InterviewStreit um Segnung homosexueller Paare „Zeitgeist darf nicht der Maßstab sein“

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In der württembergischen Landeskirche tobt ein Konflikt um die Frage, ob gleichgeschlechtliche Partnerschaften den Segen empfangen sollen. Beim Gespräch zweier Pfarrer prallen die Fronten aufeinander. Manchmal sind sie sich aber auch einig.

Gleichgeschlechtliche Paare pochen auch in der evangelischen Kirche auf  Gleichbehandlung. Doch in Württemberg ist es bis dahin noch ein weiter Weg. Foto: Eric/Adobe Stock
Gleichgeschlechtliche Paare pochen auch in der evangelischen Kirche auf Gleichbehandlung. Doch in Württemberg ist es bis dahin noch ein weiter Weg. Foto: Eric/Adobe Stock

Stuttgart - Der eine gehört zur progressiven Offenen Kirche, der andere ist eine Stimme des Pietismus: Matthias Hestermann meint, die Kirche müsse endlich die Konsequenz aus dem neuen Wissen um sexuelle Identitäten ziehen. Clemens Hägele befürchtet dagegen, dass so dem Relativismus Tür und Tor geöffnet werde. Beide erwarten aber einen Kompromiss in der württembergischen Synode.

Herr Hestermann, Herr Hägele, der Bundestag hat die Ehe für alle beschlossen. War das eine gute Entscheidung?
Hestermann Das war natürlich eine gute Entscheidung. Die Unterscheidung zwischen Lebenspartnerschaft und Ehe war angesichts des heutigen Wissens über sexuelle Vielfalt nicht angemessen.
Hägele Mich hat die überstürzte Eile des Verfahrens ein wenig gestört, genau wie die Feiertagsstimmung, die ich wahrgenommen habe. Letztlich war es aber erwartbar, dass der säkulare Staat in diese Richtung geht. Für die Frage der kirchlichen Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren hat der Beschluss freilich keine Bedeutung.
Der EKD-Ratsvorsitzende hat die Entscheidung begrüßt. Hat er da im Namen der ganzen Kirche gesprochen?
Hägele Ganz sicher nicht, zumindest nicht im Namen vieler, die im Albrecht-Bengel-Haus wohnen und arbeiten.
Verheiratete Theologen dürfen mit ihrem Partner ins Albrecht-Bengel-Haus einziehen. Gilt das auch für gleichgeschlechtliche Paare?
Hägele Das würde mir Mühe machen. Biblisch gesehen ist Ehe die dauerhafte Partnerschaft von Mann und Frau. In deren Rahmen sollte Sexualität stattfinden.
In Württemberg tobt ein Streit, ob gleichgeschlechtliche Partnerschaften gesegnet werden sollen. Wie stehen sie dazu?
Hestermann Für die Offene Kirche ist die biblische Auffassung, dass eine Ehe nur zwischen Mann und Frau geschlossen werden kann, nicht mehr maßgeblich. Denn wir wissen heute, dass es eine Fülle von verschiedenen sexuellen Identitäten gibt bis dahin, dass die Geschlechtszugehörigkeit unklar ist. Und wir wissen, dass die sexuelle Ausrichtung etwas ist, das zu einem Menschen gehört wie seine Haarfarbe. Vor diesem Hintergrund müssen wir Texte der Bibel, die von anderen Voraussetzungen ausgehen, heute anders lesen. So wie wir heute auch nicht mehr sagen, dass die Erde in sieben Tagen erschaffen worden ist.
Hägele Soll die Kirche also ihre Überzeugung nach den Umständen in der Natur ausrichten? Sollten wir uns nicht gerade im Reformationsjubiläumsjahr nach der Schrift richten und danach, was Jesus Christus sagt? Im Markusevangelium etwa stellt er die Ehe zwischen Mann und Frau als Ordnung Gottes da.
Hestermann Auch Jesus wusste nicht, dass es nicht nur Mann und Frau gibt und dass Homosexualität eine natürliche Veranlagung ist. Die Kirche ist in der Geschichte nicht gut gefahren, wenn sie sich naturwissenschaftlichen Erkenntnissen verschlossen hat. Vielmehr müssen diese von der Theologie berücksichtigt werden. Heute ist klar, dass Homosexualität nichts mit Sünde zu tun hat, sondern Gott die Menschen genau so geschaffen hat. Wenn zwei Personen füreinander Liebe empfinden, lebenslang Verantwortung übernehmen und dafür Gott um seinen Segen bitten wollen, warum sollte die Kirche diesen verweigern?
Hägele Die Kirche würde auch bei vielen anderen Phänomenen nicht einfach sagen: Wir sehen, dass etwas ist und darum ist es gut. So wird zum Beispiel selbstverständlich erwartet, dass der Jähzorn im Zaum gehalten wird, obwohl er natürlich ist. Enthaltsamkeit im Jähzorn würde jeder unterstützen. Auch sonst gilt Enthaltsamkeit in vielen Bereichen – etwa in der Ernährung – als Ideal, für die Sexualität aber offenbar wohl nirgendwo mehr. Die Kritik an der homosexuellen Praxis findet sich schließlich nicht nur im Alten Testament, sondern auch bei Paulus. Wissen wir es besser als der Apostel?
Hestermann Selbst Paulus sagt, dass unsere Sexualität zu uns gehört und eine gute Gabe ist, die man verantwortlich ausleben soll. Wir sollten dem Beispiel Jesu folgen. Seine Botschaft zielt darauf, alle Menschen einzuladen. Sie sind, wie sie sind, von Gott angenommen.

