Der Politologe Rainer Eisfeld begründet in der StZ, warum Theodor Eschenburg aufgrund seiner NS-Verstrickungen nicht zum Vorbild für die Zunft tauge. Autorin Sibylle Krause-Burger nimmt den Tübinger Wissenschaftler gegen Angriffe in Schutz.

Stuttgart - Der sehr wenig bekannte Herr Rainer Eisfeld, Emeritus der Politikwissenschaft in Osnabrück und offenbar nicht ausreichend beschäftigt auf seinem Altenteil, lässt nicht locker. Er will Theodor Eschenburg, dem einst hochberühmten und geschätzten Kollegen, der 1999 im Alter von 94 Jahren verstorben ist, posthum die Ehre abschneiden. Seit 2011 betreibt Eisfeld in immer neuen Anläufen mit immer denselben Argumenten sein Vorhaben, auf dass der Theodor-Eschenburg-Preis, den die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) auslobt, ihre Ehrung künftig anders benenne, da Eschenburg in die rassistische Politik des NS-Regimes verstrickt gewesen sei.

Ein unsinniger Vorwurf. Aber er trägt den Namen dessen, der sich damit herauswagt, in die Öffentlichkeit. So kommt man in die Schlagzeilen, so profitiert ein Nobody der Politikwissenschaft vom Ruhm eines der Mitbegründer und Stars dieses Faches und macht sich selbst einen Namen. Es handelt sich dabei um ein bewährtes Rezept. Man sucht sich einen Großen, denunziert ihn und erhält so die lang entbehrte und ersehnte Aufmerksamkeit.

Das hat Tilman Jens, der mittelmäßig schreibende Sohn eines außerordentlichen Publizisten, mit Schmähschriften über Goethe oder Reich-Ranicki vorgemacht. Jetzt gibt Rainer Eisfeld den Friedhofs­McCarthy, der – zusammen mit der Tilgung von Eschenburgs Namen bei der Verleihung des DVPW-Preises – auch das Gedenken an den bedeutenden Demokratielehrer und an seine Verdienste in den Jahrzehnten nach dem Krieg zerstören will. Das ist infam, das ist in keiner Weise gerechtfertigt. Es ist auch schädlich, weil es einen wehrlosen Toten diffamiert, dem die Republik viel zu verdanken hat.

Theodor Eschenburg war kein Nazi

Um es vorwegzusagen: Theodor Eschenburg war kein Nazi. Schon gar nicht war er in die Rassenpolitik des Systems „verstrickt“. Auch sein Demokratieverständnis, das ihm als zu autoritär ausgelegt wird, lief nicht dem Grundgesetz zuwider. Ganz im Gegenteil. Seine zahllosen Veröffentlichungen, ob in Aufsätzen, Büchern oder den wöchentlichen Kolumnen in der „Zeit“, die er über Jahrzehnte hinweg verfasste, galten immer der Sorge, dass die Regeln der Verfassung eingehalten würden.

Er kam ja, ganz anders als diejenigen, die sich zusammen mit Herrn Eisfeld nun als Saubermänner und Sauberfrauen aufspielen, nicht aus dem Wohlstand und der gesicherten Freiheit der Bundesrepublik. Er war ein Diktaturerfahrener, er hatte gesehen, wie die Deutschen in den Wahn glitten, er hatte sich – wie er oft bekannte – geängstigt, er hatte um seine Existenz und um die Sicherheit seiner Familie gefürchtet, er hatte erlebt, wie schnell alle Freiheiten dahin sein können und mit welcher Brutalität sich ein System der ständigen Repression, der Bespitzelung und Denunziation, des Folterns und Mordens der Menschen bemächtigt.

In allem, was er schrieb, bewegte ihn der Gedanke, dafür zu sorgen, dass dies nicht noch einmal passiert, dass die demokratischen Institutionen funktionstüchtig bleiben und dass vernünftig regiert wird. Es war doch wahrlich keine leere Floskel, ihn den „Praeceptor Germaniae“, den „Hüter der Verfassung“ zu nennen, nachdem er, unter anderen Kritikwürdigkeiten, die „Herrschaft der Verbände“, die „Ämterpatronage“ der Parteien, den „Gefälligkeitsstaat“ oder den „Bonner Byzantinismus“ angeprangert hatte.

Fehlte es ihm an Charakterstärke?

Und nun soll das alles nichts gelten, obwohl es Jahrzehnte währte und ganze Generationen von Gemeinschaftskunde-Lehrern und Journalisten prägte? Nun soll es als Quantité négligeable abgetan werden dürfen? Rainer Eisfeld, dem die Eschenburg-Feindlichkeit mittlerweile zur Obsession geraten ist, sowie eine Reihe seiner Kollegen und Kolleginnen, die das konzertiert betreiben, sind offensichtlich von allen guten Geistern verlassen.

