Streit um den Grünten im Allgäu Schneekanonen für das Schutzgebiet

Der Grünten im Allgäu ist noch naturbelassen und wenig touristisch ausgebaut und geprägt. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Mit Beschneiungsanlage und viel Beton soll der Grünten im Allgäu touristisch ausgebaut werden. Wo bleibt der Naturschutz? Die Bürger streiten um die Zukunft.

Sonthofen - Als „Wächter des Allgäus“ bezeichnen ihn die Einheimischen gern. Er ist ein lang gezogener, 1738 Meter hoher Berg nördlich von Sonthofen. „Zum Grünten haben viele Leute hier einen starken emotionalen Bezug“, sagt Thomas Frey, Allgäuer und Mitarbeiter beim Bund Naturschutz (BN). Von seinem Schreibtisch im Homeoffice kann er auf den Bergrücken blicken. „Die Menschen haben da als kleine Haserl Ski fahren gelernt und sind im Schnee rumgetobt.“

 

Die neue Pläne spalten die Allgäuer

Dass das Skigebiet inzwischen heruntergekommen und der Lift marode ist, bestreitet niemand. Doch was nun am und um den Berg neu entstehen soll, spaltet die Allgäuer. Die Pläne der Betreiberfirma „BergWelt“ haben es in sich, den Grünten will sie in großem Stil neu möblieren. So soll in dem Landschaftsschutzgebiet die alte Liftanlage für den Winter durch eine Kabinenbahn mit zehn Plätzen im Ganzjahresbetrieb ersetzt werden. Schneekanonen, so die Planung, sollen Ski- und Rodelgebiete beschneien. Dafür bedarf es eines großen Speicherteiches. Die Talstation wird neu errichtet plus vierstöckigem Parkhaus. Oben ist die Bergstation geplant mit Gastronomie und Shops.

„Als ich das durchgelesen habe, bin ich erschrocken über die Dimension“, sagt BN-Mann Frey. Er meint: „Das soll ein Event-Ort für das ganze Jahr werden.“ Wie das geht, lässt sich in der 15 Kilometer westlich gelegenen „Alpsee-Bergwelt“ sehen, die von der gleichen Unternehmerfamilie betrieben wird. Dies ist eine künstliche Erlebnislandschaft am Hang, wo „Action und Spaß für die ganze Familie“ versprochen werden - mit Ganzjahres-Rodelbahn auf Schienen, Hochseilgarten, Megaspielplatz und vier Gaststätten. „Das ist Kulisse“, so Thomas Frey. „Mit Alpen und Natur hat das nichts zu tun.“

Tourismus contra Naturschutz

Als die Pläne für den Grünten konkreter wurden, trafen sich 350 Bürgerinnen und Bürger im September 2019 im Saal des Gasthofs Hirsch in Sulzberg. Max Stark aus dem Ort war mit dabei. „Da hat sich unsere Bürgerinitiative gegründet“, erinnert er sich, sie heißt „Rettet den Grünten“. Seitdem postieren sie Infostände in den Gemeinden, sammeln Unterschriften, 20 000 Euro an Spenden sind zusammengekommen. „Das Thema wird hier viel emotionaler diskutiert als in der Stadt“, so Stark, „denn man weiß ja, was der Nachbar denkt.“ Es seien „tiefe Gräben aufgerissen auch innerhalb von Familien“.

Tourismus contra Naturschutz – dieser Konflikt bestimmt die Entwicklung in den Bergen. Die Regionen werden überrannt von Urlaubern und Ausflüglern, während Corona noch mehr, da viele Bürger nicht ins Ausland reisen wollten oder konnten. Zugleich, da sind sich alle Experten einig, wird es als Folge des Klimawandels kaum noch schneesichere Gebiete geben für das Skifahren. „Die Entwicklung kann man mit immer mehr Schneekanonen höchstens verzögern“, sagt Thomas Frey. Eine Alternative wäre der Ausbau des Sommertourismus. Oder aber, das fordert der Umweltschützer: „Die Alpen sind überbelastet. Manche Flächen am Grünten lassen sich sehr gut renaturieren.“ Stattdessen würden die Pläne laut Bund Naturschutz die Rodung von 3,3 Hektar Bergwald und die Versiegelung von 5,5 Hektar Flächen bedeuten, Biotope seien bedrohen. Vom zusätzlichen Pkw-Verkehr ganz zu schweigen.

Die Unternehmerfamilie Hagenauer will investieren

Betrieben wird „BergWelt“ von der Allgäuer Investorenfirma Hagenauer. Das sind das Ehepaar Sabine und Martin sowie deren Kinder Anja und Michael. Sie leben im Allgäu, haben ihre Firmen dort und präsentieren sich gerne als in der Region verwurzelt. 50 Millionen Euro wollen sie investieren, Zuschüsse von 6,7 Millionen vom Freistaat Bayern sind beantragt. Eine Anfrage unserer an sie und die Pressereferentin des Unternehmens bleibt ohne Antwort.

Es gibt aber die Gruppe „Zukunft Grünten“, die für die „BergWelt“ trommelt. Tenor: Das Projekt sei für die Entwicklung der Region wichtig und ökologisch nachhaltig. Auf der Homepage argumentieren die Befürworter, dass keine neuen Pisten erschlossen und keine Wanderwege zusätzlich gebaut würden. Es gebe keine weitere CO2-Belastung, da der neue Lift mit Strom statt mit Diesel betrieben werde. Unterstützungsschreiben wurden von Gastronomen, Biobauern und Vermietern von Ferienwohnungen eingesammelt. Derzeit prüft das Landratsamt Oberallgäu in Sonthofen den Projektantrag. Wird er genehmigt, will der Bund Naturschutz rechtlich dagegen vorgehen.

Weitere Themen