Streit um die Insel Von Trump eiskalt erwischt
Dänemark verbittet sich Trumps Annexionspläne für Grönland. Auf der Insel selbst geht ein Riss durch die Bevölkerung.
Dänemark verbittet sich Trumps Annexionspläne für Grönland. Auf der Insel selbst geht ein Riss durch die Bevölkerung.
Im Winter wirkt Grönland besonders grönländisch. Optisch erfüllt es dann mit schneebedeckten bunten Holzhäuschen, Kindern mit Schlitten und Schlittenhunden, Eiszapfen und Nordlichtern alle Kriterien eines Wintermärchens. Das Weltgeschehen war hier oben in der Vergangenheit immer ziemlich weit weg, auch weil die Dänen die Insel bis weit ins 20. Jahrhundert weitgehend abschotteten. Das änderte sich, als US-Präsident Donald Trump 2019 erstmals und nach seiner Wiederwahl erneut seine Kauf- oder Annexionspläne twitterte. Die Vehemenz, mit der Trumps Pressesprecherin Karoline Leavitt inzwischen unverhohlen mit militärischer Gewalt droht, hat die Grönländer kalt erwischt. Ministerpräsident Jens Frederik Nielsen rief seine erschrockenen Landsleute dazu auf, Ruhe zu bewahren.
Regelrecht verstört wirkten die Menschen in Nuuk bereits, als die Weltpresse im März 2025 einfiel und dutzende Kamerateams auf der Straße vor dem Parlament unter Passanten händeringend Interviewpartner suchten. Dabei war US-Vize JD Vance mit seiner Frau nur für ein paar Stunden auf dem US-Militärstützpunkt Pituffik 1500 Kilometer nördlich gelandet. In Nuuk waren beide ausdrücklich unerwünscht.
Die Anreise auf die Insel ist seit 2025 einfacher, nachdem in der Hauptstadt Nuuk an der Westküste ein neuer Flughafen eröffnet wurde. Skandinavisches Design begrüßt jetzt die Fluggäste aus Kopenhagen, Island und neuerdings New York in der geschwungenen Ankunftshalle aus Holz, Beton und Glas. Vorbei die Zeiten, als man zuerst auf einem ausgemusterten Militärstützpunkt der US Air Force im Hinterland landen und anschließend in Kleinflugzeuge umsteigen musste. Allerdings muss der leuchtend rote Airbus von Air Greenland mit der stilisierten Schneeflocke am Heck – die Airline hat nur einen – zuerst eine Ehrenrunde drehen, weil eine Nebelbank die Sicht auf die in die Felsen gesprengte Runway versperrt.
Der Taxifahrer schimpft wenig später, man habe die Landebahn aus Kostengründen an der falschen Stelle gebaut. Nun liege sie oft im Nebel und vereise immer mal wieder und zwinge die Flieger zum Abdrehen zurück auf den Kontinent.
Nuuk hat neuerdings mehr als 20 000 Einwohner. Es stehen sogar ein paar Hochhäuser mit verglasten Balkonen auf den blanken Felsen. Ein neuer Boardwalk aus Holz schlängelt sich davor an der Küste entlang. Aber eigentlich ist die Stadt ein Dorf. Am alten Kolonialhafen, den die Dänen einst anlegten, wirkt die kleine Erlöserkirche wie aus einem Bausatz von Märklin zusammengesetzt. Darüber auf einem Felsen wacht der Missionar Hans Egede in Bronze über seine Stadt. Egede hatte Grönland 1721 für Dänemark wiederentdeckt, um die Inuit zu missionieren. Das nehmen ihm viele noch heute übel. Trotzdem entschied eine Mehrheit der Grönländer, dass er bleiben darf. Geschichte ist Geschichte.
In Nuuk prallen die alte Zeit und die neue gerade hart aufeinander. Vor kurzem musste die örtliche Zeitung „Sermitsiaq“ den ersten Verkehrstoten vermelden. Dabei führen Straßen nur ein paar Kilometer hinaus bis zum Flughafen. Hinter dem alten Hafen kann man im traditionellen Fleischmarkt Brættet Stücke von erlegten Robben oder Walen, gerupfte Seevögel oder Kabeljau fürs Abendessen kaufen. Daneben steht ein Supermarkt, so groß, dass er in Deutschlands Innenstädten Seltenheitswert hätte. Die Lebensqualität ist hoch, denn Grönland ist ein autonomer Teil im dänischen Sozialstaat.
Umgerechnet rund 600 Millionen Euro fließen jedes Jahr aus Kopenhagen auf die Insel. Auch die Europäische Union fördert seit 2021 Infrastrukturprojekte in dem assoziierten Gebiet in dreistelliger Millionenhöhe. Die meisten Beschäftigten arbeiten für die Kommunen oder die autonome Regierung. Auch die größten Unternehmen wie der Fischereikonzern Royal Greenland mit mehreren Werken in Deutschland, der Großhändler KNI, die Reederei Royal Arctic Line, Air Greenland und der Telefonanbieter Tusass sind in staatlicher Hand. Dennoch ist die Arbeitslosigkeit unter jungen Leuten vor allem in den kleinen Außensiedlungen hoch.