Ihre Vorwürfe erweisen sich zum großen Teil als an den Haaren herbeigezogen. Der erste, Eschenburg sei in die rassistische Politik verstrickt gewesen, geht auf einen Arisierungsvorgang zurück, in dem der Beschuldigte, der in dieser Sache gar keinen bestimmenden Einfluss hatte, in einem Brief zunächst dafür votierte, dem Eigentümer der betroffenen Firma den Pass vorzuenthalten. Wenige Tage später nahm Eschenburg die Empfehlung zurück. Im schlimmsten Fall kann man also annehmen, er habe zunächst aus dem allgegenwärtigen Druck zur Anpassung und in ­vorauseilendem Gehorsam gehandelt, es habe ihm in diesem Moment an Charakterstärke gemangelt.

Das ist nicht schön. Aber dann hat er sich ja doch ermannt und Mut gezeigt, hat also, von heute aus gesehen, am Ende richtig gehandelt. Aus dieser undurchsichtigen Episode generell auf Eschenburgs Verstrickung in Hitlers Rassenpolitik zu schließen ist ausgesprochen böswillig. Zu jener Zeit war Eschenburg kein Parteibonze, auch kein Mitglied der NSDAP, sondern Geschäftsführer eines Büros, das die Interessen der Hersteller von Knöpfen, Reißverschlüssen, Schnallen und ähnlichen Produkten vertrat. Es handelte sich also nicht gerade um eine Schaltstelle der nationalsozialistischen Macht.

Der Unternehmer hatte einen Juden als Kompagnon

Auch war Eschenburg gewiss alles andere als ein Antisemit. In den zwanziger und beginnenden dreißiger Jahren bewegte er sich im Kreis von jüdischen Leuten. Der Tübinger Journalist Hans-Joachim Lang hat das in mehreren Aufsätzen, zuletzt in der „Zeit“ vom 5. September dieses Jahres, ausführlich nachgewiesen. Der von Eisfeld und seinen akademischen Gefolgsleuten posthum so übel Denunzierte war sozusagen jüdisch vernetzt.

Und dies nicht nur privat mit jüdischen Freunden, während er öffentlich das verbrecherische System stützte, also einer „Doppelmoral“ huldigte, wie Eisfeld behauptet. Nach der Machtergreifung von 1933 führte Eschenburg in eben jenem Knopf-und Schnallen-Büro die Geschäfte zusammen mit dem jüdischen Juristen Berthold Cohn. Die Sozietät nannte sich Verbandsbüros Dr. Eschenburg & Dr. Cohn, und Eschenburgs Name, so Hans-Joachim Lang, diente als „arisches Aushängeschild“. Im Übrigen vergisst Eisfeld völlig – oder will es wahrscheinlich gar nicht wissen –, dass auch der private Umgang mit Juden, solange es noch Juden in Deutschland gab, einen Menschen verdächtig machte und in Schwierigkeiten brachte. Um solchen Verdächtigungen, denen er ja tatsächlich ausgesetzt war, den Stachel zu nehmen, trat Eschenburg in die Motor-SS ein – und nach wenigen Monaten auch wieder aus. Eine Mitgliedschaft, aus der er, anders als Günter Grass, nie einen Hehl gemacht hat.

Trotzdem wirft Eisfeld – und werfen mit ihm, unter anderen, die Historikerinnen Hannah Bethke und Anna Rohstock – Eschenburg vor, er habe sich nach 1945 mit seiner Vergangenheit nicht auseinandergesetzt. Dabei rechnen sie die sogenannte Vergangenheit arg weit zurück: bis zu Eschenburgs sehr konservativem und kaisertreuem Elternhaus, bis zu seiner Mitgliedschaft bei der Tübinger Burschenschaft Germania, die damals keine Juden aufnahm, bis zu kolportierten kompromittierenden Äußerungen über Hitler im Jahr 1923 und schließlich bis zu einer Auseinandersetzung anno 1925 um den geplanten Vortrag des jüdischen Pazifisten Emil Julius Gumbel, den der 21-jährige Student Eschenburg verhindern wollte. Seine Herkunft, die Milieus, in denen er aufwuchs, verstreute Äußerungen, alles in seinem Umfeld und seinem Werden soll sich in dieser Darstellung linear verdichten bis hin zum eklatanten und uneingestandenen Versagen, sprich „Funktionieren“ im Dritten Reich. Er war halt nicht im Widerstand, also ist er schuldig.

In der Diskussionsrunden diskutierten alle mit

Als ob das Leben der Menschen so bruchlos und widerspruchslos verlaufen würde. Da hätte sich doch ein Augustinus nie zum Kirchenvater entwickeln können oder ein Joschka Fischer, der als Straßenmaler und Straßenschläger begann, nie ins Außenministerium finden dürfen. Theodor Eschenburg erscheint in diesen Charakterskizzen als ein von allem Anfang an erzkonservativer, wenig demokratisch denkender, dem Führerprinzip Ergebener, wobei man natürlich bei dem Wort „Führung“ an Adolf Hitler und nicht an Leadership oder die Richtlinienkompetenz des Kanzlers aus dem Grundgesetz denken soll.

