Maskenpflicht an Waldorfschule in Göppingen Eltern drohen Schulleitung: „Wir jagen euch durch alle Gerichtssäle!“

Teddybären, Grablichter und Appelle in Kreide: Im Internet kursiert auch ein Foto von den Umtrieben an der Waldorfschule Filstal. Foto: Twitter/@AnthroBlogger

Das Maskengebot wird von Corona-Skeptikern besonders heftig bekämpft. An einer Waldorfschule im Filstal ist der Streit mit einer nächtlichen Protestaktion jetzt eskaliert. Die Schulleitung ist verstört.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Göppingen - Ein paar Teddybären liegen fein arrangiert vor dem Haupteingang, manchem Plüschtier ist eine Maske umgebunden. Das flackernde Licht einer Friedhofsleuchte erhellt die Szene. Was Sebastian Stroh, der Geschäftsführer der Freien Waldorfschule Filstal, am Montagmorgen vor seinem Schulgebäude vorgefunden hat, erinnert wohl nicht ungewollt an das Grab eines Kindes. „Lehrer und Schulleitung haften persönlich für jedes im Unterricht umgefallene Kind“, hat jemand mit weißer Kreide auf eine Tafel an der Glastüre gepinselt. Darunter steht eine offene Drohung: „Wir jagen euch durch alle Gerichtssäle!“

 

„Makaber und ausgesprochen unangebracht“ sei das Ganze, sagt Stroh. Keine Frage: Die Diskussion über die Maskenpflicht, die seit Montag landesweit für alle Schüler ab Klasse fünf auch während des Unterrichts gilt, hat die Waldorfschule im Göppinger Stadtteil Faurndau mit voller Wucht erfasst. Es könne schon sein, dass die Auseinandersetzung an den Waldorfschulen besonders heftig geführt werde, räumt Sebastian Stroh ein. Schließlich seien die Eltern hier besonders eng ins Schulleben eingebunden. Entsprechend intensiv und lautstark beteiligten sie sich auch an Debatten.

Schüler wollten Ken Jebsen einladen

Der Waldorf-kritische Blogger Oliver Rautenberg, der den Vorfall auf Twitter veröffentlichte, sieht aber auch viele Überschneidungen zwischen der Corona-kritischen Querdenken-Bewegung und der Waldorfszene. Es gebe ein gewisses Faible für eigene Wahrheiten jenseits der Messbarkeit und damit auch für Verschwörungsmythen. Stroh kennt dieses Thema. Vor fünf Jahren hatten Schüler seiner Schule den rechten Verschwörungsideologen Ken Jebsen zu Projekttagen eingeladen. Die Schulleitung verhinderte den Auftritt schließlich.

Sicher scheint, dass die Urheber des Masken-Protests aus der Elternschaft stammen. Mehr als 30 Personen sollen sich in der Nacht zum Montag daran beteiligt haben, wird erzählt. Ob das stimmt, ist unklar. Auf dem Pflaster vor dem Haupteingang haben die Unbekannten mit Kreide aber eine Art Bekennerschreiben hinterlassen. „Eltern stehen auf“, ist dort zu lesen. Im Internet gibt es eine Gruppierung dieses Namens, die seit Juni gegen Masken, Pflichtquarantäne, Impfen und den „Corona-Hype“ agitiert.

Eine Corona-Demo ging dem Vorfall voraus

Bisher seien jedenfalls keine Schüler im Unterricht umgefallen, sagt Stroh. Dennoch wird genau dies bei Corona-Demonstrationen behauptet, so auch am Wochenende in der Göppinger Innenstadt. Schon dort hatte ein Redner „eine Waldorfschule in der Nähe“ angegriffen, ohne den Namen zu nennen. Dort würde Lehrern der Rausschmiss angedroht, wenn sie die Maske verweigerten. „Das entbehrt jeglicher Grundlage“, sagt Stroh.

In einem Elternbrief erklärte der Schulgeschäftsführer bereits, dass die Schule gar nicht der richtige Adressat für den Protest sei. „Maßgeblich für uns sind die Bestimmungen der Corona-Verordnung des Landes und nicht etwa eigene Anschauungen.“ Die meisten Eltern unterstützten auch seinen Kurs. „Wir haften als Verein, deshalb müssen und wollen wir uns genau an die Regeln des Landes halten“, sagt Stroh. Tatsächlich hätten die meisten der 480 Schüler auch kein Problem mit dem Maskengebot. Es lägen ihm gerade mal zwei Handvoll Atteste vor. In einigen Fällen werde er nachhaken, weil ihm die Begründungen nicht ausreichten.

Auch eine Realschule ist betroffen

Auch staatliche Schulen bleiben übrigens nicht verschont. Der kommissarische Leiter der Uhland-Realschule in der Göppinger Innenstadt, Patrick Sührck, fand am Montagmorgen ein ganz ähnliches Stillleben am Schulportal vor.

Es gebe offenbar einen Zusammenhang, sagt ein Sprecher des zuständigen Polizeipräsidiums in Ulm. Ermittelt werde aber nicht, weil die Schmierereien problemlos wieder zu entfernen waren. „Das ist dann keine Sachbeschädigung.“ Die Reinigungskosten könne man den Urhebern privatrechtlich in Rechnung stellen – falls man sie ausfindig macht. Da hat es die Waldorfschule einfacher. Dort gehören Putzeinsätze der Eltern ohnehin zum Standardprogramm.

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