Streit um Uwe Tellkamp Gerangel im Gesinnungskorridor

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Wie rechts dürfen Schriftsteller sein? Der intellektuelle Schaukampf zwischen den Autoren Durs Grünbein und Uwe Tellkamp gibt Einblick in die Mechanik der Debattenkultur und lässt für die Leipziger Buchmesse nichts Gutes erwarten.

Empörungsfreudiges Pflaster: Vor den  schönen Barockfassaden von Dresden demonstrieren besorgte Bürger. Foto: dpa-Zentralbild
Empörungsfreudiges Pflaster: Vor den schönen Barockfassaden von Dresden demonstrieren besorgte Bürger. Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Eigentlich ist es schön zu sehen, wie viel das Wort von Schriftstellern gilt. Ein Disput zwischen Uwe Tellkamp und Durs Grünbein über das Richtige und das Rechte hat dem Land beschert, wonach es vor Beginn der Leipziger Buchmesse dürstet: eine Debatte. Es gibt gute Gründe, Schriftstellern kraft ihrer literarischen Weltschöpfungspotenz einen Blick aufs Ganze zuzubilligen, der produktiv von dem abweicht, über was alltäglich Konsens zu bestehen scheint. Aber es gibt ebenso in trauriger Regel­mäßigkeit erschütternde Fälle, in denen der sehende, mahnende, eifernde Dichter sich als falscher Priester erweist und auf dem Feld des Politischen und Gesellschaftlichen gänzlich verspielt, was er sich auf dem des Ästhetischen errungen hat.

Dresden ist ein Pflaster, das aus den Menschen die merkwürdigsten Dinge hervortreibt. Merkwürdig – das ist dem ursprünglichen Wortsinn nach das, was das Zeug hat, Gegenstand einer Debatte zu werden, etwas, das aufmerken lässt. Vor einigen Jahren war es die Büchnerpreisträgerin Sybille Lewitscharoff, die mit ihren Thesen zur ­Reproduktionsmedizin, aus künstlicher Befruchtung hervorgegangene Kinder seien, wenn nicht Teufelswerk, zumindest zweifelhafte Wesen, einen Sturm der Entrüstung auslöste. Lewitscharoffs Einlassungen lebten davon, unter dem Banner mutiger Querdenkerei in bestimmten Kollektiven durchaus verbreiteten Affekten nach dem Mund zu reden, um sich dann als Märtyrer des herrschenden Tugendterrors feiern zu lassen. Das war im Frühjahr desselben Jahres, in dessen Herbst die ersten fremdenfeindlichen Pegida-Aufmärsche stattfanden.

In Frankfurt haben rechte Verlage ihre Chance geschickt genutzt

Nun, ziemlich genau vier Jahre und eine Flüchtlingskrise später, hat ein Schriftstellerauftritt in der Stadt abermals die Presse zum Rauschen gebracht, die in der Zwischenzeit gelernt hat, mit dem Vorwurf leben zu müssen, von jenem Teil der Bevölkerung, der sich als Volk versteht, als linke Systempresse beargwöhnt zu werden. Zwei berühmte Söhne der Stadt wurden zu einem wohlinszenierten Schaukampf in den Ring geführt: Uwe Tellkamp, der für seinen mit dem Deutschen Buchpreis prämierten Dresden-Roman „Der Turm“ einst bereits in die nationalliterarische Thomas-Mann-Nachfolge gestellt wurde, und der Lyriker Durs Grünbein, der zuletzt die Erinnerungen an den Ort seiner Kindheit in funkelnde Prosastücke gefasst hat.

