ablehnung.

Für Mislintat steht die Unschuldsvermutung über allem

Während viele Fans den heiklen Fall eher gesellschaftspolitisch betrachten und bewerten, nimmt Mislintat die juristische Position ein. Für den 49-Jährigen steht die Unschuldsvermutung über allem. Dass sich beide Sichtweisen nicht so leicht vereinbaren lassen, zeigt die jüngste Fortführung in Bremen. Auf dem Spruchband wurde Karazor bereits als „Täter“ gebrandmarkt – was nicht korrekt ist, es erfolgte schließlich bis jetzt keine Anklage. Was Mislintat wiederum auf die Palme brachte. Erst äußerte er nach Schlusspfiff seinen Unmut in die Mikrofone, später wiederholte er auf Instagram: „Mein Verständnis von Demokratie und Judikative ist ein anderes, nämlich eines, welches niemals vorverurteilt“, schrieb er unter dem Hashtag „Apropos Grundrechte“. Und zog einen Vergleich zum Vorgehen der Wolfsburger Polizei am ersten Spieltag, als Bremer Fans auf rechtlich fragwürdiger Grundlage am Bahnhof eingekesselt worden waren.

Ein Vergleich, der in der Fanszene nicht unkommentiert blieb und allen Beteiligten die verfahrene Situation einmal mehr vor Augen führt. Zu heikel ist die Angelegenheit, als dass es möglich wäre, von richtigen oder falschen Entscheidungen zu sprechen. Fest steht nur, dass der VfB und Karazor mit den Begleitumständen der vor Abschluss des Ermittlungsverfahrens erfolgten Reintegration des Spielers nun klarkommen müssen.