Merkwürdig nur, dass diese Zeichnung an entscheidenden Stellen mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Es fehlt der Hinweis auf Eschenburgs Konflikt mit dem Elternhaus, auf seine enge Beziehung zum Nationalliberalen Gustav Stresemann, der das Vorwort zu seiner Dissertation schrieb. Kein Wort in Eisfelds neuester Attacke über Eschenburgs Mitgliedschaft erst in Stresemanns DVP, dann in der Deutschen Staatspartei, für die er zusammen mit Theodor Heuss Wahlkampf machte.

Kein Wort über die von ihm anno 1928 ins Leben gerufene Diskussionsrunde der „Quiriten“, in der – ganz anders als es die Eisfeld-Adeptin Anne Rohstock beschreibt – keinesfalls überwiegend reaktionäre Referenten zu Wort kamen. Nein, dort waren Juden, Sozialdemokraten, Liberale, kurzum, Vertreter aller politischen Richtungen als Referenten gebeten, Kommunisten und Rechtsradikale ausgenommen. Und auch dies passt nicht ins Bild, das die Zerstörer des Denkmals Eschenburg so emsig malen: Der junge Mann heiratete 1934 eine Juristin aus seinem Büro, Erika Kempf, die Mitglied der SPD war.

War Hans Globke ein Agent der katholischen Kirche?

Und was hat es mit Eschenburgs kurzen, von Eisfeld als Verteidigung der Funktionseliten monierten Texten über Hans Globke auf sich, dem Kommentator der Nürnberger Rassegesetze, der später Staatssekretär in Adenauers Kanzleramt wurde? Bis heute gilt der Spitzenbeamte als Exempel dafür, dass die frühe Bundesrepublik nationalsozialistisch verseucht war. Theodor Eschenburg aber beschrieb den überzeugten Katholiken, der einst der Zentrumspartei angehört hatte, als einen Agenten des Klerus, „eine etwas unheimliche Erscheinung, die man nicht so leicht vergaß“. Hans Globke sei kein Sympathisant der Nationalsozialisten gewesen, behauptete der Autor, er sei im Dritten Reich nur im Amt geblieben, „um Schlimmeres zu verhüten“.

Es ist also wahr und durchaus irritierend, dass Theodor Eschenburg den Staatssekretär – offenbar ein Mann mit vielen Gesichtern, der auch Kontakte zum Widerstand hatte und vom Widerständler Carl Goerdeler für ein herausragendes Nachkriegsamt vorgesehen war – zu entdämonisieren versuchte. Mit Sicherheit bewunderte Eschenburg Globkes administratives Genie. Womöglich wollte er aber auch das Rätsel eines Mannes ergründen, den Adenauer trotz aller Kritik bis zum Ende seiner Kanzlerschaft im Amt hielt. Es gab also mehrere Möglichkeiten, die Person Globkes zu deuten. Und nun soll Eschenburgs Lebensleistung zu Peanuts herabgewürdigt werden, weil er einen Mann ähnlich einschätzte, wie es Adenauer tat?

Er war kein einfacher, er war ein schwieriger Mann

Theodor Eschenburg war kein einfacher Mann, nicht immer angenehm, vielmehr menschlich bisweilen ausgesprochen schwierig. Er konnte seinen Studenten gegenüber ungerecht und einschüchternd auftreten, er neigte zu cholerischen Ausbrüchen. Ohne Zweifel war er ein Vertreter der alten ­Ordinarien-Universität. Aber er war auch witzig, schlagfertig, ein begabter Unterhalter, ein Original, ein faszinierender Lehrer, der es sowohl im Hörsaal wie in allem, was er schrieb, glänzend verstand, Politik ­anschaulich zu machen und zum kritischen Denken zu erziehen. Es ist immer noch lohnend und lehrreich, ihn zu lesen, oft auch höchst amüsant. Keiner seiner Kritiker verfügt über ein vergleichbares Charisma, keiner hat seinen Scharfsinn, sein Format. Muss man ihn deshalb vom Sockel stoßen?

So wird es sein. Wahrscheinlich steckt aber noch mehr dahinter. Es geht wohl nicht nur um Eschenburg, es geht darum, die ganze Generation der eher erdgebundenen Nachkriegspolitologen ins Vergessen zu stoßen und die Riege der nun auch schon ergrauten theoriegeneigten Achtundsechziger als die einzigen Gurus der Politischen Wissenschaft in Deutschland auf den Thron zu heben. Aber das hat der alte Uhu, wie seine Schüler Theodor Eschenburg nannten, nicht verdient. Und die Brutusse um Rainer Eisfeld, selbst wenn sie es schaffen, den Preis umzubenennen, wird es nicht bedeutender machen, als sie sind.

Lesen Sie mehr zum Thema

Tübingen