Hägele Neben dem einladenden Jesus gibt es aber auch den Jesus, der sexualethische Gebote aus dem Alten Testament radikalisiert. Kann es sein, dass unsere Kirche es nicht gelernt hat, den unendlich barmherzigen Jesus mit dem zusammenzudenken, der gefordert hat: Wer mich liebt, der hält meine Gebote.
Hestermann Jemand, der seinen gleichgeschlechtlichen Partner liebt und Verantwortung für ihn übernimmt, hält sich gerade an die Gebote Jesu.
Hägele Wenn man das Verbot der Homosexualität im Alten und im Neuen Testament so außer Kraft setzt wie Sie, öffnet man dem Relativismus Tür und Tor. Was ist dann überhaupt noch aus der Bibel sicher?
Hestermann Ich will keineswegs maßstabslos alles aus der Bibel über Bord werfen. Für mich ist die Orientierung an Jesus Christus für den Umgang mit solchen wenigen Stellen entscheidend.
Hägele Mich schmerzt ein wenig dieses Argument, man orientiere sich an Christus. Meist zitiert man dabei Martin Luther, entscheidend für die Auslegung sei, ‚was Christum treibet’. Doch Luther ging es dabei darum, ob eine neutestamentliche Schrift von Christus erzählt oder nicht. Für den Römerbrief, der die schärfste Ablehnung von praktizierter Homosexualität formuliert, trifft aber gerade dies zu. Übrigens: wenn ich Liebe, Treue und Verantwortung zum entscheidenden Maßstab mache, dann kann ich auch Geschwisterehen oder Vielehen nur schwer zurückweisen.
Hestermann Paulus spricht die Thematik Homosexualität in einer Reihe von Beispielen an, was Menschen alles in ihrer Sündhaftigkeit tun. Er entfaltet dies keineswegs breiter. An dieser Stelle sind wir heute weiter.
Hägele Segnen bedeutet nach kirchlichem Verständnis, dass wir den Namen Gottes auf etwas legen, was ihm gehört. Das heißt, die Kirche kann jeden Menschen, selbstverständlich auch Homosexuelle, segnen, weil auf ihnen der Name Gottes steht. Den Bund zweier Homosexueller können wir aber nicht segnen, weil Gott diesen Rahmen laut Bibel nicht vorgesehen hat.
Hestermann Diese Paare fühlen sich aber genauso auf den Segen Gottes für ihre Ehe angewiesen wie heterosexuelle Paare.
Hägele Für mich ist das eine schwierige Art, mit der Bibel umzugehen. Manches – wie das Liebesgebot – soll wörtlich genommen werden, anderes nicht.
Herr Hägele, Segnungen der Partnerschaften sind in allen anderen Landeskirchen möglich. Nur Fehlentscheidungen?
Hestermann Im Rahmen einer seelsorgerlichen Handlung ist das auch in Württemberg erlaubt. Es darf halt kein öffentlicher Gottesdienst mit Glockengeläut sein.
