Streit um die Kindererziehung Und wie erziehen Sie so?

Schläft das Kind allein oder im Familienbett? Alles eine Ansichtssache – und auch eine Streitfrage. Foto: www.mauritius-images.com

Unter Eltern, die ihre Kinder auch gerne mal als Projekte sehen, herrscht ein Ideologienkrieg. Das beginnt beim Stillen, geht beim Babybrei weiter und endet nicht bei der Betreuungsfrage. Redakteurin Anja Wasserbäch kommentiert diese Grabenkämpfe.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Stuttgart - Das Kind war gerade ein halbes Jahr alt. Es schlief nicht alleine ein, wie das viele Babys so machen. Eine Freundin, eine kluge Frau, rief eines Tages an: Sie habe ein Schlafprogramm mit ihrem Sohn gemacht. Jeden Abend, über Wochen. Das mit dem Schlafen sei gar kein Problem, ich solle das auch mal machen. Sie hielt sich an den Ratgeber „Jedes Kind kann schlafen lernen“. Wie viele andere erschöpfte Eltern. Das Buch war ein Millionen-Bestseller, die große Hoffnung für viele, sehr müde Eltern. Zugleich aber fühlten sich viele Eltern unwohl bei der Idee, ihr Kind schreien zu lassen. Es wurde eine Petition gestartet, den Ratgeber vom Markt zu nehmen.

 

Dieses Beispiel zeigt: Es gibt heute für jedes Problem und Problemchen einen Experten, eine Lösung und immer jemand aus dem Bekanntenkreis oder in diesem Internet, der es anders macht und vor allem sehr viel besser weiß. Unter Eltern, die ihre Kinder auch gerne mal als Projekte sehen, herrscht ein Ideologienkrieg. Das fängt mit der Erstausstattung an („Was ihr habt ein Maxicosi ohne Isofix?“), geht über das Tragen (Babytrage vs. Tragetuch), das Stillen („Du fütterst jetzt schon zu?“), die Ernährung („ Brei gibt es bei uns nicht“ ), die Betreuung („Nach einem Jahr in die Kita, also ich könnte das nicht“) und so weiter und so fort.

Vor allem unter Müttern herrscht ein ewiger Vergleichswahnsinn

Der Kinderarzt und Wissenschaftler Herbert Renz-Polster schreibt dazu: „Schon mal mit jemandem über Erziehung gestritten? Schlimmer ist das als über Parteipolitik zu reden. Ich lege die Hand dafür ins Feuer: Genauso wenig wie jemand die politische Seite wechselt, nur weil man da jetzt noch mal durchgesprochen hat, lässt man sich auf einen Erziehungsstil ein, nur weil die Argumente stimmen. Nein, der Bauch muss stimmen, das Herz, das muss sich „richtig“ anfühlen.“

Aber was ist richtig? Vor allem unter Müttern herrscht ein ewiger Vergleichswahnsinn: bleibt die Mutter mehrere Jahre zuhause, arbeitet sie Teilzeit oder etwa jeden Tag acht Stunden – Recht machen kann sie es niemanden. Auch nicht sich – und dem Kind.

Elternschaft ist keine reine Privatsache

Das Gute an all den großen Diskussionen und kleinen Debatten ist, dass das Private auf einmal politisch ist. Die Elternschaft heute ist keine reine Privatsache.

Es geht um Ideologien, die man verteidigt. Denn bei dieser Debatte geht es um viel mehr als darum, wie Eltern ihren kleinen Gustav erziehen, ob er jeden Tag vor dem Fernseher sitzen darf, massig Süßigkeiten zu sich nimmt. Es geht beim Thema Kindererziehung ja vor allem darum, in was für einer Gesellschaft wir morgen leben wollen, welche Werte vermittelt werden.

Und da sind nicht nur die Eltern gefragt. Sondern eben alle Bezugspersonen, mit denen das Kind jeden Tag Kontakt hat: die Erzieher, die Tagesmutter, die Großeltern, das Aupair-Mädchen, die Lehrer. Kinder brauchen eine gute Bindung, brauchen feste Bezugspersonen. Dieser Kreis muss zwar in ein paar grundlegenden Erziehungsfragen auf einer Linie sein, aber es ist auch für Kinder gut zu merken, dass es verschiedene Menschen gibt, andere Meinungen, andere Spiegel, an denen sie sich orientieren können. Und diese Erwachsenen müssen Kindern Regeln, Grenzen, aber auch Sicherheiten vermitteln.

Niemand sollte für sein Modell verurteilt werden

Es sind komplexe Herausforderungen, mit denen sich Eltern Tag für Tag beschäftigen müssen. Und über allem steht immer auch das Schlagwort der Vereinbarkeit. Wenn Eltern – meist sind es nach wie vor die Mütter – in Teilzeit arbeiten, in Teilzeit um die Kinder kümmern, nagt das schlechte Gewissen von zwei Seiten an ihnen: weder dem Job noch der Familie gerecht zu werden.

Gesellschaftlich müssen wir dahin kommen, dass alles in Ordnung ist. Dass niemand für sein Familienmodell verurteilt wird. Dass jeder aber eine Freiheit in der Wahl hat. Und da müssen die Rahmenbedingungen stimmen: die Kinderbetreuung, die finanziellen Sicherheiten. Für Mütter, Väter, ob verheiratet, liiert oder alleinerziehend.

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