Streit ums Gymnasium Verdacht und Gegenverdacht

Von Reiner Ruf 

Die Opposition im Landtag sieht wegen eines Arbeitskreispapiers aus dem Dunstkreis des Kultusressorts das Gymnasium in Gefahr. Schulminister Andreas Stoch (SPD) hält das für „hysterisches Geheul“.

Wenn es um das Gymnasium geht, werden Politiker schnell grundsätzlich – auch im Landtag. Ob das den Schülern hilft, steht auf einem anderen Blatt. Foto: dpa
Wenn es um das Gymnasium geht, werden Politiker schnell grundsätzlich – auch im Landtag. Ob das den Schülern hilft, steht auf einem anderen Blatt. Foto: dpa

Stuttgart - Es überraschte dann doch, dass die Opposition die Landtagsdebatte über die Zukunft des Gymnasiums nur mit Personal aus der zweiten Reihe der Fraktionen bestritt. Schließlich ging es, sagte der FDP-Fraktionsvize Timm Kern, um nicht weniger als „den Wohlstand unserer Gesellschaft“, an den Grün-Rot die Axt anlege. Kern verriet auch, wie es dazu kommen könne: Die Pläne eines bereits von der früheren Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) eingesetzten Arbeitskreises zur Weiterentwicklung der Gymnasien gefährdeten die Qualität des baden-württembergischen Abiturs.

Rülke schweigt, Wolf kellnert

Der Wohlstand bald perdu? Der ganze Plenarsaal erwartete, dass es sich FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke nicht nehmen lassen würde, diese Zumutung anzuprangern. Hatte seine Fraktion die Debatte doch beantragt. Doch Rülke schwieg ebenso wie sein CDU-Kollege Guido Wolf, der erst wenige Tage zuvor „Brandgefahr“ für die Gymnasien konstatiert und vor einem „Gymnasium light“ gewarnt hatte. Aber Wolf, der nach seiner Wahl zum CDU-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl unbedingt auch Chef der Landtagsfraktion werden wollte, tritt in ­dieser Funktion wenig in Erscheinung. Stattdessen konzentriert er sich darauf, im Land seine Bekanntheit zu steigern – etwa mit einem kurzen, aber kameratauglichen Auftritt als Aushilfskellner in einer Stuttgarter Gaststätte.

Im Landtag widmete sich Wolf am Donnerstag stattdessen dem Schutz der Polizisten vor Übergriffen von Demonstranten. Ein Anliegen, das im Parlament jedermann teilte. Wolfs Forderung nach einer Strafverschärfung trat der frühere Justizminister Ulrich Goll indes mit dem Hinweis entgegen, es bedürfe keiner schärferen Sanktionen, solange die Gerichte nicht die vorhandenen Gesetze ausreizten.

An Wolfs Stelle geißelte also der ­CDU-Fraktionsvize Karl-Wilhelm Röhm das Arbeitskreispapier zum „Gymnasium 2010“. Sein Verdacht: dahinter stecke die Absicht, „unsere Gymnasien gemeinschaftsschulkonform“ zu machen. Röhm befürchtet kürzere, daher anspruchslosere Lernphasen für Fremdsprachen und eine Schwächung der Naturwissenschaften. Überdies gingen die Vorschläge zu Lasten der berufliche Gymnasien. Wie kommt der CDU-Abgeordnete zu dem Befund? In dem Papier, das unter anderem von sieben Gymnasialdirektoren ausgearbeitet wurde, geht es um eine stärker individuell ausgerichtete Förderung der Schüler, aber auch um einen besseren Übergang von der Mittel- zur Oberstufe. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) verwies auf eine kürzlich vorgestellte Studie des Tübinger Bildungsforschers Ulrich Trautwein zum achtjährigen Gymnasium. Sein Befund: G8-Gymnasiasten erbringen im Vergleich mit G9-Gym­nasiasten keine schlechteren Leistungen (Ausnahme: Fremdsprachen), leiden aber häufiger unter Stress und Überforderung.

Grün-Rot dementiert ernste Reformabsicht

In dem Arbeitspapier wird vorgeschlagen, die Klasse 10 künftig als OS 1 der Oberstufe zuzuschlagen. Sie soll auch Schulwechsler von Gemeinschaftsschule und Realschule den Weg zum allgemeinbildenden Abitur öffnen. CDU und FDP erkennen darin ein Schwächung der beruflichen Gymnasien und im Ergebnis eine Absenkung auf Gemeinschaftsschulniveau. Der Arbeitskreis will den Gymnasiasten überdies ermöglichen, die zweite Fremdsprache abzuwählen und dafür in der Oberstufe eine neue, dritte Fremdsprache anzufangen. Das vierte Kernfach könne statt einer Naturwissenschaft oder der zweiten Fremdsprache auch Geschichte, Wirtschaft oder zum Beispiel Musik sein. Das Abitur soll statt vier schriftlichen und einer mündlichen künftig drei schriftliche und zwei mündliche Prüfungen verlangen.

Letzteres, so Minister Stoch, entspreche den Regeln in Bayern. Eine Schwächung des Gymnasiums als Ganzem oder auch nur der Fremdsprachen werde es nicht geben. „Strukturelle Änderungen lehne ich ab“, sagte Stoch. Fatal seien aber auch Denkverbote. Die Opposition mahnte er, „nicht bei jeder bildungspolitischen Debatte in hysterisches Geheul auszubrechen“. Sein Verdacht: die Opposition wolle um des politischen Vorteils willen „Empörung züchten“. SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel sekundierte: „Die Vorschläge zur Reform der Oberstufe greifen wir nicht auf.“

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