Streit um das Nazi-Erbe in Nürnberg Hitlers langer Schatten

Die Kongresshalle auf dem Ex-Reichsparteitagsgelände in Nürnberg soll Spielort für das Staatstheater werden. Foto: imago/Jürgen Ritter

Die Kongresshalle in Nürnberg ist eines der größten NS-Bauwerke in Deutschland – und damit wichtiges Mahnmal. Darf an so einem Ort ein Opernhaus entstehen? Selbst wenn es nur vorübergehend ist?

Nürnberg - Viele Meter hoch erhebt sich die Kongresshalle am Ufer des Dutzendteichs in Nürnberg. Ein monströser Koloss, mit dem die Nationalsozialisten einmal im Jahr beim Parteitag ihre absolute Macht demonstrieren wollten. 50 000 Menschen sollten dort den NS-Größen während ihrer Reden zujubeln. Heute ist das Gebäude vor allem ein Symbol für das Scheitern der Nazis und ihres Größenwahns. Und um das Symbol wird heftig in der Stadt gestritten.

 

Pascal Metzger hat schon mehr als 1000 Führungen hier gemacht, hat schon Zehntausenden Menschen das NS-Reichsparteitagsgelände in Nürnberg gezeigt. „Immer wenn wir hier reinkommen, sind die Reaktionen gleich“, sagt der Historiker vom Verein Geschichte für Alle. „Die Menschen sind vollkommen fassungslos, sie sind entsetzt.“

Dokument der NS-Tyrannei

Metzger geht durch das Tor in die von den Nazis errichtete, aber nicht fertiggestellte Kongresshalle. Der Innenhof des U-förmigen Torsos dehnt sich ins Gigantische aus, er misst 180 auf 160 Meter. Das Bauwerk ist doppelt so groß wie das Kolosseum in Rom, der einzelne Mensch sollte sich darin, das war das Ziel der Planer im Nationalsozialismus, klein fühlen, sehr klein.

Heute steht die Kongresshalle unter Denkmalschutz. Sie ist ein Dokument der verbrecherisch-größenwahnsinnigen NS-Tyrannei. „Sie hat nationale Bedeutung“, meint Pascal Metzger. Doch die Stadt Nürnberg plant nun, in diesen gewaltigen Innenhof oder direkt daneben ein Opernhaus zu bauen. An diesem Mittwoch soll der Stadtrat darüber entscheiden, ein Bündnis aus CSU, SPD und den Grünen hat sich schon dafür festgelegt und stellt die Mehrheit.

Die Angelegenheit ist etwas komplex: Das alte Opernhaus im Zentrum der Stadt mit seiner Jugendstilarchitektur ist dringend sanierungsbedürftig, spätestens 2025 will man damit anfangen. Probenräume, Werkstätten und Büros könnten in dem Rohbau untergebracht werden, die Spielstätte interimsweise in einem Leichtbau im Innenhof oder neben der Kongresshalle. Nach geschätzten zehn Jahren würde gemäß der Planung die alte Oper wieder bezogen werden, in die für mehrere Millionen Euro hergerichteten Räume des Nazi-Bauwerks soll dann die freie Kulturszene der Stadt einziehen. An oder in der Halle – der Unterschied wird sich als ein gewaltiger erweisen.

Was tun mit den Nazi-Bauten?

Musik, Kunst und Kultur ausgerechnet an diesem historisch so aufgeladenen NS-Täterort? Große, ganz gegensätzliche Argumentationen über Erinnerungskultur und den Umgang mit den Zeugnissen des Bösen prallen da aufeinander. Und da ist die Stadt Nürnberg, die ganz praktisch irgendwo einen Platz finden muss für das Opern-Ausweichquartier. Alle Alternativen hätten sich zerschlagen, heißt es aus dem Stadtrat. Ein einziges anderes mögliches Areal wäre zu mieten – und damit sehr teuer. Und das Reichsparteitagsgelände gehört der Stadt – der Standort ist also sozusagen gratis zu haben.

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Auch anderswo in Deutschland gibt es Diskussionen über den Umgang mit Baudenkmälern aus der NS-Zeit: So wurde auf der Ostsee-Insel Rügen eine von den Nazis geplante Ferienanlage mit baugleichen Häuserblöcken auf einer Länge von 2,5 Kilometern nach und nach an Investoren verkauft, die dort Hotels und Ferienwohnungen errichteten. In Hamburg wurde ein ehemaliges Wehrmachtsgebäude in einem Villenviertel zur Luxus-Wohnanlage umgebaut, ein Nazi-Bunker in München zum exklusiven Büro- und Apartmenthaus. Darf man das?