Ein Großteil der 56 000 Grönländer lebt noch immer dort. Die kleinste Stadt Ittoqqortoormiit an der Ostküste hat weniger als 350 Einwohner. Orte wie dieser werden mit eisbrechenden Frachtschiffen von Royal Arctic versorgt und per Helikopter angebunden. Zwar gibt es eine Universität in Nuuk, aber Piloten, Ärzte, Krankenschwestern und andere Spezialisten kommen mit hohen Zulagen zumeist aus Dänemark. Personalmangel im Gesundheitswesen war trotzdem das dominierende Thema im letzten Wahlkampf vor den Parlamentswahlen 2025. Wer ernsthaft erkrankt, wird ins Reichshospital nach Kopenhagen ausgeflogen. Auch zum Studium oder Arbeiten zieht es viele Grönländer auf den Kontinent.
Die Frage einer möglichen Unabhängigkeit spaltet die Insel seit Jahren. Die meisten Parteien wie die heute eher sozialdemokratisch orientierte Siumut oder die linksliberale Demokraatit, der auch der 34 Jahre alte Ministerpräsident Jens Frederik Nielsen angehört, haben sich mit dem dänischen Wohlfahrtsstaat und der weitgehenden Autonomie arrangiert und sehen einen souveränen Staat nur als Fernziel. Vor allem die 2014 gegründete oppositionelle Naleraq vertritt hingegen einen scharfen Exit-Kurs. In manchen Positionen erinnert sie mit ihrer Ansprache an die Unterprivilegierten an die deutsche AfD. Bei der letzten Parlamentswahl im Frühjahr 2025 konnte die Partei ihren Stimmenanteil auf 24,8 Prozent mehr als verdoppeln. Ihre Wortführer wie Aki-Matilda Høegh-Dam oder der in Kopenhagen geborene Pele Broberg fallen bisweilen durch schrille Äußerungen auf.
So forderte Parteichef Broberg, den Kreis der Wähler bei einem Verfassungsreferendum auf ethnisch reinrassige Inuit zu beschränken. Vertreter der Naleraq versprechen sich durch die US-Aktivitäten Aufschwung für ihre Abspaltungswünsche. Einen Anschluss an die USA vertreten sie zumindest offiziell nicht, pflegen durch eigene Reisen aber Kontakte zu Mitgliedern der US-Administration.
In Ilulissat rund 700 Kilometer weiter nördlich erinnert das kleine Kunstmuseum, durch das man in Puschen aus Seehundfell schlurft, mit Ölgemälden von Emanuel A. Petersen (1894–1948) an alte Zeiten. Der Däne erlebte Ilulissat in einer Zeit ohne Straßen, Stromleitungen und Sozialwohnungsblöcke. „Heute gibt es große soziale Verwerfungen“, erzählt der junge Mann an der Kasse. Jeder habe ein Handy und sei an die weite Welt angebunden.
Interessante Perspektiven und bezahlte Arbeit blieben vielen dagegen versperrt. Unter jungen Leuten komme es immer wieder zu Suiziden. Seine Freundin ist als Psychologin bei der Kommune angestellt. Aber es gibt auch eine Aufbruchsstimmung. Coolcation ist ein Trend im Tourismus. Das spürt man auch in Ilulissat, dem touristischen Hauptziel der Insel.
Nur ein paar Häuser weiter kümmert sich Asbjørn Dissing Bargsteen um die Tourismus-Entwicklung in der Großkommune Avannaata. Er ist damit zuständig für den ganzen Nordwesten der Insel. Auf einer Fläche größer als Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen leben hier nicht einmal 11 000 Menschen. „1990 konnte man im Winter noch mit Motorschlitten einfach über das Meereis zur Disko-Insel fahren“, erzählt er. Heute friere das Meer selbst hier nicht mehr zu. Die Klimakrise sei stark zu spüren.
Aber die Kommune profitiere auch davon. 40 000 Hotelgäste, darunter 3500 Deutsche, kamen 2024 nach Ilulissat und dazu 14 000 Kreuzfahrttouristen. Die Zahl der Ausflugsanbieter für Touren zur Wahlbeobachtung, zum Eisfischen, für Hundeschlitten- und Snowmobil-Touren sei in den letzten fünf Jahren von fünf auf 35 angewachsen.
Wenn auch in Ilulissat Ende 2026 der neue Flughafen Direktflüge nach Europa möglich macht, wolle man mehr Touren ins Hinterland und zu den Außensiedlungen anbieten. Auch wenn manche gewohnheitsmäßig auf die Dänen schimpfen: Von Trump und seinen Deals möchte hier niemand etwas wissen.