Streit ums Rotlicht im Leonhardsviertel „Wir brauchen keinen zweiten Killesberg“

Ein neuer Bebauungsplan fürs Leonhardsviertel soll kommen. Was aber bedeutet das für das Quartier? Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Für die einen Schmuddelecke, für die anderen das Ausgehviertel – die Leonhardsvorstadt hat viele Gesichter. Könnte der neue Bebauungsplan daran etwas ändern? In Bars und Kneipen äußert man sich besorgt.

Eine Schmuddelecke mit Bordellen, bekannt für Drogenhandel, bezahlten Sex oder Alkoholexzesse für die einen, buntes und lustiges Treiben mit vielen Stuttgarter Originalen für die anderen. Das Leonhardsviertel ist neben der Prostitution vor allem für seine Bars und Kneipen bekannt. Bei sommerlichen Temperaturen wird so manche Ecke zum Feierabend-Treffpunkt. Auch nachts ist hier noch etwas los, manche der Kneipen hier haben um 7 Uhr morgens noch oder schon wieder geöffnet.

 

Seit Jahren sorgt das Viertel für politische Debatten über die Frage, was hier von städtischer Seite erwünscht ist. Vor Kurzem hat die Diskussion wieder Fahrt aufgenommen. Im technischen Ausschuss der Stadt wurde ein neuer Bebauungsplan beschlossen. Das Ziel: Die großen Bordelle sollen aus der „Leo“, wie viele hier sagen, verschwinden. Die Behörden sollen dadurch restriktiver gegen Vergnügungsstätten, Bordelle und Wettbüros vorgehen können. Im Viertel selbst ist das Vorhaben umstritten.

Mittendrin im Geschehen: das Fou Fou, eine der Cocktailbars im Viertel. Patrick Witz betreibt die Bar seit 2019. „Wir brauchen keinen zweiten Killesberg“, sagt er über die Pläne. Witz fürchtet, dass es zu einer Verdrängung der Bars und des Nachtlebens kommen könnte. Schon heute führen Gastronomen wie er mit der Stadt Verhandlungen über die Außengastronomie und die Frage, wie lange auch auf der Straße Getränke angeboten werden dürfen. „Die Stadt braucht einen richtigen Plan“. Bisher sieht er diesen aber hier nicht.

Hugo-Boss-Anzüge, Prostitution, Angels und der Heimatbund

Die meisten im Viertel haben wie Patrick Witz eine Meinung zur Debatte. Sie öffentlich sagen wollen viele allerdings nicht. Mit der Zeitung wollen einige nichts zu tun haben. Andere wollen keine Partei ergreifen in alten Konflikten oder keine neuen riskieren. Da gibt es jüngere Gastronomen, die im Clinch mit etablierten stehen, Beschwerden in der Nachbarschaft wegen nächtlichen Lärms und Streitigkeiten rund um die Bordelle, die teils sogar Gericht ausgetragen wurden.

Auf der „Leo“ gibt es neben Bordellen auch mehrere Bars, wie beispielsweise das Lido (hier im Bild). Foto: Lichtgut/Julian Rettig/Julian Rettig

Animierdamen, die auf die Kundschaft warten, junge Leute, die am Eck zusammen eine Schorle trinken, Männer im Hugo-Boss-Anzug auf dem Weg in eine der angesagten Bars – hier kommt alles zusammen. Der Schwäbische Heimatbund hat hier Räumlichkeiten, nur wenige Meter von den Hells Angels entfernt. Neben Bordellen gibt es hier beispielsweise die angesehene Weinstube Fröhlich, ein gut bürgerliches Restaurant oder den Goldenen Heinrich, eine große Schwulenbar. Es ist eine Mischung, die andernorts wohl kaum denkbar ist.

Einer, der das bunte Treiben schätzt, der seit Jahren im Viertel wohnt und arbeitet, ist SPD-Bezirksbeirat Heinrich Huth. Seit 24 Jahren steht er hinter der Bar der Jakobstube, einer urigen Kneipe in der gleichnamigen Straße. Wenn Huth über sich und die anderen Leute hier im Viertel als „Schmuddelkinder der Großstadt“ spricht, meint er das nicht negativ. „Hier gibt es eine natürlich gewachsene Toleranz der Menschen“, sagt der 60-Jährige. Auch wenn es hier oft laut und chaotisch zugeht, er wohnt gerne im Leonhardsviertel. „Hier bin ich am Leben, gerade wegen des Lärms“, sagt er und lacht. Heinrich Huth hat als Bezirksbeirat den neuen Plänen im technischen Ausschuss nicht zugestimmt. Bei den Sitzungen, Gesprächen und an den runden Tischen sei zu oft über die Menschen im Viertel gesprochen worden anstatt mit ihnen, kritisiert Huth.

Es gebe eine große „Diskrepanz zwischen dem, was die Menschen im Viertel denken und was im Gemeinderat diskutiert wird“, so Huth. Außerdem hätten sich zuletzt oft „diejenigen durchgesetzt, die das meiste Geld mitbringen“, so Huth. In der Gaststube des Brunnenwirts spricht der 60-Jährige über die Debatten der vergangenen Jahrzehnte. „Ich finde Prostitution auch nicht gut, aber wir brauchen mehr als Ideenlosigkeit“, meint er. Einen Satz sagt Huth im Gespräch oft: „Wir wollen von innen leuchten“. Es müsse darum gehen, die Menschen zu stärken.