Tellkamp hat gesagt, was so oder so ähnlich von „besorgten Bürgern“ und ihren mittlerweile parlamentarischen Repräsentanten jederzeit zu hören ist: Flüchtlinge seien zu 95 Prozent Einwanderer in die Sozialsysteme, der Islam bedrohe unsere Gesellschaft, Merkel habe das Land verraten – und dass solche unangenehmen Wahrheiten in dem engen Gesinnungskorridor der Mainstreammedien allenfalls geduldet, aber nicht erwünscht seien, weshalb die Meinungsfreiheit auf dem Spiel stehe. Die Behauptung, etwas nicht verlautbaren zu dürfen, ist allemal der beste Lautverstärker. Es gibt kaum ein Mainstreammedium, das diese Aussagen nicht getreu rapportiert hätte, keines, das ein Rede- oder Publikationsverbot gefordert hätte, kaum eines, das die auf den Auftritt folgende Distanzierung von Tellkamps Verlag Suhrkamp, die Meinung des Autors entspreche nicht der des Hauses, nicht kritisch kommentiert hätte. Was sich inhaltlich gegen Tellkamps Positionen einwenden lässt, hat Durs Grünbein während des Gesprächs und in einer Nachbetrachtung in der „Süddeutschen Zeitung“ geäußert. Ohne Widerspruch keine Debatte. Doch das eigentlich Bemerkenswerte an der Auseinandersetzung mit angeblich dem herrschenden Gesinnungsschema widersprechenden Positionen liegt weniger auf inhaltlicher als auf formaler Ebene. Und da lässt der Dresdner Abend für die kommenden Buchmessentage in Leipzig Schlimmes befürchten.

Der Messe-Auftritt rechter Verlage im letzten Jahr in Frankfurt hat gezeigt, wie geschickt diese formalisierte rhetorische Reflexe für ihre Zwecke zu nutzen wissen. Die rechte Behauptung, ausgegrenzt zu werden, und der linke Impuls, den Anfängen zu wehren, haben sich dort geradezu zu einer PR-Strategie hochgeschaukelt, die extremistischen Kleinstverlagen zu einer Sichtbarkeit verholfen hat, als wären sie das eigentliche Ereignis der Frankfurter Messetage gewesen.

Natürlich darf ein Schriftsteller sagen, was er denkt

Bei der Dresdner Veranstaltung hat der neurechte Verleger Götz Kubitschek bereits die sich vertiefende Spaltung links und rechts des Meinungskorridors voller Vorfreude als seinen Zwecken entgegenarbeitend beschworen. In Leipzig dürfte er noch leichteres Spiel haben als in Frankfurt.

Womit man bei der Ost-West-Friktion angekommen wäre, aus der die gegenwärtige populistische Erhitzung ihre Energie bezieht. Westdeutsche Kommentatoren, so Tellkamp, die nie ihr Leben für die Demokratie auf Spiel setzen mussten, sprächen nun den Ostdeutschen ihre Demokratiefähigkeit ab. In seiner Nachbetrachtung erinnert Durs Grünbein daran, woraus sich diese Empfindlichkeit speist: „Eines Tages lag die Lufthoheit über den öffentlichen Raum und das Denken bei den anderen – den Schnelleren, Klügeren, Weltgewandteren, Kapitalstarken aus dem Westen des angeblich so einigen Landes.“ Doch der Ostdeutsche Grünbein erinnert auch daran, dass dieselben Leute, die in die Sozialsysteme des Westens eingewandert sind, sich heute über den Zuzug aus anderen Erdteilen beklagen: „Als es kein Risiko mehr war, auf die Straße zu gehen, waren sie plötzlich alle dabei – und marschierten dem Begrüßungsgeld entgegen.“

Der Autor und FAZ-Redakteur Simon Strauß erkennt in seinem Beitrag zur Debatte einen merkwürdigen Positionswechsel. Wo einst der positive Bezug auf das wiedervereinigte Deutschland geradezu der Ausweis eines geistigen deutschen Konservativismus gewesen sei, schwärme man heute in der patriotischen Ecke von dem klaffenden Riss zwischen Ost und West und beschwere sich über die Meinungshoheit der westdeutschen Medien. Was diese angeht, sollte man freilich nicht vergessen, dass Strauß selbst vor Kurzem ein moralisches Reinigungsgewitter auszuhalten hatte und auf äußerst anfechtbarer Beweisgrundlage der AfD-Nähe geziehen wurde.

Vielleicht ist das ja die Lehre, die man aus der ganzen Sache ziehen kann: Bevor der gedankenpolizeiliche Erkennungsdienst Äußerungen moralisch kategorisiert, sollte man zuhören und zweimal überlegen, ob man der gedanklichen Dürftigkeit bestimmter Positionen wirklich den Brandbeschleuniger der Empörung zuteilwerden lassen will. Natürlich darf ein Schriftsteller sagen, was er denkt. Ob man dann noch Lust hat, ihn zu lesen, ist eine andere Frage.