Hägele Allerdings wird in diesen Fällen nicht die Partnerschaft, sondern es werden die einzelnen Menschen gesegnet. Ich finde es ganz spannend, wenn Württemberg quasi das gallische Dorf bleibt und nicht dem gesellschaftlichen Druck nachgibt. Auch die Ökumene sollte uns ermuntern, beim Status quo zu bleiben. Die orthodoxe und die römisch-katholische Kirche werden jedenfalls niemals in diese Richtung gehen. So würde unsere Stellung als Gesprächspartner beschädigt.
Hestermann Dann müssten wir auch die Frauenordination rückgängig machen, die die römisch-katholische Kirche ablehnt. Übrigens wäre es grundverkehrt, wenn die Kirche nur auf den gesellschaftlichen Druck reagiert. Der Zeitgeist ist kein Maßstab. Wir müssen vielmehr theologisch argumentieren und uns an der Bibel sowie an der Botschaft Jesu orientieren. Dann brauchen wir uns auch vor den ökumenischen Theologen nicht zu verstecken.
Hägele Darin, dass der Zeitgeist nicht der Maßstab sein darf, sind wir beide uns tatsächlich einig.
Sehen Sie die Chance eines Kompromisses in der Landessynode, der die Lage befriedet?
Hägele Die Regelung, die seit 2001 in Württemberg gilt – Segnung im Rahmen der Seelsorge, halte ich für optimal. Ich erkenne keinen Bedarf, etwas zu ändern.
Hestermann Wir können nicht dabei stehen bleiben. Ich denke, dass es möglich ist, einen Schritt nach vorne zu gehen, indem man zwar eine Segnung der Partnerschaft ermöglicht, aber noch einen Abstand zur Trauung von Mann und Frau wahrt. Außerdem muss jeder Pfarrer nach seinem Gewissen entscheiden dürfen, ob er solche Segnungen vornimmt.
Hägele Der Gewissenschutz für die Pfarrer ist extrem wichtig. Der muss dann aber auch dauerhaft Bestand haben.
Das hört sich doch nach einer Lösung an.
Hägele Das wäre zumindest pragmatisch. Allerdings hätte man so einen Dissens zementiert. Glücklich wäre ich damit nicht.
Kann das Thema die Kirche spalten?
Hägele Eine Kirchenspaltung wird sicher nicht die Folge sein. Allerdings hat das Thema das Potenzial, Leute zum Austritt zu bewegen. Viele aus unserer pietistisch geprägten Klientel sagen uns, dass sie dann woanders eine geistliche Heimat suchen. Das sind oft sehr treue Gemeindeglieder. Als die norwegische Kirche im Frühjahr die Trauung für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt hat, sind etliche gegangen.
Hestermann Natürlich werden einige Menschen, die die Bibel sehr wortwörtlich verstehen, austreten. Auf der Seite der Lesben und Schwulen ist das aber schon seit Jahren und Jahrzehnten der Fall. Bei ihnen hat die Haltung der Kirche viel Verbitterung ausgelöst. Das könnte sich ändern.