Streit ums Kind Wohl oder Wehe

Von  

Die kleine Elena wohnt fast schon ihr ganzes Leben bei ihrer Pflegemutter. Nun soll sie zu ihrer leiblichen Mutter ziehen. Ist das eine gute Entscheidung?

Wenn Kindern die Freiheit fehlt, jedes Familienmitglied lieben zu dürfen, geraten sie in ein Dilemma. Foto: Sodapix AG
Wenn Kindern die Freiheit fehlt, jedes Familienmitglied lieben zu dürfen, geraten sie in ein Dilemma. Foto: Sodapix AG

Stuttgart - Als Ricarda Sauer* vom Kindergarten zurückkommt, laufen ihr die Tränen über das Gesicht. Der Tag hat wieder furchtbar begonnen. Erst wollte Elena nicht aufstehen. Dann wollte sie nicht vom Frühstückstisch weg. Und schließlich weigerte sich das kleine Mädchen, seine Jacke und die Mütze anzuziehen. Als Ricarda Sauer mit der warm eingepackten Elena endlich vor dem Haus stand, wollte sie partout nicht in den Kindergarten. Und als dieses Ziel doch irgendwann erreicht war, wollte Elena nicht dortbleiben. Sie weinte und klammerte sich an Ricarda Sauer.

Wie gesagt: furchtbarer hätte dieser Februartag kaum beginnen können. Ricarda Sauer raucht zur Beruhigung erst einmal eine Zigarette.

Ricarda Sauer ist die Pflegemutter von Elena. Elena geht noch in den Kindergarten und wohnt schon fast ihr ganzes junges Leben bei Ricarda Sauer in einem kleinen Ort in Baden-Württemberg. Wie dieser Ort heißt, wie alt Elena ist und manch anderes, das die Identifizierung der an diesem Familiendrama beteiligten Personen erleichtern würde, wird zum Schutz der Beteiligten nicht genannt.

Seit das Jugendamt im Juni des vergangenen Jahres entschieden hat, dass das Mädchen zu seiner leiblichen Mutter Tanja ziehen soll, tobt ein Kampf zwischen der Pflegemutter, der leiblichen Mutter und dem Amt. Und Elena hat angefangen, in die Hose zu pieseln.

Ein jahrelanger Konflikt

Oh Gott, denkt man, wieder so ein Fall, wo ein Jugendamt ein kleines Kind sehenden Auges in die Katastrophe schickt. Wie neulich in Freiburg, wo der dreijährige Alessio zu Tode kam, obwohl das Amt hätte wissen müssen, dass der Bub daheim in Gefahr ist. Oder wie zuvor in Hamburg, wo die zweijährige Yagmur zu ihrer leiblichen Mutter zurückgeschickt wurde, die sie über Monate hinweg zu Tode quälte.

Aber ist es so einfach?

Der Konflikt zwischen Ricarda Sauer und Tanja beginnt schon lange, bevor Elena auf die Welt kommt. Ricarda Sauer, heute Mitte 40, ist nicht nur die Pflegemutter von Elena, sie ist auch ihre Großmutter. Und Tanja, Anfang 20, ist Ricarda Sauers Tochter. Die zwei Frauen haben mehr schwere Jahre miteinander gehabt als leichte.

Ihr Kampf beginnt vor mehr als zehn Jahren, kurz nachdem sich Ricarda Sauer von ihrem Mann getrennt hat. Tanja ist neun und wird scheinbar aus dem Nichts aggressiv. Sie beschimpft ihre Mutter als „Arschloch“, „Kindsmörderin“ und „Hure“. Aus heiterem Himmel schreit sie: „Ich bringe euch alle um.“ Oder sie droht damit, aus einem Fenster im dritten Stock zu springen. Das Mädchen zerlegt sein Kinderzimmer, knallt mit Türen und würgt seine Schwester im Schlaf. Tanja tritt ihre Mutter. Sie ritzt sich die Arme auf und legt Feuer im Haus.

Zwischen diesen Ausrastern, berichtet Ricarda Sauer, sei Tanja ein umgängliches Kind gewesen. Doch alle paar Wochen sei der Terror von vorne losgegangen.