Streit um Office-Hub Neues Rathaus muss klimaneutral sein

Die Bauteile 3 und 4 sind für die Stadt reserviert, die anderen beiden wurden vom Deutschen Sparkassenverlag erworben. Foto:  

Einige Ratsfraktionen kritisieren das Auswahlverfahren für das „Technische Rathaus“, in dem ein Projekt in Vaihingen den Zuschlag erhielt. Der Gesamtpersonalrat will, dass modern, großzügig und schnell gebaut wird.

Die Stadt Stuttgart hat seit 2020 rund 2000 Stellen genehmigt, ohne die dafür nötigen Büroarbeitsplätze zu schaffen. Die Sanierung von bestehenden Büros sowie angemieteten hinkt dem Zeitplan hinterher. Keine guten Voraussetzungen, um Facharbeiter zu gewinnen. Der Gesamtpersonalrat wähnt die Verwaltung am Arbeitsmarkt längst nicht mehr konkurrenzfähig. Die Stadt hat deshalb mit dem Bau eines Bürogebäudes einen Befreiungsschlag beschlossen und Anfang April eine Absichtserklärung abgegeben. Für rund 300 Millionen Euro brutto sollen zwei von vier fertig geplanten Bauteilen der Stuttgarter Projektentwickler W 2 Development (hier City 2 GmbH und Co. KG) im Synergiepark Möhringen/Vaihingen erworben werden.

 

Ende 2024 könnten bis zu 2100 Beschäftigte in den klimaneutralen Komplex einziehen, sagt der Projektentwickler Stefan Willwersch. Nun haben Fraktionen, genährt durch Aussagen seiner Mitbewerber, Zweifel am Beschluss angemeldet; sie wähnen den Kaufpreis zu hoch, den Standort vom Personal nicht akzeptiert und Alternativprojekte nicht genug geprüft. Die Verwaltung hat neben dem W-2-Vorschlag vier weitgehend unrealistische Projekte als Vergleich präsentiert. Am Freitag muss sie im Wirtschaftsausschuss Stellung beziehen.

Was meint die Mitarbeitervertretung?

„Schnellstmöglich“, nicht erst in sechs Jahren oder noch später, wolle der Gesamtpersonalrat ein für die moderne Arbeitswelt konzipiertes Bürogebäude haben, sagt dessen Vorsitzende Claudia Häußler mit Verweis auf die vielen nicht zu besetzenden Stellen. Sie weiß natürlich, dass Teile der Belegschaft ihren Arbeitsplatz in der Innenstadt und die Einkaufsmöglichkeiten schätzten und deshalb nicht an die Peripherie umziehen wollten. Das sei aber keine Mehrheitsmeinung. Kurze Wege zwischen Rathaus und neuem Rathaus seien wichtig; längst seien aber auch in der Verwaltung Videoschaltungen möglich, um Fahrten zu Sitzungen zu vermeiden. Nur gibt es bis heute kein ordentliches Sitzungsmanagement mit der Folge, dass hoch bezahlte Führungskräfte mitunter stundenlang auf ihren Einsatz warten müssen und so lange untätig herumsitzen. Eine Stückelung der Büromasse, um kleinere Grundstücke in der City in die Kaufentscheidung einzubeziehen, lehne man ab, so Häußler. Und man wolle keine Diskussion über eine Reduzierung von Büros wegen des gestiegenen Anteils an Homeoffice führen. Womöglich nicht für Büros benötigte Flächen würden für Gemeinschafts-, Ruheräume und Kitas benötigt.

Warum wurde W 2 ausgewählt?

