Herr Schäfer, warum sind wir vor und an Weihnachten oft so gestresst?
Das liegt wohl an unseren Erwartungen, die oft nicht so eintreten, wie wir uns das vorgestellt haben. Man könnte sagen, der Stress ist der Preis für ein für uns perfektes Fest. Da soll der Baum schön sein und toll geschmückt, die Geschenke sollen nett verpackt sein und vor allem passend für den, der sie bekommt. Ein 3-Gänge-Menü vom Feinsten soll es geben und nette Leute, inspirierende Gespräche und Harmonie.
Das alles vorzubereiten kostet einfach Zeit und Energie. Darüber hinaus arbeiten viele von uns auf den letzten Drücker. So nach dem Motto „ja ist denn schon Weihnachten?“ Dann kommt zu allem noch der Zeitmangel dazu. Das Buch, das man dem Partner oder der Partnerin schenken wollte, ist ausverkauft. Dann ist Ärger angesagt oder Frust. Und all das erzeugt Stress.
Haben wir vielleicht einfach zu hohe Erwartungen an die Feiertage?
Zum Teil sind die Erwartungen hoch. Da sollen Familien ein harmonisches Fest miteinander verbringen, die unter dem Jahr kaum miteinander reden. Warum sollte das dann an Weihnachten auf einmal klappen? Ganz davon abgesehen, haben viele schon eine genaue Erwartung an das „perfekte“ Fest. Und wenn uns die unvollkommene Realität mit der Ente, die im Ofen zu lange gegart hat, oder das Geschenk, das nicht gefällt, konfrontiert, sind wir enttäuscht, ärgerlich, hilflos oder deprimiert.
Was hilft dann?
Was dagegen hilft, ist die Erwartungen herunterzuschrauben. Menschen, die ein „Weihnachten light“ feiern, haben nicht so viele Fallen, in die sie treten können: Man kann Plätzchen auch kaufen statt zehn Tage lang jeden Abend in der Küche zu stehen und zu backen, ein kleines Geschenk reicht aus und eventuell gibt es ja eine Wunschliste, dann finde ich auch das richtige Geschenk für jede und jeden. Man sollte außerdem rechtzeitig mit den Vorbereitungen anfangen, also nicht erst am 24.12. die Läden stürmen. Und wie wäre es, wenn alle, die am Fest teilnehmen, etwas zum Essen beisteuern – ohne dass ich für sechs Leute ein 3-Gänge-Menü vorbereiten muss. Und sehr wichtig ist auch, dass wir einplanen, dass Dinge auch mal nicht funktionieren dürfen. Dann ist Improvisieren angesagt.
In vielen Familien oder Partnerschaften kriselt es das ganze Jahr über. Muss man sich den Weihnachtsstress dann überhaupt geben?
Ehrlich gesagt: Nein. Die Festtage haben so etwas wie eine Brennglaswirkung. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Uneinigkeiten an solchen Tagen eskalieren, was die Statistik, zum Beispiel der Einsätze in privaten Haushalten, auch zeigt. Wie wäre es also, wenn in einem solchen Fall einfach eine kreative Lösung greift? Jeder feiert dort, wo er sich wohlfühlt und willkommen ist. Falls das nicht möglich ist, zum Beispiel weil Kinder involviert sind, kann man auch einen langen Spaziergang machen, statt gezwungenermaßen zu Hause über dem Mensch-ärgere-Dich-nicht zu hängen.
Und was sollten wir tun, wenn es an Weihnachten Streit gibt?
Wenn es Streit gibt und es keine Kompetenz zur Lösung gibt, ist es am sinnvollsten, die Diskussion aufzuschieben. Und falls das nicht klappt, sollte man lieber an dem Abend getrennte Wege gehen, statt sich zu beschimpfen oder zu bekämpfen. Manchmal ist es auch gut, Regeln aufzustellen. Zum Beispiel: Ein Thema wird heute Abend nicht angesprochen. Wir reden stattdessen aber beispielsweise über unsere Unternehmungen in diesem Jahr.
Wie entsteht Harmonie?
Ich würde Harmonie als das Gegenteil von Streit definieren. Damit entsteht Harmonie also, wenn Konflikte oder andere Ansichten oder Einstellungen entweder akzeptiert werden oder eine Basis gefunden wird, einen Kompromiss oder eine sogenannte „dritte Lösung“ (mit der alle Beteiligten sich wohlfühlen) zu nutzen. Wenn Harmonie nicht dadurch erzwungen wird, dass die Beteiligten ihre Wünsche und Bedürfnisse unterdrücken, liegen Lösungskompetenzen zu Grunde, um mit Unterschiedlichkeiten im Denken und Handeln umzugehen. Doch diese lernt man natürlich nicht mal schnell am Weihnachtsabend!
Welche weiteren Tipps haben Sie für ein entspanntes Weihnachtsfest?
Für alle, die mit Struktur besser umgehen können als mit Improvisation, ist ein Plan sinnvoll. Oder sogar eine Checkliste. Die Ansprüche der Beteiligten sollten auch geklärt sein. Kann und will ich das so haben? Wenn nicht, sollte man das im Vorfeld klären – und nicht unter dem Tannenbaum. Welche Art von Fest möchte ich? Ein Weihnachten der Extraklasse oder ist es auch okay, alles etwas „downzusizen“? Rituale helfen oft, wenn sie nicht als fixes Korsett eingesetzt werden und genug Platz für nötige Improvisation geben.
Auch mal in ganz andere Richtungen schauen hilft ebenso: Wie wäre es mit einem Kurzurlaub über Weihnachten, einen ehrenamtlichen Einsatz oder Kurzbesuchen statt stundenlangem Zusammensitzen? Das Essen gemeinsam zubereiten oder nachmittags den Baum gemeinsam schmücken? Ich glaube, vieles entzerrt sich auch, wenn wir von den eingerosteten Traditionen abweichen können und flexibel bleiben. Traditionen dürfen sein, müssen aber nicht!