Am Ende geht es um eine Betonplatte

In Nürnberg hat sich eine Debatte entsponnen, die zwischen dem Umgang mit Adolf Hitlers liebstem Aufmarsch- und Propagandaareal und den Nöten des Stadtkämmerers verläuft. Ein Opernbau neben der Kongresshalle – das war und ist womöglich noch die Haltung der SPD. Damit hätten Geschichte für Alle, die Nürnberger Stadtführer und andere Organisationen wie die Architekten des Vereins Baulust kaum ein Problem. Schließlich ist nebenan auch das Nürnberger Volksfest angesiedelt.

Doch CSU und Grüne wollen mit der Oper direkt rein in die Kongresshalle. Das wäre ein erheblicher Eingriff in den bisherigen Zustand. Die Grünen-Politikerin Verena Osgyan ist dafür. Es müsse endlich ernst gemacht werden mit der Prämisse, „die NS-Hinterlassenschaften durch Kunst und Kultur zu transformieren“, meint sie. Erinnerungskultur dürfe in Nürnberg „nicht dazu dienen, sich aus Angst vor Entscheidungen hinter dem reinen Bewahren eines Status quo zu verstecken“.

Ein anderes Argument von Nürnberger Grünen-Kreisen ist da bodenständiger: Der Innenhof der Kongresshalle ist schon betoniert, man müsse nicht noch zusätzliche Flächen versiegeln.

Das Dokumentationszentrum ist ein Meilenstein

Die Künstler der Oper selbst würden auch gerne in die NS-Halle einziehen. Die Personalvertretung des Staatstheaters schreibt in einem offenen Brief an den Stadtrat: „Warum sollen ausgerechnet wir nicht in der Lage sein, dem Hass der Nazis das entgegenzusetzen, was sie am meisten fürchten mussten: aufgeklärte, selbstständig denkende Menschen.“ Gerade das Staatstheater habe etwa mit Veranstaltungen wie „Kein Schlussstrich!“ zu den NSU-Morden und Projekten im Saal 600 der Nürnberger Prozesse gezeigt, wie produktiv es mit solchen Themen umgehe. Der Historiker Pascal Metzger hingegen sagt: „Ein Neubau in der Halle würde im Vordergrund stehen“, mit der gewaltigen Wirkung der jetzigen Ruine wäre es vorbei. Der Ort würde „seine historischen Bezüge nicht mehr behalten“. Metzger steht in der Mitte des Bauwerks und zeigt auf das eine Ende des U. Dort wurde vor 20 Jahren das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände eröffnet, ein Meilenstein in der historischen und gesellschaftlichen Aufklärung. Der österreichische Architekt Günther Domenig hat den Teil des Gebäudes mit einem begehbaren Raum aus Glas und Stahl schräg durchbohrt. Von dort blickte der Architekt auf den leeren Innenhof und sagte: „Dieser sollte Denkraum heißen.“ Er sollte also so bestehen bleiben.

Auch eine Shopping-Mall war schon geplant

Die Vorstellung, dass das Opernpublikum in den Pausen auf die rohe Nazi-Fassade blickt, fällt Pascal Metzger schwer. „Und was ist mit dem traditionellen Nürnberger Opernball?“ Flaniert man dann mit Sekt und Häppchen in Hitlers Baumonstrum? Alles war laut den Modellen auf ein Pult in der Mitte ausgerichtet. Dort hätte der Führer zum Reichsparteitag einmal im Jahr eine Rede halten sollen. „Hitler sollte predigen“, sagt Metzger. Zu etwas anderem wäre die Halle nicht benutzt worden.

Der Umgang in der Nachkriegszeit wirft auch ein Schlaglicht auf Verdrängung und Banalisierung. Um 1950 waren in den Emporen Cafés eingezogen. In den 1960er Jahren plante man, ein neues Fußballstadion in die Halle zu bauen. 20 Jahre darauf sollte dort die größte Shoppingmall Europas entstehen. Bis 1999 war die Fläche Parkplatz, auch lagerte die Stadt dort abgeschleppte Pkw.

Beim Dokumentationszentrum zeigt man sich ein wenig verschnupft über das jetzige Vorgehen des Stadtrates. Man sei „relativ spät“ über die Überlegungen informiert worden, sagt der Leiter Florian Dierl unserer Zeitung recht vorsichtig. Er ist selbst städtischer Angestellter. Man sollte nun gemeinsam planen, und dabei müsse „gewährleistet sein, dass die Erinnerungskultur trotz allem im Zentrum steht“. Wo könnte die Oper also genau stehen? „Es wäre gut, wenn keine physische Verbindung zur Kongresshalle besteht.“ Das Gelände insgesamt sei ja groß. In der Halle oder außerhalb – die Frage wird Nürnberg noch eine Weile beschäftigen.

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