Das Projekt wird im Rahmen des Bebauungsplans realisiert und könnte laut Aussagen der Stadt 2024 bezogen werden – immer vorausgesetzt, die Probleme der Branche wie Materialmangel blieben beherrschbar. Mit der Baugenehmigung für die vier Bauteile, wovon zwei nach Informationen unserer Zeitung an den Deutschen Sparkassenverlag verkauft sind, wird in Kürze gerechnet. Die Stadtverwaltung hat eine Option auf die anderen Baukörper mit rund 35 000 Quadratmetern Mietfläche. W 2-Geschäftsführer Frank Widmann sagt, würde sich der Rat anders entscheiden, hätten sie andere Kunden in der Hinterhand. Der Haken an diesem Gebäude: Es muss laut städtischer Vorgabe klimaneutral sein. Notwendig sind für die Energiegewinnung Solarmodule in erheblichem Umfang sowie die Möglichkeit zur Geothermie. Nicht zu vergessen: eine Fassadenbegrünung. Seine Planung erfülle die Anforderungen, sagt der Projektentwickler. Gewürdigt wird von der Rathausspitze die Nachbarschaft zur SSB AG, die wie die Stadt moderne Büroflächen benötigt (Sanierung oder Neubau). Hier seien Synergien, etwa bei Kantine und Kita, möglich. Positiv wird die vor dem Eingang liegende Stadtbahnhaltestelle „Wallgraben“ gesehen, an der drei Linien halten; mit der U 12 ist man in 19 Minuten am Charlottenplatz. Mit der U 17 wird zudem eine Verbindung zum Flughafen und dem neuen Regionalbahnhalt hergestellt.

Stadträte vermuten jetzt, W 2 verdiene sich an der Stadt eine goldene Nase.

Der „voraussichtliche Kaufpreis“ beträgt 300 Millionen Euro – inklusive Mehrwertsteuer, weil W 2 an die Stadt verkauft und nicht an einen Institutionellen. Der Aufwand für die Klimaneutralität wird laut Ratsvorlage mit 9,25 Millionen Euro angesetzt, die Geothermie mit 100 Meter tiefen Bohrlöchern ist dabei noch nicht berücksichtigt. Die Angemessenheit des Kaufpreises, der einen Festpreis darstellen soll, ist leicht durch eine Anfrage beim städtischen Gutachterausschuss zu ermitteln. Er dokumentiert alle Verkäufe. Dazu zählen dann natürlich auch jene für die an den Sparkassenverlag veräußerten Bauteile und jenen für das Büroprojekt Neo in der Nachbarschaft. Stefan Willwersch meint, diese Käufer – also die Sparkasse sowie die R+V-Versicherung/Unioninvest – seien nicht dafür bekannt, an Projektentwickler überhöhte Preise zu bezahlen.

Welche Alternativen gibt es?

An erster Stelle werden aktuell die beiden „Twinx“-Gebäude der LBBW Immobilien an der Vaihinger Heßbrühlstraße mit 30 000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche genannt, die auf dem von der Allianz-Versicherung nun doch nicht benötigten Areal 2025 bezugsfertig sein sollen. Das Projekt liegt nur wenige Minuten vom Bahnhof entfernt. Die Präsentation enthält wie die Illustration keinen Hinweis auf die für ein städtisches Gebäude nötige Klimaneutralität. Die Freien Wähler haben das doppelt so viel Geschossfläche aufweisende Uhland-Carré der Allianz-Versicherung in der City ins Gespräch gebracht. Es steht derzeit nicht zum Verkauf; ob sich der Eigentümer Commerz Real für Neubau oder Revitalisierung entscheidet, ist ungeklärt. Auch hier dürfte die Herstellung der Klimaneutralität Probleme machen. Das gilt auch für den in die Debatte eingebrachten nötigen Umbau des „Bollwerks“ der Blackstone Group mit rund 25 000 Quadratmetern (inklusive Kino) des bekannten Architekten Stefan Behnisch aus dem Jahr 1997. Die LBBW Immobilien ist dort kürzlich ausgezogen. Zwei Bürotürme plus die denkmalgeschützte Bahndirektion am Kurt-Georg-Kiesinger-Platz gelten ebenfalls als Alternative, es gibt dort auch Erweiterungsmöglichkeiten. Die nötige Bürofläche dürfte 2026 oder 2027 zur Verfügung stehen. Hierfür wird gerade der Bebauungsplan geändert. Die Bodenrichtwerte für innenstadtnahe Grundstücke liegen um ein Mehrfaches über denen an der Peripherie. Aus diesem Grund sind Freiflächen auf dem A-1-Gelände hinter dem Bonatzbau aus dem Rennen.

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