Heinrich Huth im Brunnenwirt Foto: StZN/Lea Krug

Skepsis, ob sich wirklich etwas ändert

Am Wilhelmsplatz, nur zwei Gehminuten vom Brunnenwirt entfernt, ist das Rotlicht weniger präsent. Im Gegensatz zur „Leo“ ist in diesem Teil des Viertels auch tagsüber etwas los. An den ersten Frühlingstagen trifft man sich hier mit Sonnenbrille zum Cappuccino, später auch zum Bier. Charlotte Marie Schunder arbeitet seit sieben Jahren hinter der Bar des Süßholzes – tagsüber ein Café, abends eine Bar. Sie glaubt nicht, dass sich mit den neuen Plänen wirklich etwas ändert. „Auch als es während der Corona-Pandemie verboten war, gab es Prostitution“, sagt sie. Da dürfe man keine naiven Vorstellungen haben. Ihr Eindruck der vergangenen Jahre: „Heute trauen sich mehr junge Frauen durchs Viertel zu laufen, auch weil es mehr Gastronomie gibt“, sagt sie.

Gegen Feierabend werden die Bars und Kneipen am Wilhelmsplatz zum Treffpunkt vieler. Foto: Lichtgut/Julian Rettig/Julian Rettig

Während Schunder von mehr gefühlter Sicherheit spricht, hat Noah Gürak, der wenige Meter entfernt im La Concha – einer klassischen Kneipe mit großem Außenbereich – arbeitet, einen ganz anderen Eindruck. „Das Problem sind die Drogen, was das angeht, ist es härter geworden“, sagt der 25-Jährige. Er ist der Sohn des Wirts, im Viertel aufgewachsen, wie er erzählt. Angst habe er als Junge damals nie gehabt. „Es kannten mich alle auf der Straße“, sagt er. Einige ältere Herren an der Theke der Kneipe hören dem Gespräch zu, nicken und lachen zustimmend. Bei Gürak im La Concha und den anderen Bars in der Ecke kommen die verschiedensten Menschen zusammen. Rentner, Studenten, Beamte, aber auch Menschen, die auf die ein oder andere Art mit dem Rotlicht zu tun haben.

Noah Gürak vor dem La Concha. Foto: StZN/Lea Krug

Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle gilt manchem hier als Buhmann. Sie setzt sich seit Jahren dafür ein, dass die nicht genehmigten Bordelle im Viertel verschwinden. Die Grünen-Politikerin hält dagegen: „Niemand will das Viertel gentrifizieren. Jung, alt, arm reich – alle sollen hier friedlich zusammenleben können.“ Der neue Bebauungsplan soll auch dazu beitragen, dass sich hier Familien in ihrem Alltag sicherer fühlen können. Prostitution verbieten könne die Stadt ohnehin nicht. „Wir müssen aber verhindern, dass das Milieu ganze Quartiere dominiert. Straßenprostitution, Drogenhandel, Raub- und Gewaltdelikte sind ständiger Begleiter im Umfeld einschlägiger Betriebe“, sagt sie. Noch fehlt der Beschluss des Gemeinderates, eine Mehrheit gilt aber als wahrscheinlich.

Veronika Kienzle führt an einem Nachmittag durch das Viertel. Auf der Leonhardsstraße und drum herum, dort wo sich die großen Bordelle und bordellähnlichen Betriebe befinden, ist trotz der Lage kaum etwas los. Nur wenige Menschen laufen durch die Straße. Die Frau mit dem schwarzen Rad und den langen glatten Haaren kennt man hier, immer wieder schaut jemand aus dem Haus. Auch der Wachmann eines der Etablissements tritt vor die Tür. „Die haben uns im Blick“, sagt die Bezirksvorsteherin.

Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle in der Leonhardsstraße. Foto: StZN/Lea Krug

Das Argument, dass von der Prostitution betroffene Frauen ihren Körper mit der Verdrängung der großen Bordellbetriebe im Viertel wohl an anderer Stelle verkaufen müssen, lässt die Bezirksvorsteherin nicht gelten. „Wer so argumentiert, ist oft Teil des Systems, Prostituierte fallen nicht vom Himmel“, sagt sie. Kienzle blickt auf eines der Häuser und zeigt auf ein Fenster: „Da läuft was.“

Doch nicht nur die Bordelle sieht die Bezirksvorsteherin kritisch. Auch wie hier so manche Ecke ausschaue, werde dem öffentlichen Raum nicht gerecht. Mehrere der Bars – etwa Richtung Leonhardsplatz – haben ihre Rollos unten. Zusammengeschoben stehen Bänke und Tische vor einer der Kneipen. „Das sieht aus wie ein Möbellager“, kritisiert die Grünen-Politikerin.

Wo soll es hingehen?

Kienzle schwärmt von den Geschäften, die es früher einmal gab: ein Blumenladen, eine Töpferei oder auch ein Käsegeschäft. „Wir wollen ein normales Quartier und Nachbarschaften aufbauen“, sagt sie. Viele der Gassen und Hinterhöfe im Leonhardsviertel sind jedoch versperrt – mit Plastikwänden oder Holzgittern. Die Eigentümer der Häuser versuchen zu verhindern, dass die schmalen historisch gewachsenen Ecken als Toiletten missbraucht werden. Mit Blick auf einen der Hinterhöfe sagt die Bezirksvorsteherin: „Daraus könnte man etwas machen.“

Weitere Themen