Streit wegen Schnittkurs Palmers Baumschnitt erhitzt noch immer die Gemüter

Helmut Palmer im Jahr 2004 in Weinstadt-Strümpfelbach Foto: /privat

In einem Baumschnittkurs in Rudersberg sei geraten worden, Bücher des „Remstalrebellen“ Helmut Palmer zu zerreißen. Seine Tochter empört sich – zu recht?

Gudrun Mangold ist sauer. Sie geißelt, fast im Stil ihres Vaters, des legendären „Remstalrebellen“ Helmut Palmer, die „Entgleisung einer Amtlichen“. Diese, gemeint ist Ute Ellwein, früher Obstbauberaterin im Rems-Murr-Kreis, heute beim Landwirtschaftlichen Technologiezentrum in Karlsruhe tätig und Vorsitzende des Vereins der Beratungskräfte Obstbau, Garten und Landschaft Baden-Württemberg (BOGL), habe empfohlen, Bücher mit Palmers Obstbaulehre zu zerreißen.

 

Ein Schnittkurs extra für Frauen

Unsere Zeitung hatte über jenen Schnittkurs für Frauen in Rudersberg berichtet, bei dem der Affront passiert sein soll. Ein fachlicher Seitenhieb, der, wie in jenem Bericht nachzulesen, letztlich nicht ganz so dramatisch war. Die Kursleiterin hatte den 16 teilnehmenden Damen, die allesamt lediglich im Hobbyrahmen Streuobstwiesen eigenständig betreuen wollen, den Tipp gegeben, bestimmte Schnitttechniken zu meiden, die auf hohen Ertrag angelegt seien. Dies mache nur unnötig Arbeit.

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Die erfolgreiche Schnittmethode von Helmut Palmer, Vater des streitbaren Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer, habe „Fachleute von Anfang an“ rasend gemacht, sagt Gudrun Mangold nun. Sie hat kürzlich im eigenen Verlag ein zusammen mit ihrem Vater einst verfasstes Buch über Palmers speziellen Öschberg-Schnitt neu herausgegeben. Und sie erinnert im Zusammenhang mit dem Rudersberger Frauenschnittkurs ausdrücklich an die Zeiten des sogenannten württembergischen Obstbaukriegs vor gut fünf Jahrzehnten. Sie schreibt: „Dabei ist es in den Jahrzehnten geblieben – ein baden-württembergischer Landes-Krimi.“

Konzentration auf hohen Ertrag „nicht mehr zeitgemäß“

Was war in Rudersberg beim ersten reinen Frauenschnittkurs vorgefallen? Was denn eigentlich mit dem Öschberg-Schnitt sei, hatte eine Teilnehmerin die Kursleiterin gefragt. Diese klassische Schnittform, die Helmut Palmer im Remstal bekannt gemacht habe, diene der Intensivkultur auf starkwüchsigen Bäumen und sei nicht mehr angesagt, lautete die Antwort. „Den hat man früher eingesetzt, um möglichst viel Ertrag aus dem Baum herauszuholen.“

Überholt sei auch jegliche Schneidetechnik, bei der alle Äste, die nach innen wachsen und sich kreuzen, radikal entfernt werden. Und dann kam der Rat an die Hobby-Obstbauerinnen, der keineswegs, wie von Mangold beklagt, speziell auf Palmer-Bücher gemünzt war: „Falls Sie das irgendwo in einem Ratgeber oder Buch lesen, reißen Sie am besten sofort die Seite raus.“ Das kam an anderer Stelle nicht gut an. „Bücher zerreißen. Damit ja niemand liest, was da drin steht?“, fragt Palmers Tochter. Ellweins „Entgleisung“ stehe in einer langen Tradition. Die Mitglieder im BOGL, die überwiegend im öffentlichen Dienst tätig sind, etwa als Obstbauberater, seien diejenigen, die Helmut Palmer gerne „die Amtlichen“ genannt habe.

Vorwurf: Palmer wurde bekämpft oder totgeschwiegen

Von BOGL und auch dem LOGL – dem Dachverband der Obst- und Gartenbauvereine – samt den damit laut Mangold auch personell verbandelten Fachverlagen werde Palmers Lehre vehement bekämpft, „wie man am aktuellen Fall sieht“. Oder der Palmer-Schnitt werde, wie in „der Gazette ‚Obst und Garten’“, einfach komplett totgeschwiegen. Dies trotz der Tatsache, dass Helmut Palmer in Württemberg über Jahrzehnte eine prägende, wenn nicht gar „die zentrale Figur“ in Sachen Obstbau gewesen sei.

Palmer sei von dem „Konsortium der Informationsmonopolisten“ als Persona non grata behandelt worden. „Wenn es diesen Obstbau-Blockwarten ehrlicherweise um ertragreiche, stabile und einfach abzuerntende Obstbäume gegangen wäre, hätte man sofort mit Palmer kooperieren und seine Lehrtätigkeit unterstützen müssen“, schreibt Gudrun Mangold in ihrem Blick zurück. „Aber man tat genau das Gegenteil.“ Helmut Palmer sei von Anfang an erbittert und wie ein Feind bekämpft worden. Die Rudersberger Veranstaltung sei „ein Paradebeispiel für diesen Kampf“ der – so jedenfalls die Sichtweise der Tochter – offenbar immer noch unbeirrt weitergeführt werde.

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